Im roten Samtgewand sitzt Marie-Luise O‘Byrne-Brandl im Oberhausener Rathaus. Unter ihren Füßen sind die grauen Fliesen mit Rosenblättern bedeckt: gelbe, rote, pinke, weiße. Wer sich jetzt noch fragt, was die fast 70-Jährige in den Wartebereich des Einwohnermeldeamtes führt, der kann den Anlass an ihrem Schreibtisch ablesen: „Amouröse Stadtschreiberin - Ich schreibe Ihnen Ihre Liebesbriefe“.

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Seit mehr als 27 Jahren ist O‘Byrne-Brandl als Performance-Künstlerin tätig. Eine ihrer künstlerischen Aufgaben ist das Schreiben von Liebesbriefen: Im Auftrag von anderen für andere. Wer das kostenlose Angebot nutzen möchte, nimmt auf dem Stuhl neben ihr Platz. „Dann frage ich, für wen der Brief sein soll und was sie am Charakter und Aussehen des Menschen mögen“, erklärt sie.

Liebesbrief-Schreiberin im Oberhausener Rathaus: Auch der Oberbürgermeister schaute vorbei

Oberhausen ist die einzige Stadt, die eine amouröse Stadtschreiberin hat. Eine, die sich um die Liebesangelegenheiten der Bürger kümmert.

Marie-Luise O‘Byrne-Brandl, Amouröse Liebesbrief-Schreiberin in Oberhausen

Wenige Sätze reichen, dann legt O‘Byrne-Brandl ihr Papier zurecht, öffnet ihren Füller und schreibt drauflos. Sie denkt nicht lange nach, sondern wählt die Worte, die ihr spontan in den Sinn kommen. Nach wenigen Minuten sind die leeren Seiten mit liebevollen Inhalten gefüllt. Den Brief unterzeichnet sie mit dem Namen des Auftragsgebers. Sie verweist darauf, dass der Brief durch die amouröse Stadtschreiberin verfasst wurde. In den Umschlag steckt sie noch eine Handvoll Rosenblätter. Für das volle Programm.

Auch Daniel Schranz, Oberbürgermeister von Oberhausen, schaute bei der amourösen Stadtschreiberin vorbei. Ob er sie auch mit einem Liebesbrief beauftragte?
Auch Daniel Schranz, Oberbürgermeister von Oberhausen, schaute bei der amourösen Stadtschreiberin vorbei. Ob er sie auch mit einem Liebesbrief beauftragte? © Stadt Oberhausen

Wer nutzt das Angebot? Nicht nur Menschen, die den Partner oder die Partnerin mit netten Worten beschenken wollen, erklärt O‘Byrne-Brandl. „In Pandemiezeiten haben Menschen auch Briefe für die Großmutter im Altenheim oder für eine kranke Freundin im Krankenbett verfassen lassen.“ Auch liebevolle Worte an die beste Freundin oder die heimliche große Liebe hat O‘Byrne-Brandl schon auf Papier gebracht. Und nicht nur das: „Heute war eine Dame hier, die hat einen Brief für die Stadt Oberhausen bestellt“, erzählt sie. Was da am Ende drin stand, verrät die Schreiberin nicht.

Nur Oberhausen hat eine amouröse Stadtschreiberin in der Umgebung

Die Inhalte sollten schließlich persönlich bleiben. Ein ähnliches Angebot, so schildert es O‘Byrne-Brandl, gäbe es in anderen Städten nicht. „Viele Städte haben Stadtschreiber. Aber Oberhausen ist die einzige Stadt, die eine amouröse Stadtschreiberin hat. Eine, die sich um die Liebesangelegenheiten der Bürger kümmert.“

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Der Oberbürgermeister Daniel Schranz begrüßte die fleißige Künstlerin persönlich. Immerhin formulierte sie an diesem Vormittag im Rathaus 30 Liebesbriefe. Ob auch der OB einen Brief schreiben ließ? Man weiß es nicht.

Oberhausener Liebesbriefschreiberin: „Vielleicht bin ich etwas altmodisch“

Es ist kein gängiger Beruf, den O‘Byrne-Brandl ausübt. Auf die Frage nach ihrer Motivation antwortet die fast 70-Jährige: „Vielleicht bin ich etwas altmodisch oder habe ein melancholisches Temperament. Aber mir gefällt es, handschriftliche Post zu bekommen.“

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Mit ihren Aktionen sorgt die Künstlerin immer wieder für Aufsehen. Zum Beispiel, als sie sich 2007 in einen Türrahmen in der Ludwiggalerie stellte – mit freigelegtem Blick auf ihren Schlüpfer und ihre weißen Thrombosestrümpfe. Wer durch die Tür gehen wollte, musste sich nah an ihr vorbeischlängeln. Manche Menschen drehten sich zu ihr hin, andere wandten sich ab.

In ihren Performances gehe es immer um Nähe und um das Kümmern, erklärt die amouröse Stadtschreiberin. „Und diese Performance kümmert sich um die Herzensangelegenheiten der Oberhausener“, sagt sie selbst über das Verfassen der Liebesbriefe.