„Darf ich dich berühren?“ Mit dieser Frage startet Birgit Meier in etwa eine Stunde Entspannung. Ohne Berührungen geht hier nämlich nichts. Im Horstmannshof in Moers bietet sie Shiatsu an, eine in Japan entwickelte Form der Körperarbeit. In den nächsten Minuten nutzt Meier ihre Hände, Daumen und Knie, um Druck auszuüben, der die Entspannung fördern soll. Wie genau soll das funktionieren?
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Shiatsu bedeutet wortwörtlich „Fingerdruck“ und basiert auf Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Anders als bei der klassischen Massage wird dabei nicht gerieben oder geknetet, sondern mit dem Körper Druck ausgeübt. Birgit Meier arbeitet dabei viel mit dem eigenen Körpergewicht. „Das viel tiefere östliche Verständnis vom ganzheitlichen Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele fasziniert mich enorm“, sagt die Physiotherapeutin. Während der Behandlung bleibt man komplett bekleidet. Shiatsu glaubt an die sogenannten Meridiane, sprich Energiebahnen, die neben Akupressurpunkten im Fokus der Praktik stehen. Ergänzt wird der Druck durch Dehnungen und Gelenkrotationen.
Shiatsu: Entspannung durch Fingerdruck
Birgit Meier ist Physiotherapeutin, Sportwissenschaftlerin und Meditations- und Yogalehrerin. Bei einem ihrer Yogakurse hört sie das erste Mal von Shiatsu: „Ein Teilnehmer in meinen Kursen hat mich gefragt: ‚Kennst du eigentlich Shiatsu?‘“ Die 60-Jährige antwortete mit „Nein“. Der Teilnehmer ist selbst Shiatsu-Praktiker und schenkt Biggi eine Behandlung: „Ich habe das Angebot angenommen und gemerkt: Da passiert etwas, mein Körper und Geist kommen zur Ruhe. Das möchte ich lernen.“ Seit nunmehr einem Jahr bietet sie selbst Shiatsu-Sitzungen am Niederrhein an.

Zweimal hat sie nun schon am Horstmannshof in Moers einen Kurs für Paare in Anlehnung an Shiatsu angeboten. Momentan gibt es eine offene Warteliste. Die Kurse starten bei 60 Euro pro Paar, je nach Teilnehmerzahl und Veranstaltungsort, und dauern zwischen zwei und drei Stunden. „Man braucht ja immer einen Gegenspieler für die Praktik, es muss nicht immer der Partner sein. Man muss auch nicht immer genau verstehen, was man da tut. Hier geht es darum, sich einander etwas Gutes, Entspannendes, zu schenken und zu lernen, sich gegenseitig wieder zu berühren und den eigenen Körper wieder richtig zu spüren“, beschreibt Meier. „Das haben wir oft verlernt, wir sind oft ständig nur bei unseren Gedanken im Kopf und überhören die Signale des eigenen Körpers.“ Viele der Teilnehmenden seien danach dankbar für die gemeinsame Zeit gewesen. „Ich hatte den Eindruck, dass die Paare zu zweit wie auf ihrer Insel waren“, erinnert sie sich.
„Wenn es schmerzt, solltest du es von einem Arzt abklären lassen“
Ich mache den Selbsttest. Nahe am Fenster im Erdgeschoss des alten Bauernhofs hat Meier ihre „Insel“ für heute aufgebaut: Ein dickes, weiches Fell liegt unter einer hellblauen Decke, etwa so groß wie ein 1,40 Meter breites Bett. Das große Fenster mit Blick auf einen grünen Hof durchflutet den Raum mit Licht, das von den Spiegeln auf der gegenüberliegenden Seite wieder reflektiert wird. Sie hat ein Sitzkissen zur Seite gelegt und eine Klangschale bereitgestellt.
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Die Behandlung startet auf der Rückseite des Körpers. Birgit Meier drückt gegen Schulter und Arm, massiert Druckpunkte an Händen und Füßen. Auch das Gesicht wird nicht ausgelassen. Dabei spricht sie kaum, lediglich die Bitte, sich vom Bauch auf den Rücken zu drehen, verbalisiert sie. In der Stille kann ich mich dem Druck der warmen Hände zwar einigermaßen hingeben, hin und wieder spüre ich dennoch Verspannungen, etwa im Rücken oder der Hüfte. Nach etwa einer Stunde ist die Behandlung abgeschlossen. Meier schlägt einmal die Klangschale an und verlässt für einen kurzen Moment den Raum. Die Schallwellen klingen nach, genauso wie die Berührungen am Körper.

Nach der Behandlung fühle ich mich ein wenig benebelt, es zieht an manchen Stellen nach. Wichtig: Shiatsu ist keine Therapie und ersetzt nicht den Physiotherapeuten oder Arzt. Man darf kein Heilversprechen geben. Das sagt die Physiotherapeutin auch selbst: „Es kann natürlich auch etwas Muskuläres dahinterstecken. Wenn es schmerzt, solltest du es von einem Arzt abklären lassen.“ Doch im Shiatsu erklärt man sich druckempfindlichere Punkte mit energetischen Blockaden: „Energetisch spricht man bei der Stelle zwischen den Schulterblättern zum Beispiel von der Rumpelkammer des Herzens. Im Bereich des Kiefers sind es häufig stressbedingte Blockaden“, erklärt Meier.
Shiatsu soll bei seelischer Belastung helfen und den Körper in Balance bringen
Doch bringt diese Praxis überhaupt etwas? Meier antwortet: „Man kann den Körper nicht neu erfinden. Die Akupressurpunkte sind oft ähnlich zu Punkten von Kreuzungslinien der Faszien, die man in der Orthopädie findet.“ Für sie ist es lediglich ein anderer Blick auf den Körper. In der östlichen Sichtweise seien der Körper und der Geist eins. Meier sieht das Shiatsu als Ergänzung, besonders bei seelischen Belastungen: „Shiatsu wird heute besonders häufig von Menschen aufgesucht, die im Beruf oder Alltag dauerhaft unter Druck stehen und erste Anzeichen von Erschöpfung, Schlaflosigkeit oder innerer Unruhe spüren, also dort, wo der Weg in Richtung Burn-out beginnt. Geeignet ist Shiatsu für alle, die nach Umbruchphasen wieder zu sich finden oder schlicht ihr Körpergefühl pflegen möchten“, sagt sie.
Shiatsu am Niederrhein
Birgit Meier bietet Yoga-, Meditations-, und Shiatsu Kurse an. Auf der Webseite www.birgitmeier.de informiert sie über ihr Angebot in und um Moers. Kontaktdaten: Tel. 01573/8323478, Mail: info@birgitmeier.com
Meier weiß, dass eine gewisse Offenheit vonnöten ist: „Ich hatte auch schon Menschen, die mich gebeten haben, nicht zu viel zu machen. Man braucht schon eine Bereitschaft, offen zu sein, mit sich selbst und für andere Denkweisen als die klassische Physiotherapie.“ Man müsse danach selbst merken, was man spüre und was helfe. Egal, ob man sich gänzlich auf diese Sichtweise einlassen kann, eines steht für Birgit Meier fest: „Jedes Jahr kommt mehr Druck, mehr Angst auf die Menschen zu. Der Gegenpol, das Herunterfahren und Regulieren, wird in der heutigen Zeit immer wichtiger.“



