Wir alle kennen es: Wer den Führerschein machen möchte, muss zuvor einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Dort lernt man unter anderem die Herzdruckmassage – meist an einer Übungspuppe, die einen jungen, fitten und weißen Mann darstellt.

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Über Jahrhunderte galt der männliche Körper als Maßstab der Medizin. Diagnosen und Behandlungsstandards orientierten sich am männlichen Körper – mit gravierenden Folgen: Krankheiten, die sich bei Frauen anders äußern, wurden später erkannt oder gar missverstanden, Schmerzen oft heruntergespielt. Diese Schieflage prägt das Gesundheitssystem bis heute.
Genau diesem Umstand widmet sich die Ausstellung „Unseen“ im Rijksmuseum Boerhaave in Leiden, die seit dem 7. März 2025 besucht werden kann. Sie zeigt einen Teil der Medizingeschichte, welcher lange übersehen wurde:
Die systematische Unsichtbarkeit von Frauen und intergeschlechtlichen Menschen in der medizinischen Forschung und Praxis. Bis zum 8. März 2026 lädt die Ausstellung dazu ein, die Wurzeln und Folgen dieser Ungleichheit zu erkunden – und Wege in eine gerechtere Zukunft der Gesundheitsversorgung zu denken.
„Unseen“ macht diese Strukturen sichtbar – und greifbar. Zu den charakteristischen Objekten der Ausstellung gehört ein historischer gynäkologischer Untersuchungsstuhl, kaum gepolstert und überwiegend aus Metall gefertigt. Er veranschaulicht eindrücklich, wie medizinische Praktiken einst gestaltet waren – und welche Machtverhältnisse ihnen zugrunde lagen.
Das „Inclusive Anatomy Model“, ein interaktives digitales Anatomiemodell, das in Zusammenarbeit mit Elsevier Health entstanden ist. Es erweitert das bisherige Verständnis von Anatomie, indem es vielfältige Körperrealitäten einbezieht – ein Schritt hin zu einer inklusiveren medizinischen Ausbildung.
Auch der „Atlas of Queer Anatomy“ zeigt, wie vielfältig Körperdarstellungen heute sein können: Die Künstlerin Nathalie Latour verbindet darin Kunst und Anatomie und macht sichtbar, dass es viele mögliche Formen und Erfahrungen des Körpers gibt – nicht nur eine „normale“ Anatomie.

Neben diesen zeitgenössischen Positionen richtet „Unseen“ den Blick auf historische Akteurinnen wie Aletta Jacobs, eine der ersten niederländischen Ärztinnen und Vorkämpferin für die Rechte von Frauen in der Medizin. Ihre Geschichte steht exemplarisch für den langen Weg hin zu wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Anerkennung.
Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die Unterstützung des niederländischen Ministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft.
„Unseen“ ist damit weit mehr als eine Ausstellung über medizinische Geschichte – sie ist eine Einladung, die blinden Flecken der Wissenschaft zu erkennen und das Wissen über den menschlichen Körper neu zu denken.





