- „Eigentlich habe ich mein Leben lang gespielt“, berichtet ein Betroffener aus dem Kreis Wesel. Ihm hilft nun eine Selbsthilfegruppe und die regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Thema
- Ein Experte vermutet eine hohe Dunkelziffer beim Thema Spielsucht
- Was er Angehörigen rät, wo sie und Betroffene im Kreis Wesel Hilfe finden
„Eigentlich habe ich mein Leben lang gespielt“, sagt der heute 58-Jährige aus dem Kreis Wesel, der gerne anonym bleiben möchte. Erst an Automaten, ab dem 18. Lebensjahr in Spielhallen, zwischenzeitlich auch über Online-Kasinos. „Ich wusste vorher schon, dass ich ein Problem damit habe.“ Er habe immer gearbeitet, seine Schulden bezahlt. „Aus meinem direkten Umfeld wusste niemand, dass ich gespielt habe.“ Einmal habe er sich einem Freund anvertraut, der ihm auch einen Kontakt zur Beratung an die Hand gab. Doch die Hemmschwelle war noch zu groß: „Damals war ich noch nicht so weit.“ Die Gewinne habe er abgespeichert, die Verluste nicht, nachher habe er das Spielen auch zum Abschalten genutzt, Trauer überspielt, erzählt der Kreis Weseler. Dann, als er 42 Jahre alt war, die Bank ihm Druck gemacht habe, er Angst hatte, seine Frau zu verlieren, habe er sich Hilfe gesucht. Und das war ein ganz wichtiger Schritt.
Hohe Dunkelziffer bei Spielsucht: „Nur die Spitze des Eisberges“
Fälle wie diesen kennt Andreas Tiggelbeck vom Sozialpsychiatrischen Dienst im Kreis Wesel. Zuständig ist dieser für legale Süchte Volljähriger: Die meisten Anfragen kämen zum Thema Alkohol- und Medikamentenkonsum, aber auch Spielsucht sei immer wieder ein Thema, in fünf bis zehn Prozent der Fälle, schätzt er. Die Dunkelziffer aber sei sehr groß, „wir können davon ausgehen, dass das nur die Spitze des Eisberges ist“.
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Die Flucht aus der Realität, die Chance auf den schnellen Gewinn: Wann kann ich das nächste Mal spielen? Woher bekomme ich das Geld? Das Spielen werde zur Sucht, wenn sich „viele Gedanken nur noch ums Spielen drehen, um die Vorbereitung, die Durchführung“, sagt Tiggelbeck. Und das, obwohl es negative Folgen habe, Geld verloren werde, laufende Kosten nicht mehr bezahlt werden könnten. Trotzdem gingen Betroffene dann weiter in die Spielhallen. „Das beschreibe ich dann als Kontrollverlust.“ Hinzu komme noch die Distanz vom sozialen Umfeld, „sie finden Ausreden, wenn sie spielen wollen, statt sich zu treffen“. Auch fragten Betroffene mitunter wiederholt nach Geld, trotz gutem Job und regelmäßigem Einkommen, so Tiggelbeck. „Der Alltag gerät in Schieflage.“ Auch Wetten spielten eine Rolle bei den Beratungen – wenn auch nur eine nebensächliche.
Auch eine Folge der Pandemie: Medienspielsucht ist eine Gefahr
Smartphone, soziale Netzwerke, Online-Spiele: Durch unsere stark digitalisierte Welt nimmt auch die Gefahr der Medienspielsucht zu, vor allem auch für jüngere Menschen. Kristina Kaiser ist bei der Grafschafter Diakonie Suchtpräventionsfachkraft, ihr Schwerpunkt ist die exzessive Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen. Die Elemente seien dabei ganz ähnlich wie beim Glücksspiel, sagt sie. Die Spielerinnen und Spieler könnten sich eigene Avatare erstellen, Skills dazukaufen, um schneller im Spiel voranzukommen. „Junge Kinder reagieren sehr stark auf visuelle Reize“ – Musik, Farben, das Einsammeln von Coins, ähnlich zum Automatenspiel.
Das Suchtgedächtnis werde angefixt, so die Expertin. Das solle glücklich machen, die Zeit vergessen lassen, für ein Flowerlebnis sorgen. Eine weitere Gefahr dabei: Ausgegebene Taschengeldbeträge geraten aus dem Blick. „Junge Menschen sind ja auch verführbar.“ Die Corona-Pandemie habe das Problem noch mal verschärft. Durch das Homeschooling ist die Digitalisierung noch mal stärker in die Welt der Kinder vorgedrungen. „Für die Eltern war es schwierig zu unterscheiden, sitzt mein Kind an den Hausaufgaben oder spielt es?“ Zudem seien da die seelischen Folgen durch die Pandemie. „Mediensucht ist auch ein Symptom für etwas.“ Bei der Diakonie beraten sie zu dem Thema, geben Eltern Tipps an die Hand.
„Professionelle Hilfe ins Boot holen“: Was ein Experte Angehörigen rät
Was rät Andreas Tiggelbeck Menschen, die bei ihren Angehörigen eine Spielsucht vermuten – egal ob beim Automatenspiel oder in der Online-Welt? Sie sollten versuchen, ein offenes Gespräch zu führen, das Thema nicht tabuisieren, sich nicht verurteilend, sondern wohlwollend verhalten, etwa mit der Frage: „Was können wir gemeinsam tun?“ Denn Tiggelbeck betont auch: Man sollte „nicht so lange versuchen, selber zu therapieren, sondern auch professionelle Hilfe ins Boot holen“.
So hat es auch der 58-Jährige aus dem Kreis Wesel erlebt, der inzwischen spielfrei ist: „Viele haben den Irrglauben, so etwas alleine zu schaffen.“ Er besucht eine Selbsthilfegruppe im Kreis, um sich dort regelmäßig mit dem Thema auseinanderzusetzen, das sei wichtig, um spielfrei zu bleiben. Und er könne anderen helfen, auf den richtigen Weg zu kommen. „Mir tut’s gut, darüber zu reden.“ Ansprechpartner ist hierfür die Selbsthilfe-Kontaktstelle im Kreis. Eine Gruppe gebe es in Wesel, Betroffene von Spielsucht genauso wie ihre Angehörige seien aber auch in anderen Gruppen in anderen Städten willkommen, so Sandra Tinnefeld vom Paritätischen.
Spielsucht - hier gibt es Hilfe und Beratung im Kreis Wesel:
- Bei legalen Süchten ist der Sozialpsychiatrische Dienst Ansprechpartner für Volljährige rechtsrheinisch. Es könne sich aber jeder auch erstmal an den Kreis wenden. Die Beratung sei vertraulich, anonym und kostenfrei, betont Andreas Tiggelbeck. Infos: www.kreis-wesel.de/de/dienstleistungen/beratung-fuer-sucht-und-psychisch-kranke-menschen/
- Ebenfalls berät das Familienorientierte Suchthilfe-Zentrum Wesel.
- Linksrheinisch ist die Caritas Moers-Xanten Anlaufstelle.
- Genauso berät die Diakonie – zum Beispiel hier rechtsrheinisch.Und auf der linken Rheinseite ist die Grafschafter Diakonie unter anderem auch Anlaufstelle beim Thema Medienspielsucht.
- Kontakt zu Selbsthilfegruppen im Kreis Wesel gibt es hier.


