Die Sucht hat einen langen Atem und sie bleibt ein Leben lang – nicht selten hat das tödliche Folgen. Isabell Janzen, Carsten Petter und Frank Sujatta haben alle schon Freunde und Bekannte verloren, durch Drogen oder Folgeerkrankungen des Konsums. Sie selbst haben es geschafft, die Abhängigkeit in den Griff zu bekommen und ein Leben ohne illegale Substanzen zu führen. Zum Gedenktag für Drogentote am 21. Juli erzählen sie offen ihre Geschichte und wollen anderen Süchtigen Mut machen: „Es gibt auf jeden Fall Hoffnung, da rauszukommen“, sagt Carsten Petter und ergänzt: „Keiner muss sich schämen.“

Täglich (außer Samstag)

Wesel-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die drei Weseler wissen, wovon sie reden: Alle hatten Phasen, in denen sie glaubten, es nicht zu schaffen, in denen Rückfälle die Erfolge zunichtemachten. Jeder hat seine eigene Geschichte. Carsten Petter geriet schon früh in die Abhängigkeit: Seit seinem 15. Lebensjahr konsumierte der heute 45-Jährige Drogen, zuerst Cannabis, dann härtere Sachen. „Ich habe alles ausprobiert.“ 1998 trat er eine erste Therapie an, schaffte es auch weg von den illegalen Drogen – doch der legale Suchtstoff blieb: der Alkohol. Es folgten zwei weitere Langzeittherapien in den Jahren 2011 und 2017. Inzwischen lebt er abstinent. „Ich habe ein großes Stück Lebensqualität zurückgewonnen.“ Heute hilft er beruflich als Genesungsbegleiter in einer Klinik anderen Abhängigen. Seine eigene Geschichte erleichtert ihm den Zugang zu den Menschen. Zudem hat Carsten Petter eine Selbsthilfegruppe organisiert, die sich in der Weseler Drogenberatung an der Fluthgrafstraße trifft.

Drogenkarriere begann schon mit 15 Jahren

Isabell Janzen hat eine vergleichsweise kurze, aber heftige Drogenkarriere hinter sich: Die 54-Jährige konsumierte drei Jahre lang exzessiv Amphetamine. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt die vierfache Mutter. „Ich wollte eigentlich nie Chemiesachen nehmen.“ Sie lernte Freunde kennen, die sich mit den Drogen aufputschen und versuchte es auch. Am Ende war die Sucht so stark, dass erst eine Entgiftung und fünfmonatige Therapie die Wende brachten, eine erste Therapie hatte sie abgebrochen. Zwei ihrer Kinder waren zu dieser Zeit noch im Grundschulalter. Bis heute ist sie noch regelmäßig in Kontakt mit dem „Familienorientierten Suchthilfe-Zentrum“, so nennt sich die Weseler Drogenberatung. Auch sie arbeitet als Genesungsberaterin und kümmert sich bei Spix um Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

So viele Drogentote gab es zuletzt in Wesel

Der 21. Juli ist der „Internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende“. Als Erinnerung an die toten Klienten der Weseler Beratungsstelle haben die Mitarbeiter vor der Tür einen Baum mit einem Fähnchen für jeden aufgestellt. Seit 2020 hat die Beratungsstelle 29 Klienten verloren. Bundesweit und auch in Wesel sei die Zahl steigend, so Martin Peukert.

Wesel verzeichnete während der Corona-Pandemie im Jahr 2021 einen traurigen Höhepunkt mit 13 Toten, 2023 starben sechs Klienten. In diesem Jahr haben schon drei Personen ihre Sucht nicht überlebt – der jüngste war erst 21 Jahre alt. Corona ist zwar vorbei, doch die Situation in Wesel ist nicht leichter geworden, berichtet Peukert. So ist zum Beispiel die Zahl der Wohnungslosen gestiegen, unter ihnen sind auch viele Suchtkranke. Auf der Straße sei es deutlich schwerer, gesund zu bleiben.

Für Frank Sujatta (50), langjähriger Klient an der Fluthgrafstraße, ist klar: „Das Programm und die Beratung haben mein Leben gerettet.“ Mit dem Programm meint er das Methadon, das inzwischen das Heroin ersetzt und ihm einen normalen Alltag ermöglicht. Mit 15 Jahren rauchte er zunächst Joints, dann Heroin, das er schließlich auch spritzte. Eine dreijährige Haftstrafe, die ihm die Beschaffungskriminalität einbrachte, half ihm zunächst nicht aus der Sucht: „Direkt am ersten Tag nach der Entlassung wurde ich rückfällig.“ Seit 2003 nimmt er schon am Methadonprogramm teil und wird von der Drogenberatung, die derzeit rund 200 Klienten und Angehörige betreut, begleitet.

Drogenkonsumenten sterben oft auch an Folgeerkrankungen

Diese drei haben ihren Weg gefunden, doch alle kennen Personen, die das nicht geschafft haben. Isabell Janzen zum Beispiel hat eine Freundin in ihrer letzten Lebensphase im Hospiz begleitet. Früher haben sie gemeinsam Festivals besucht. Die Freundin erkrankte schwer, mit Ende 30 war ihr Leben vorbei. „Das war sehr traurig.“ Es sterben übrigens mehr Menschen an den Folgen ihrer Sucht, als die Statistiken vermuten lassen, erklärt Drogenberater Martin Peukert. Denn dort werden nur diejenigen erfasst, die direkt durch den Konsum sterben. Wer einer Folgeerkrankung erliegt, tauche nicht dort auf.

Interview mit Suchtkranken in Wesel
Rund 200 Suchtkranke und Angehörige suchen in der Beratungsstelle an der Fluthgrafstraße aktuell Hilfe.© FUNKE Foto Services | Thorsten Lindekamp

Frank Sujatta findet: „Es ist gut, dass man einmal im Jahr an das Thema erinnert.“ Ein Gedenktag wie der 21. Juli kann helfen, weitere Opfer zu verhindern. „Er entstigmatisiert“, sagt Carsten Petter, „und zeigt, dass Sucht eine Erkrankung ist, die schnell zum Tode führen kann.“ Und sie trifft Menschen aus allen Gesellschaftssichten. Ohne Unterstützung ist sie kaum zu bekämpfen. Denn das „Suchtgedächtnis“ bleibt. Der 45-Jährige weiß aus eigener Erfahrung: „Darüber sprechen hilft“.

Die Drogenberatungsstelle an der Fluthgrafstraße 21 ist für eine persönliche Beratung unter 0281/46091660 erreichbar. Weitere Informationen zum Angebot gibt‘s im Internet unter drogenberatung-wesel.de.