Für sie bedeutete Journalismus, draußen zu sein. Bei den Menschen zu sein. Sie suchte unentwegt und voller Energie nach der nächsten spannenden Geschichte. Diese hingebungsvolle Suche ist nun schlagartig, unfreiwillig und viel zu früh vorüber. Denn Fabienne Piepiora, die leidenschaftliche Reporterin, lebt nicht mehr. Sie starb am 18. September völlig überraschend im Alter von nur 44 Jahren.

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„Hab’ ich schon gehört – da bin ich längst dran.“ Diesen Satz bekamen ihre Kolleginnen und Kollegen in der Konferenz der Lokalredaktion Duisburg allzu oft zu hören. Dann nämlich, wenn wir über ganz neue Entwicklungen in der Stadt diskutierten. In Fabiennes Stadt Duisburg. Denn für viele war die Frau mit den blonden Locken ganz eng mit Duisburg verbunden.
Und Fabienne passte nach Duisburg wie der Stadtwerketurm zur Skyline. Dabei wurde sie eigentlich 1981 in Velbert geboren. Dort im Niederbergischen betrat sie zum ersten Mal eine Lokalredaktion der WAZ und entdeckte ihre Liebe zum Lokaljournalismus.
Fabienne Piepiora war kreativ, mit ganzem Herzen dabei – und vor allem geradeaus
Wenn man sagt, dass Jugendjahre für das ganze Leben prägen, so war es bei Fabienne unverkennbar: Sie lernte früh, sich Chancen hart zu erarbeiten. Sie entwickelte einen Hunger und eine Lust, sich zu beweisen.
Dabei führte sie ihr Weg nach Duisburg. Die Stadt sog sie mit all ihrer Beobachtungsgabe auf. Fabienne studierte Politikwissenschaften und schrieb in ihrer neuen Herzensstadt fleißig für die WAZ‑Lokalredaktion. Oder schrieb sie fleißig für die Lokalredaktion und studierte nebenbei Politikwissenschaften? So oder so – das besondere Talent und die ausgeprägte kreative Ader der Reiseliebhaberin blieben nicht lange unentdeckt.
Nach ihrem Volontariat unterschrieb Fabienne 2011 ihren ersten Redakteursvertrag. Für sie ein wichtiges Etappenziel, doch kein Grund, nachzulassen. Davon zeugt eine beeindruckende Liste von Auszeichnungen: 2011 erhielt das WAZ-Eigengewächs einen Sonderpreis der Hans-und-Helga-Eckensberger-Stiftung für ihre Serie über Integration in Oberhausen. Es folgte der WAZ-Lokaljournalistenpreis für eine Serie über die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien nach Duisburg. Besonders einfühlsam erzählte sie ihre „Liebesserie“ über die schönste Sache der Welt – natürlich ebenfalls – in Duisburg. Das Vorzeigeprojekt wurde mit einem „European Newspaper Award“ in der Kategorie Innovation prämiert. Auf diese Preise war Fabienne stolz. Sich deshalb exponieren? Das war aber nicht ihre Art.

Auf dem, was war, hat sich Fabienne nie ausgeruht, sondern stets die Zukunft in den Blick genommen. Unzählige Artikel sind Beweis ihrer Gabe und unverrückbaren Überzeugung, Menschen in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten zu stellen. Spaß hatte sie am Ungewöhnlichen abseits des Mainstreams. Den Kiez in Ruhrort mochte sie für seine Ecken und Kanten deshalb besonders.
Angst vor dem Establishment war ihr fremd. Konflikten mit Vorgesetzten ging sie nicht aus dem Weg. Nein, Missstände wollte die Vollblutjournalistin schonungslos aufdecken. In tiefen Recherchen und Diskussionen ging sie auf: schonungslos, mitunter aufbrausend, aber immer geradeaus. Vielleicht fühlte sie sich Duisburg gerade wegen dieser Charaktereigenschaft so nahe.
Schreiben war für sie mehr als ein Beruf, es war Teil der Identität
Ihr Beruf war für Fabienne nicht nur ein Job, sondern ein großer Teil ihrer Identität. Sie düste mit ihrem schwarzen Micra mitten in der Nacht zu brennenden Häusern und Tatorten. Am nächsten Morgen gönnte sie sich keine Pause. In ihrer Freizeit schrieb sie weiter. Zusammen mit ihrer treuen Weggefährtin Alexandra Roth schuf sie authentische Reiseführer mit erstaunlichen Geheimtipps für die Ruhrgebietsstädte Duisburg, Essen und Oberhausen. Urlaub im Pott – für sie war es mehr als eine verrückte Idee. In der Zeit, die noch blieb, bereiste die Journalistin mit der großen Lebensfreude die Welt – und vergaß dabei die Daheimgebliebenen nie. Allzu oft landeten Fotos aus Peru, Sri Lanka oder Japan auf den Handys ihrer Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Klassische Urlaubsfotos waren das selten – wie gesagt, die Frau besaß einen Blick für das Überraschende.
Neue Seiten entdeckte Fabienne auch an sich selbst. Wie viele kreative Köpfe arbeitete sie in jungen Jahren am liebsten auf eigene Faust. Doch mehr und mehr lernte sie, die Zusammenarbeit mit anderen zu genießen. Für ihren großen Schwerpunkt „Game Over oder Rettung? Die Zukunft der Duisburger Innenstadt“ hat sie in diesem Jahr Hunderte Akten gewälzt und diese zusammen mit einem Team für Leserinnen und Leser auf allen Kanälen auf ganz neue Weise aufbereitet – mit innovativen Karten, ausführlichen Analysen und Reels auf Instagram.

Dass sie die Leitfrage dieser tollen Arbeit nicht mehr selbst beantworten konnte, schmerzt als Journalist. Dass sie ihre großen Lebenspläne nicht mehr in die Tat umsetzen durfte, schmerzt uns als Menschen so unglaublich mehr.
In diesen schweren Stunden, in denen eine wunderbare Kollegin und Freundin aus unserer Mitte gerissen wurde, denken wir an ihre Nächsten und können versprechen: Liebe Fabienne, wir werden Dich nie vergessen!





