Nach der Wahl ist vor der Wahl – zumindest auf den Kampf um den Landratsposten im Kreis Wesel trifft das zu. Amtsinhaber Ingo Brohl (CDU und Grüne) muss gegen Peter Paic (SPD) am 28. September in die Stichwahl. Mit 46,56 Prozent der Stimmen war er am Sonntag zwar der Wahlsieger, zur Direktwahl reichte das aber nicht, auch wenn er deutlich vor Dr. Peter Paic landete, der 32,21 Prozent holte. Beide Kandidaten werden in den kommenden zwei Wochen noch einmal versuchen, ihre Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Und vor allem Paic wird, um sich weitere Stimmen für den zweiten Wahldurchgang zu sichern, Redebedarf mit Parteien haben, deren Landratskandidaten am vergangenen Sonntag chancenlos waren. Constantin Borges (FDP), Klaus Winter (Linke) und Dr. Renatus Rieger (BZD) kamen nicht über einstellige Ergebnisse hinaus.

Auf Kreistagsebene besteht indes kein Zweifel mehr, dass die CDU die Wahl gewonnen hat. Sie holt laut vorläufigem Endergebnis 33,16 Prozent der Stimmen und kann ihr Resultat von 2020 minimal um 0,37 Prozentpunkte verbessern, während die SPD ebenfalls minimal verliert (-0,63) und auf einen Stimmenanteil von 29,04 Prozent kommt. Damit liegt sie deutlich über dem Landesschnitt von 22,1 Prozent. Ein Umstand, der Peter Paic am Wahlabend ein leichtes Lächeln ins Gesicht zauberte, schließlich waren die Prognosen zunächst von einem flächendeckenden Wahldebakel für die Sozialdemokraten ausgegangen. Dass es auch auf Kreisebene nicht dazu kam, führte Paic unter anderem auf „konstruktive Oppositionsarbeit“ in der vergangenen Wahlperiode zurück. Auf die Sitzverteilung im Weseler Kreistag dürften die Ergebnisse aber weder für CDU noch für SPD Auswirkungen haben. Beide behalten nach derzeitigen Berechnungen ihre Anzahl an Sitzen, die CDU kommt demnach weiterhin auf 22, während die SPD 19 Abgeordnete in den Kreistag schickt.

Erste Gespräche zur Stimmensicherung? SPD-Landratskandidat Dr. Peter Paic, links, zusammen mit Dirk Hetkamp von der FDP.
Erste Gespräche zur Stimmensicherung? SPD-Landratskandidat Dr. Peter Paic, links, zusammen mit Dirk Hetkamp von der FDP.© FUNKE Foto Services | Markus Weißenfels

Großer Verlierer des Wahlabends sind die Grünen. Ein Minus von mehr als acht Prozentpunkten bedeutet 10,83 Prozent und einen Verlust von fünf Sitzen im Kreistag. In Zukunft werden dort nur noch sieben Grünen-Abgeordnete sitzen. Eine Ohrfeige, die Fraktionschef Hubert Kück und Parteichef Dr. Hans-Peter Weiß am Sonntagabend nicht kaltließ. Auch wenn sie daran erinnerten, dass das Wahlergebnis von 2020 ein historischer Erfolg war. Mit dem jetzigen Ergebnis liege man noch deutlich über dem Ergebnis von 2014, sagte Parteichef Weiß, man müsse aber konstatieren, dass der „Kreis Wesel kein grüner Kreis“ sei.

Und je höher die Flughöhe, desto tiefer manchmal der Fall. Die massiven Stimmeneinbußen der Grünen lassen bisherige Gewissheiten in der Mehrheitsbeschaffung jedenfalls erodieren. Bislang bildete das schwarz-grüne Bündnis im Kreistag die absolute Mehrheit. Diese Verlässlichkeit ist nun dahin. Will die CDU in Zukunft weiter „regieren“, wird sie in den kommenden fünf Jahren andere Mehrheiten suchen müssen. CDU-Kreisverbandsvorsitzende Charlotte Quik wollte am Wahlabend noch nicht zu viel dazu sagen, registrierte aber sehr wohl das schwache Ergebnis des bisherigen Partners. Nur so viel: Man werde sprechen müssen, so Quik.

Bediente Gesichter bei den Grünen: Axel Paulik (links) und Dr. Hans-Peter Weiß verfolgen die Ergebnispräsentation im Sitzungssaal des Kreistages.
Bediente Gesichter bei den Grünen: Axel Paulik (links) und Dr. Hans-Peter Weiß verfolgen die Ergebnispräsentation im Sitzungssaal des Kreistages.© FUNKE Foto Services | Markus Weißenfels

Viel wird in Zukunft auch auf das Binnenverhältnis zwischen Christdemokraten und SPD ankommen, vor allem, wenn man die AfD auf Distanz halten will, die wie in ganz NRW deutliche Zuwächse generieren konnte. Die Rechtsausleger holten 13,51 Prozent und steigerten ihr Ergebnis im Vergleich zu 2020 um 7,9 Prozentpunkte. In Zukunft werden sie mit aller Voraussicht mit neun Mitgliedern im Kreistag sitzen und die drittstärkste Fraktion bilden. Ob sie von Dauer ist, wird sich zeigen, in dieser Wahlperiode hatte sich die AfD mit vier Mandaten zerlegt und in zwei Gruppen aufgesplittet. Kreisverbandsvorsitzender Ludwig Hahn ist sich aber sicher, dass es in Zukunft harmonischer laufen wird. Am Rande: Renatus Rieger trat bei der letzten Kommunalwahl als AfD-Landratskandidat an, nun kandidierte er für BZD, bekanntlich erfolglos, allerdings konnte sich der neue „Bund Zukunft Deutschland“ einen Sitz im Kreistag sichern.

Inwiefern die kleineren Parteien das Zünglein an der Waage sein können, wird sich zeigen. Einen Achtungserfolg konnte aber Die Linke erzielen. Sie holte 5,48 Prozent, steigerte sich um 1,34 Prozentpunkte und kommt im zukünftigen Kreistag auf vier statt drei Sitze. Auch die Unabhängigen Wählergemeinschaften im Kreis Wesel (UWG) verbuchten einen Erfolg und sind in Zukunft mit zwei Vertretern präsent.

Einen Verlust von zwei Sitzen verbucht unterdessen die FDP, sie wird in Zukunft nur noch mit zwei Vertretern im Kreistag sitzen. 3,54 Prozent bedeuten ein Minus von 1,95 Prozentpunkten. Der FDP-Kandidat Dirk Hetkamp aber nicht enttäuschte. Das Ergebnis sei erwartbar gewesen, sagte Hetkamp in Vertretung für Landratskandidat Constantin Borges, der es nicht zur Wahlpräsentation in den Kreistag schaffte. Er stand im Stau.