Früher verbrachte Manfred Gnip viele Stunden unter Tage, heute genießt er die Sonne. Der 68-Jährige und seine Frau Martina (64) haben Kaffee und Gebäck vorbereitet. Sie wollen dem Besuch von der Presse zeigen, wofür sie kämpfen – nämlich für ihr grünes Ruhestandsparadies. Anderthalb Autostunden von ihrer Heimatstadt Herten entfernt hat sich das Paar häuslich eingerichtet. Sein zweites Zuhause ist eine weiße Flachdachhütte am Ufer eines kleinen Sees. Der Vorgartenrasen ist akkurat gestutzt, von der Sonnenliege auf der Terrasse aus haben die Gnips einen beneidenswerten Blick aufs Wasser.

Die Teilzeitniederländer aus dem Ruhrgebiet haben es gerne ordentlich. Martina Gnip entschuldigt sich: Normalerweise sei die Lebensbaumhecke besser in Form. Aber für Feinarbeit mit der Schere hat sie in letzter Zeit keinen Sinn. Ist ja kaum noch jemand da auf dem Platz, der ihren Vorgarten bewundern könnte.
Ex-Bergmann über neue Eigentümer: „Die wollen, dass wir verschwinden“
Es ist einsam geworden auf dem Campinggrund „De Fontein“ nahe Eibergen in der niederländischen Grenzprovinz Gelderland. Bis letztes Jahr lebten dort – jedenfalls an Wochenenden – weit mehr als 100 Menschen. Im August 2025 wirkt der Platz wie eine Geistersiedlung. Auf dem Steinplattenweg zum verrammelten Waschhaus sprießt hüfthohes Gestrüpp aus den Fugen. Ein umzäunter Tennisplatz sieht aus, als habe dort seit langer Zeit niemand mehr aufgeschlagen, Gras erobert das Spielfeld. „Die stecken hier kein Geld mehr rein“, sagt Manfred Gnip. „Die wollen, dass wir verschwinden. Aber den Gefallen tun wir ihnen nicht.“

Mit „die“ meint er den Investor, der das Gelände gekauft hat, die meisten Stellplätze einebnen ließ und anstelle der alten Hütten und Wohnmobile luxuriöse Ferienhäuser aus dem Boden stampft. Die Gnips gehören zu den letzten Verbliebenen. Sie weigern sich, ihr Chalet zu räumen. „Uns haben sie 5000 Euro geboten, damit wir endlich gehen“, sagt Manfred Gnip. Er hat abgelehnt. Der Ex-Bergmann hat erlebt, wie im Revier die Zechen dicht machten. Jetzt kämpft ein letztes Mal. Es geht nicht mehr um Arbeitsplätze wie früher. Seine Zweitheimat ist in Gefahr.
Niederländische Camping-Mafia wäscht Schwarzgeld
Die mehr als 100 geplanten neuen Ferienhäuer – einige wurden in den letzten Monaten bereits hochgezogen, weitere sollen folgen – will der Investor nach eigenen Angaben für bis zu 343.000 Euro weiterverkaufen. Plus Mehrwertsteuer. Wer soll so viel Geld ausgeben für ein Wochenendhäuschen fernab der Küste? Die rebellischen Gnips haben den Verdacht, dass es dem Unternehmen gar nicht um eine lukratives Investment geht. Sondern darum, Geld aus zweifelhafter Herkunft zu verschleiern.
Mehr über die niederländische Camping-Mafia
Was nicht aus der Luft gegriffen erscheint. Das organisierte Verbrechen hat es verstärkt auf niederländische Ferienparks abgesehen – vor allem im Osten des Landes, also nahe der deutschen Grenze. Einer Studie mehrerer Behörden zufolge, an der auch das niederländische Zentrum für Kriminalitätsprävention und Sicherheit (CCV) beteiligt war, nutzen Kriminelle Urlaubersiedlungen und Campingplätze, um im großen Stil Geld zu waschen. Allein in Gelderland gibt es rund 900 Ferienparks. Sie werden laut dem Bericht wenig kontrolliert, Banden hätten deshalb leichtes Spiel. Ihre Masche: Sie kaufen mit Schwarzgeld etwa aus Drogengeschäften einen in die Jahre gekommenen Ferienpark und renovieren ihn. Der Weiterverkauf der Unterkünfte generiert dann legale Einnahmen. Der Untersuchung zufolge reichen ein paar Ferienhäuser aus, um in kurzer Zeit Hunderttausende Euro zu waschen.

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Die Gnips gehören zu einer Handvoll Rebellen, die bereit sind, den Streit eskalieren zu lassen. Seit Monaten geht das so. Kürzlich hat eine Richterin ihren Hoffnungen einen herben Dämpfer verpasst. Sie waren vors Gelderländer Bezirksgericht in Zutphen gezogen, weil sie darauf hofften, dass es dem Unternehmen einen Strich durch die Rechnung macht. Doch das Urteil fiel aus Sicht der Gnips und ihrer Mitstreiter enttäuschend aus. „Laut Gesetz können diese Mietverträge durch Kündigung beendet werden“, stellte die Richterin fest. „Der Grund für die Kündigung ist in der Regel nicht relevant.“ Die Camper haben nun bis Ende Oktober Zeit, den Platz zu räumen. Was sie nicht tun werden, wie sie beschwören. Sie wollen in Berufung gehen.

Camper ziehen Holland dem Sauerland vor
Für Manfred Gnip, einen Mann mit beachtlichen Püttologenpranken, ist der Platz jener Ort, an dem er seine Rente genießen möchte. Während seines Berufslebens hat er viel erlebt. 22 Jahre arbeitete er im Auftrag des Dortmunder Bergbau-Unternehmens Deilmann-Haniel auf Zeche Auguste Victoria im nördlichen Revier, zuletzt war er auf Prosper-Haniel in Bottrop im Einsatz. „Ich war für die Maschinentechnik verantwortlich“, erzählt Gnip. Zwischendurch lebte er zwei Jahre in Spanien, um nahe Barcelona ein altes Salzbergwerk zu sanieren.
2015 entdeckten er und seine Frau den Campingplatz – und verliebten sich sofort in das Biotop. Vorher hatten sie ein Ferienhaus im Sauerland. Nichts gegen die knorrigen Südwestfalen. Aber wie freundlich sie in Gelderland aufgenommen wurden, das hat die beiden so tief beeindruckt, dass sie nicht mehr weg wollen. Solidarität ist Manfred Gnip wichtig, er will die anderen Rebellen nicht im Stich lassen. „Wir Camper bleiben zusammen“, sagt seine Frau Martina. „Egal was passiert.“





