Der eine war Ende der 70er ein Jugendstar, der andere ist es jetzt: Der Kroate Ivo Pogorelich (69) zählt seit rund 50 Jahren zu den genialsten Pianisten der Welt. Der Mülheimer Louis Philippson (22) startet gerade erst durch – und er bewegt sich dabei auf ganz anderen Wegen. Manches haben die zwei Klavierkünstler gemein, vieles unterscheidet sie aber auch. Es könnte also interessant sein, gleich beide Konzerte, die diesmal im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr in Mülheim stattfinden, zu besuchen – um zu erfahren, was man mit dem Flügel so alles anstellen kann.

Täglich (außer Samstag)

Mülheim-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nicht nur Alter und Reife unterscheiden die beiden brillanten Pianisten, sondern auch das Gemüt. Pogorelich kennt man als ernsthaft, introvertiert und eigenwillig, Philippson als unbeschwert, extrovertiert und zugewandt. Während der erfahrene Weltstar sich immer ganz der klassischen Klavierliteratur gewidmet hat, sie intellektuell durchdrungen und tiefgründig interpretiert hat, mag der Newcomer auch das genreübergreifende Musizieren. Was beide eint: die große Virtuosität – und vor allem auch die individuelle und unkonventionelle Herangehensweise an kompositorische Meisterwerke.

Lesen Sie mehr Berichte aus Mülheim:

Hochvirtuos und sehr eigenwillig: Ivo Pogorelich spielt in Mülheim

Als Rebell galt Ivo Pogorelich zu Beginn seiner Karriere. Er war jung und anders als die bekannten Pianisten. Die Medien stilisierten ihn zum Popstar der Klassikszene, der auch neue Wege der Öffentlichkeitsarbeit beschritt, etwa als Herrenmode-Model. Zugleich attestierten ihm Kenner immer wieder höchstes technisches Können, große kreative Energie und fesselnde Individualität. Seine Interpretationen blieben auch in späteren Jahren radikal, wurden von seinen Fans als Erlebnis gefeiert, von anderen Musikliebhabern aber als zu frei und zu exzentrisch empfunden. „Bei Ivo Pogorelich hat man oft den Eindruck, dass er Musik nicht einfach spielt, sondern ein ganz neues Licht auf sie wirft“, heißt es seitens des Klavierfestivals. Der nachdenkliche und eigenwillige Klavierkünstler polarisiert auch heute noch.

Ivo Pogorelich spielt im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr in Mülheim
Star-Pianist Ivo Pogorelich spielt am 9. Mai im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr 2026 in der Mülheimer Stadthalle.© Klavierfestival Ruhr | George Tesla

Jung und anders – das trifft auch auf Louis Philippson zu. Der junge Mülheimer nutzt die Kommunikationskanäle seiner Generation, um klassische Musik auch bei jungen Menschen populär zu machen. Er gilt als Klassik-Influencer, schon als Kind sicherte er sich zahlreiche Zuhörer auf YouTube. Er ist TV-Moderator in einer Kindersendung. Regelmäßig veröffentlicht er in den Sozialen Medien Beiträge aus dem Bereich der klassischen und der zeitgenössischen Musik. Mit seinen Vlogs, humorvollen Videos und mitreißenden Interpretationen inspiriert er im Internet viele Jüngere dazu, die Musik für sich zu entdecken. „Ein feines Gespür für den Klang unserer Zeit“ attestiert die Fachwelt Louis Philippson.

Auch interessant

Konzertprogramme unterscheiden sich: Klassik der besonderen Art – oder Klassik für alle

So unterschiedlich wie die zwei Künstler werden auch ihre Konzerte in Mülheim sein. Ivo Pogorelich wird bei seinem Auftritt am Samstag, 9. Mai, um 20 Uhr in der Stadthalle, seine gestalterische Freiheit ganz sicher wieder ausleben. Er spielt zunächst drei Fantasien von Wolfgang Amadeus Mozart. Es folgt Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 8 in c-Moll, die „Pathétique“. Ein Werk, das mit seinem dramatischen Gestus und lyrischen Mittelsatz bis heute zu den beliebtesten Sonaten des Komponisten zählt. Pogorelichs Interpretation verspricht hier eine völlig neue Perspektive auf vermeintlich vertraute Musik.

Nach der Pause erklingen Werke von Frédéric Chopin: ein Nocturne, drei Mazurken und die Sonate Nr. 2 in b-Moll – mit dem berühmten Trauermarsch. Chopins Musik, so heißt es, werde bei Pogorelich „zu einem dramatischen Kosmos voller Kontraste und innerer Spannung“.

Mülheimer Jungpianist und Komponist Louis Philippson

weitere Videos

    Junger Mülheimer Pianostar spielt klassische Stücke, aber auch Filmmusik

    „Klassik für alle“ ist dagegen das Konzert von Louis Philippson am Montag, 15. Juni, um 20 Uhr in der Stadthalle überschrieben. Bei diesem genreübergreifenden Solo-Abend verbindet der Pianist klassische Meisterwerke mit Filmmusik und Eigenkompositionen. Stücke von seinem Debütalbum „Exposition“ (2025) sind zu hören, sie zeigen die Breite seines musikalischen Interesses auf: Eigenkompositionen stehen neben Bearbeitungen von Tschaikowski- und Mahler-Stücken oder auch K-Pop-Songs.

    Auf dem Nachfolgealbum „My Way“, aufgenommen mit dem MDR-Sinfonieorchester, entwickelt er diesen Ansatz weiter. Werke wie „Beethoven Virus“, „Show-Waltz“ und „Supernova“ eröffnen neue Perspektiven auf das Klavierrepertoire. Mit feinem Gespür für Nuancen, klanglicher Vielfalt und viel Spielfreude will Louis Philippson „Musik als lebendigen Dialog zwischen Tradition und Gegenwart“ präsentieren.

    Informationen zu den Mülheimer Konzerten und Tickets gibt es auf klavierfestival.de