Das Phänomen ist nicht neu, betrifft aber so viele Kinder wie nie: In die erste Klasse der Duisburger Grundschulen kommen zum Schuljahr 2026/27 neben insgesamt 5125 neuen i-Dötzchen 547 sogenannte Rücktritte, also freiwillige Wiederholer. Das sind rund zehn Prozent aller Kinder des aktuellen ersten Jahrgangs. An der Grundschule Brückenstraße sind es auf einen Schlag sogar 53 Kinder. Aber ausgerechnet zwei Marxloher Brennpunkt-Grundschulen melden null Rücktritte. Was ist da los?

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Die Gründe für ein weiteres Jahr in der ersten Klasse sind so vielfältig wie die Kinder selbst: Die Jüngsten sind fünf Jahre alt, die ältesten schon fast sieben. Sie unterscheiden sich in Lerntempo und Auffassungsgabe, in Konzentrationsvermögen und Motorik. Hinzu kommt vor allem in Städten wie Duisburg ein hoher Anteil von Kindern, die noch nicht Deutsch sprechen oder nicht so sicher im Miteinander mit so vielen Kindern sind.
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Rücktritte in Grundschulen: Problem entsteht schon im Kindergartenalter
Die Problematik beginnt bereits im Kindergarten, wo seit Jahren regelmäßig für Hunderte Kinder der Platz fehlt. Vor allem Kinder von Asylsuchenden oder aus zugewanderten Familien werden stattdessen in sogenannten Flü-Kids-Gruppen betreut. Die Mini- und Eltern-Kind-Gruppen sind toll, führen aber nur stundenweise in das deutsche Bildungssystem ein.

Schulformsprecher Jens-Uwe Hoffmann mahnt deshalb seit Jahren, dass immer mehr Kindern beim Schuleintritt basalste Fähigkeiten fehlen und sie deshalb drei Jahre für die zweijährige Schuleingangsphase brauchen. Grundsätzlich ist das auch eingepreist: In NRW bilden die erste und zweite Klasse als Schuleingangsphase eine Einheit. So haben Kinder, die in ihrer Entwicklung sehr unterschiedlich sind, die Chance, in ihrem eigenen Tempo mit der Schulkarriere zu beginnen.
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Grundschule Brückenstraße in Hochfeld zählt die meisten Rücktritte
In diesem Jahr werden die Rücktritte erstmals offiziell auch in der Schulstatistik der Stadt ausgewiesen. Für Hoffmann ist das ein wichtiges Signal, weil es zeigt, dass es „vielen Kindern an basalen Fähigkeiten mangelt“.

In der Liste fällt auf, dass die Zahlen an einigen Schulen besonders hoch sind: Spitzenreiter ist die Grundschule Brückenstraße, an der 53 Kinder die erste Klasse zweimal machen werden. Zum Vergleich: 104 Kinder werden insgesamt angenommen, also wird nur rund die Hälfte der i-Dötzchen neu in der Schule starten.
Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die am Ende der ersten Klasse zurücktreten, variiert sehr stark im Stadtgebiet. Besonders betroffen sind Schulstandorte an Brennpunkten mit einem hohen Sozialindex, sagt Stadtsprecher Christoph Witte.
Das deckt sich mit den weiteren Spitzen, die im Duisburger Norden und in Rheinhausen auffallen. Insgesamt 16 der 75 Grundschulen verzeichnen zweistellige Rücktrittszahlen. Weitere Höchstwerte finden sich etwa an der Grundschule Breite Straße in Fahrn mit 25 Rücktritten, der Grundschule Hochfelder Markt mit 23 Kindern und der Grundschule Erzstraße in Laar mit 22 Kindern.
Warum zwei Schulen in Marxloh keinen einzigen Wiederholer melden
Lediglich fünf Schulen haben keine Rücktritte gemeldet, darunter die Regenbogen-Grundschule und die Sandstraße, beide in Marxloh, beide mit höchstem Sozialindex bewertet, weil hier die Kinderarmut und der Anteil von Kindern mit nicht deutscher Familiensprache besonders hoch ist. Selbst an diesen beiden Schulen mit vergleichbarem Einzugsgebiet sind die Gründe unterschiedlich: Die Sandstraße bildet jahrgangsübergreifende Klassen, in der Bienenklasse und in der Maulwurfklasse werden Kinder zwischen 6 und 11 Jahren beschult. „Sitzenbleiben“ ist gar nicht Teil des Systems.
In der Regenbogenschule ist das Konzept anders: Weil die meisten Kinder ohne Sprachkenntnisse und ohne Vorläuferfähigkeiten eingeschult werden, also keinen Kreis malen oder einen Strich zeichnen können, fängt das Kollegium viel langsamer an und verteilt den Lernstoff der ersten beiden Klassen direkt auf drei Jahre, erklärt Schulleiter Haris Kondza. Das heißt aber auch, dass in Klasse 2 mehr als zwei Drittel wiederholen, ergänzt er. Allen Eltern erklärt er schon bei der Anmeldung, dass ihr Kind vermutlich fünf Jahre in die Grundschule gehen wird. Das System sei aber durchlässig, immer wieder gebe es auch „Turbo“-Kinder, die die vier Grundschuljahre in drei Jahren durchziehen, betont er.
Für den Schulleiter stellt sich die Frage, wie man den Start für die Wiederholer gestalten will. Einige Schulen würden einfach alle Kinder neu einschulen, „aber das entwertet das bisher Geleistete, wenn sie praktisch bei Null anfangen“. Auch für das Klassengefühl sei das schwierig, findet Kondza.
Schulformsprecher Hoffmann ergänzt, dass es viele individuelle Lösungen an den Schulen gebe. Er selbst sehe davon ab, die Einschulung ein zweites Mal mit den Kindern zu feiern. Stattdessen könnten die Kinder einfach einen Tag später mit dem Schuljahr starten.
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Schulträger: Im engen Austausch den notwendigen Schulraum schaffen
Die Wiederholung eines Jahrgangs ist nicht nur persönlich und personell herausfordernd, durch die Verschiebungen innerhalb der Jahrgänge ist auch aus räumlicher Sicht Handlungsbedarf. An vielen Standorten werden zusätzliche Klassen gebildet. Immerhin, so betont Stadtsprecher Witte, bedeuten Rücktritte in Klasse 1, dass in der zweiten Jahrgangsstufe weniger Schülerinnen und Schüler sein werden. Schulaufsicht, Schulträger und Schulen würden im engen Austausch auf veränderte Verteilungen reagieren und räumlich sowie in der Ausstattung den notwendigen Schulraum schaffen.
Perspektivisch werden die Einschulungszahlen in den kommenden Jahren abnehmen. „Das Schuljahr 2027/2028 stellt mit etwa 5275 prognostizierten Einschulungskindern den Peak dar“, schreibt Witte. Jedenfalls für die aktuelle Prognose: 2024 waren rekordverdächtige 5455 Kinder im entsprechenden Alter.
Für 2028/29 werden nur noch 5110 Einschulungskinder erwartet, weil die Geburtenrate in den vergangenen Jahren gesunken ist.
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Anmeldungen an Förder- und Waldorfschulen
Die Zahl der Schulanmeldungen wird beeinflusst durch 77 Kinder, die von der Einschulung zurückgestellt werden, sowie 117 Kinder, bei denen geprüft wird, ob sie einen sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf haben.
Vier Kinder sollen nach Angaben von Stadtsprecher Diego Tenore noch an einer Waldorfschule angemeldet werden.
In Summe wurden 5478 Kinder an die 75 Grundschulen in Duisburg verteilt. Sie sollen in insgesamt 212 Klassen aufgenommen werden.






