In einer Zeit, in der Stadtbilder oft austauschbar werden und Putzfassaden das historische Gesicht vieler Orte verdrängen, gibt es Menschen, die in einer alten Mauer nur porösen Stein sehen. Und es gibt Menschen wie Laura Viviana Nübel, die daraus die Identität einer ganzen Region herauslesen. Seit dem Ratsbeschluss vom 3. Dezember 2025 ist die 35-jährige Kunsthistorikerin nun offizielle ehrenamtliche Beauftragte für die Denkmalpflege in Schermbeck.
Frühzeitige Denkmalpflege sichert Schermbecks historisches Erbe
Ihre Aufgabe ist im Kern eine beratende: Es geht darum, die Politik und die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, warum ein Gebäude oder ein Bodendenkmal schützenswert ist – und welchen Wert es für unser heutiges Zusammenleben hat. Anstatt Denkmalschutz erst dann zum Thema zu machen, wenn dringende Sanierungen den Haushalt unvorhergesehen belasten, soll eine frühzeitige Einbindung in Denkmalpflegepläne für Planungssicherheit sorgen. Es geht darum, dem historischen Erbe Schermbecks mehr Gewicht zu verleihen und sich aktiv einzubringen, bevor wertvolle Substanz unwiederbringlich verschwindet. Damit Schermbeck in Zukunft nicht nur aus austauschbaren, verputzten Fassaden besteht, sondern seine Seele – die über Jahrhunderte durch Backsteinerzeugnisse geprägt wurde – behält.
Vielleicht habe ich Glück und kann noch ein paar Leute anstecken, die bisher noch daran gezweifelt haben, dass alte Steine wichtig sind.
Laura Nübel, Schermbecks ehrenamtliche Denkmalbeauftragte
Warum ist das heute so wichtig? In einer Ära, in der die Demokratie unter Druck steht, suchen Menschen nach Ankern. Historische Gebäude sind – wie Laura Nübel betont – genau solche Anker. Für die Denkmalbeauftragte ist Architektur die nahbarste Form der Kunst. Während Gemälde oft elitär wirken können, sind eine Kirche, ein Wohnhaus oder die Schermbecker Stadtmauer für jeden zugänglich. Sie erzählen davon, dass vor hunderten Jahren Menschen an denselben Orten lebten, liebten und litten. Diese Kontinuität schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität. „Ich bin Romantikerin und hab zum Glück von der Uni auch noch rationales Futter mitgegeben bekommen“, meint sie. „Vielleicht habe ich Glück und kann noch ein paar Leute anstecken, die bisher noch daran gezweifelt haben, dass alte Steine wichtig sind.“
Schermbeck prägt Laura Nübels Blick auf Kunst und Heimat
Die Verwurzelung in Schermbeck ist bei Laura Nübel tief. Aufgewachsen im Schatten der Burg der Familie Prinz, im elterlichen Geschäft an der Mittelstraße und mit einem Buchladen direkt nebenan, hat sie schon als Kind die Backsteine der historischen Mauern gezeichnet. „Mir ist erst hinterher klar geworden, wie prägend Schermbeck für mich gewesen ist“, sagt sie lachend. Als Jugendliche hätte sie die große Welt sehen wollen, aber ihre Vorstellung, wie die Welt aussehen sollte, basiere auf Schermbeck. Neben der Burg waren es besonders die historische Stadtmauer, die Zeit, die sie in der ehemaligen Stadtbibliothek in der reformierten Kirche verbrachte, und eine Begegnung mit einer Zeitzeugin im Ladengeschäft ihrer Eltern, die ihr in Erinnerung geblieben sind.
Nach dem Studium in Bamberg bei dem renommierten Denkmalpfleger Achim Hubel und Stationen in Nürnberg und Leipzig kehrte sie aus familiären Gründen an den Niederrhein zurück. Heute arbeitet sie als Kunstvermittlerin im LWL-Museum in Münster, doch ihr Herzensprojekt Schermbeck liegt vor der eigenen Haustür. Ihr Ansatz ist dabei geprägt von der „Hubel-Schule“: Konservieren statt Rekonstruieren. Lieber Dinge in Würde und Schönheit altern lassen und schützen, als sie künstlich neu zu erschaffen.


Schwere Schäden zwingen zur Sanierung der Stadtmauer
Aktuell liegt ein besonderes Augenmerk auf der Schermbecker Stadtmauer und den dazugehörigen Bodendenkmälern wie den Wallanlagen und Gräben. Im September 2025 drohte ein Teil der Schermbecker Stadtmauer umzukippen. Der Bauhof sicherte die Stelle sofort provisorisch. Ein Gutachten zeigt schwere Schäden durch Feuchtigkeit und Frost. Zudem müssen frühere Sanierungen zurückgebaut werden. Auch Ideen, wie man diese Orte für alle erlebbar machen könnte, gibt es schon, spruchreif ist dabei allerdings noch nichts.


