Andreas Deja steht vor dem Löwen-Gehege im Zoo Duisburg, in den Händen hält er Stift und Block. Mit filigranen Linien skizziert er eine der majestätischen Raubkatzen auf dem Baum hinter der Glasscheibe. Fasziniert blicken umherstehende Kinder auf das Papier und die gemalte Löwin. Sie ahnen aber nicht, dass der Mann mit der Brille, der gerade neben ihnen zeichnet, die Disney-Helden ihrer Kindheit zum Leben erweckt hat.

30 Jahre lang widmete sich Andreas Deja der Kunst des Zeichnens für Disney – die Traumfabrik, die Millionen Menschen weltweit mit ihren zauberhaften Geschichten und Fantasiewelten begeistert. Dabei ist er für einige der ikonischsten Charaktere der Filmgeschichte verantwortlich: den intriganten Löwen Scar aus „Der König der Löwen“ (1994), König Triton aus „Arielle, die Meerjungfrau“ (1989) oder den selbstverliebten Gaston aus „Die Schöne und das Biest“ (1991). Sein eigener Weg nach Hollywood liest sich dabei selbst wie das Drehbuch zu einem Disney-Film.


Trickfilmzeichner bei Disney: Bewerbung schon als Kind
Aufgewachsen in Dinslaken, sieht der elfjährige Andreas Deja den Klassiker „Das Dschungelbuch“ (1967) im Kino. „Ich hatte noch nie zuvor einen Disney-Film gesehen“, erinnert er sich. Fasziniert von den Zeichnungen, die sich bewegten, wächst in ihm der Wunsch, selbst einmal die Figuren mit Leben zu füllen. Doch seine Familie hält diese Träumerei zunächst für wenig realistisch.
Doch der junge Andreas Deja lässt sich nicht entmutigen: „Mit meinem Englischlehrer habe ich einen Brief an die Walt Disney Productions aufgesetzt. Ich konnte kaum Englisch“, blickt der 68-Jährige zurück. Nicht einmal die genaue Postanschrift war ihm bekannt. Er wollte herausfinden, wie er sich auf eine Karriere als Trickfilmzeichner vorbereiten könne. Einige Zeit später hält er die Antwort in Händen. Das Kuvert schmückt das ikonische Mickey-Maus-Logo. Sein Herz schlägt vor Aufregung schneller.

Andreas Deja lernt das Zeichnen von Tieren im Zoo Duisburg
„Den Brief habe ich heute noch. Sie haben mir sehr gute Ratschläge gegeben“, erzählt Deja. Statt Pluto, Micky Maus oder Donald Duck solle er sich zunächst auf die Realität konzentrieren und seine Fähigkeiten als Künstler entwickeln. Er solle menschliche Körper zeichnen – mit nur 14 Jahren besucht er deshalb einen Akt-Zeichenkurs an der Volkshochschule in Oberhausen. Er solle außerdem die Anatomie von Tieren verstehen, ihre Bewegungen und Verhaltensweisen studieren und auf Papier festhalten. Und so führt ihn der Weg schließlich immer wieder in den Zoo Duisburg.
Mehr als 45 Jahre später kehrt Andreas Deja nun zum ersten Mal an den Ort zurück, an dem alles begann: den Tierpark am Kaiserberg. „Hier fing alles an. Hier habe ich mir alles selber beigebracht“, erklärt er. Seine ersten Besuche im Zoo hat er noch lebhaft in Erinnerung – vor allem die Herausforderungen: „Die Tiere bewegen sich ja alle.“ Anfangs konzentriert er sich daher auf die lethargischen Bewohner: die Krokodile. Mit einer Super-8-Filmkamera fängt er am Kaiserberg viele reale Tierszenen ein: Wie sich ein Elefant bewegt, wie sich ein Zebra hinlegt und wieder aufsteht.


Mit einem One-Way-Ticket nach Los Angeles
1980 und nach einem Studium an der Folkwang in Essen verwirklicht er seinen Traum: Er kauft sich ein One-Way-Ticket nach Los Angeles und nimmt an einem sechswöchigen Ausbildungsprogramm bei Disney teil. Danach hat er einen Festvertrag, prägt später jahrelang als Chefzeichner weltberühmte Figuren. Es sind oft die ausdrucksstarken Bösewichte, für die er bei Disney verantwortlich ist. So wie der machthungrige Löwe Scar aus „Der König der Löwen“.


Am Anfang eines Schaffensprozesses stehen erste Skizzen und Vorstudien, die das Aussehen der Figur in groben Zügen definieren. Bei der Gestaltung helfen Storyboards, das Drehbuch sowie die Sprachaufnahmen, die entstehen, bevor die Animation beginnt. Die Trickfilmzeichner nutzen die Aufnahmen als Inspiration, schließlich soll es ja so aussehen und sich anhören, als ob Stimme und Figur eins sind. Für eine Filmsekunde werden je nach Komplexität der Szene bis zu 24 Bilder gebraucht.

Auch nachdem Disney 2010 die Produktion von traditionellen 2D-Zeichentrickfilmen eingestellt hat, bleibt Andreas Deja seiner Liebe zu handgezeichneten Animationen treu. Ende Oktober erscheint nach acht Jahren intensiver Arbeit sein Film „Mushka“. Wie bei einem seiner größten Erfolge, spielt auch hier eine majestätische Großkatze die Hauptrolle: ein sibirischer Tiger. Mit dem Film möchte er an die zeitlose Bildsprache der großen Disney-Klassiker anschließen und zeigen, „dass Zeichnungen leben und Geschichten erzählen können.“

>> FILM „MUSHKA“ VON ANDREAS DEJA
- Acht Jahre hat Andreas Deja an seinem Film „Mushka“ gearbeitet.
- Dieser erzählt die Geschichte von Sarah, einem ukrainischen Mädchen, das ein verwaistes sibirisches Tigerjunges entdeckt und sich entscheiden muss, ob sie es aufziehen oder den Gefahren der Wildnis überlassen soll.
- „Handgezeichnete Animationen haben immer noch die Kraft, das Publikum zu bewegen, wie nichts anderes“, ist die Disney-Legende überzeugt.
- Der Trickfilm wird auf Streaming-Plattformen wie Amazon Prime oder Apple TV veröffentlicht.


