Geholfen hat sicher auch, dass er kein Feind der Kamera ist. Ein Lächeln wie in der Zahnpasta-Werbung. Glattrasiert, kantig, volles schwarzes Haar mit ergrauenden Schläfen. Eng geschnittene Anzüge. Eloquent und sportlich, er lebt mit einem Mann zusammen. Rob Jetten hat Niederländerinnen wie Niederländer für sich eingenommen. Der 38-jährige Wahlsieger besitzt die beste Chance, jüngster Ministerpräsident in der Geschichte der Niederlande zu werden.

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Vor seinem Höhenflug hat Jetten in einem Kaff an der deutschen Grenze gelebt. Glamour ist woanders. Wer das Phänomen Jetten verstehen will, bekommt hier Anhaltspunkte.
Das Dorf Ubbergen, ein paar Autominuten von Kleve entfernt, war jahrelang Rob Jettens Rückzugsort. Niederländische Provinzidylle: Moderne Architektenhäuser neben Villen aus dem 19. Jahrhundert, vor den Türen liegen Gesichtskürbisse. Kiesauffahrten, Eisentore, hohe Hecken, ein Laubbläser röhrt. Der Bus in die nächste Stadt – zum Nimwegener Hauptbahnhof – fährt zweimal in der Stunde.
Erst letztens ist er nach Den Haag gezogen, weil die Pendelei ihn nervte. Welchen Eindruck hat er bei den Menschen in Ubbergen hinterlassen – bevor jemand ahnte, dass der schnittige Bursche von nebenan mal Hoffnungsträger des Landes werden würde?
Empörte Bauern stellten Rob Jetten an der Haustür zur Rede
Ubbergen gehört zur Fusionsgemeinde Berg en Dal. Ein Ort mit ein paar Hundert Einwohnern, die aufeinander achten. Als die NRZ Fotos macht, dauert es nicht lange, bis ein Herr in Handwerkerhose den Reporter mit finsterem Gesicht zur Rede stellt: Was man hier wolle? Sein Gesicht hellt sich auf, als der Name Jetten fällt. „Na klar kenne ich den. Dort drüben, da hat er gewohnt. In dem Haus mit den Blumen im Vorgarten.“ Er führt zu einem braunen Klinkerbau am Rijksstraatweg, zwischen Pension und Tankstelle. Jetten habe er häufig auf der Straße getroffen. „Wirklich ein netter Mann“, sie hätten stets geplaudert.

Jetten besorgte der Nachbarschaft Gesprächsstoff. Je bekannter er wurde, desto mehr Meckerer kamen. Der Handwerker erzählt, wie einmal fünf Landwirte vor Jettens Tür standen, der damals Klimaminister war. Sie wollten ihn zur Rede stellen, weil sie mit der Umweltpolitik der Regierung unzufrieden waren. Dank Jetten war was los im Dorf.
Rob Jetten ist der Gegenentwurf zu Geert Wilders
Rob Jetten hat in den letzten Wahlkampfwochen mit professionellen Auftritten im Fernsehen und in sozialen Netzwerken eine rasante Aufholjagd hingelegt. „Het kan wel!“, lautete sein Motto. Also: Es geht doch. Er inszenierte sich als Gegenentwurf zum Rechtspopulisten Geert Wilders (62).
In den Niederlanden sind Ministerpräsidenten häufig seriös, aber farblos. Jetten wäre anders. Aus seinem Privatleben macht er kein Geheimnis. Er berichtete öffentlich, wie er seinem Freund, dem argentinischen Feldhockeyprofi Nicolás Keenan (28), einen Heiratsantrag gemacht habe. Er setzte er sich für die Legalisierung von Ecstasy ein – weil er selbst „gute Partys“ möge. „Ich habe mal eine Pille genommen“, gestand er, indes sei dieser Rausch „ehrlich gesagt nicht so mein Ding“ gewesen.

Ein paar Kilometer von Ubbergen entfernt, in Nimwegen, hat Jettens Karriere begonnen. Mit 18 Jahren zog er aus seiner zwischen Arnheim und Eindhoven gelegenen Heimatstadt Uden dorthin, um Verwaltungswissenschaften zu studieren. Nimwegen wurde zu seinem politischen Sprungbrett. Jetten engagierte sich in der sozialliberalen D66, mit 22 wählte ihn der Nimwegener Ortsverband zum Parteivorsitzenden.
Ein grausamer Mord weckte Jettens Leidenschaft
Er habe sich früh politisiert, sagt Jetten, der für soziales Profil und konservative Asyl-Positionen steht. Im Wahlkampf hat er in zahlreichen Reden davon gesprochen: Wie ein radikaler Muslim dem Filmemacher Theo van Gogh (†47) 2004 auf offener Straße die Kehle durchschnitt. Wie der Mord ihn, den damals 17-jährigen Schüler, aufwühlte. Wie kurz darauf ein Brandanschlag auf eine von Muslimen besuchte Grundschule in Uden sein Städtchen in die Schlagzeilen katapultierte.
„Es stellte sich heraus, dass es sich um einen außer Kontrolle geratenen Streich von Jungs aus meiner Fußballmannschaft handelte“, so Jetten. „Aber die Öffentlichkeit tat so, als habe unser Dorf ein großes Problem mit rechtsextremen Jugendlichen.“ Damals sei in ihm und ein paar Freunden der Ehrgeiz entstanden, der Welt das Gegenteil zu beweisen. „Wir haben mehrere Aktionen organisiert und auch im Gemeinderat gesprochen.“ Der erste Schritt vom Schüler Rob zum Politiker Jetten.
Seine Karriere verläuft seitdem steil, ohne dass er in allem ein Naturtalent ist. 2017 zieht er ins Parlament ein, wird bald darauf Fraktionsvorsitzender. Erste Auftritte vor Kameras gestalten sich holprig und wirken einstudiert. Der junge Jetten ist eher Streber als smarter Strahlemann. Niederländische Medien verpassen ihm den Spitznamen „Robot Jetten“. Der Aufsteiger wird zur Lachnummer.
Rob Jettens Waffe ist die Ironie
Doch Jetten ist einer, der mit der Zeit immer besser wird. Der heutige Nato-Generalsekretär Mark Rutte (58) macht ihn in dessen Spätphase als Premier zum Minister. Bedeutende Spuren hinterlässt Jetten nach Einschätzung politischer Beobachter in den zweieinhalb Jahren zwar nicht. Aber er spielt jetzt in der Ersten Liga. Und er will mehr.
TV-Zuschauer sehen zu, wie Jetten sein Erscheinungsbild poliert. Er trägt plötzlich krawattenlose weiße Hemden mit hochgekrempelten Ärmeln, predigt Optimismus, posiert vor der niederländischen Flagge. Wirkt nun wie eine jüngere Version seines Förderers Rutte. Seinen Schmähnamen erträgt Jetten mit Selbstironie und stellt medienwirksam einen Roboter in seinem Büro auf. Aus dem hölzernen Primus ist ein gutaussehender Politprofi geworden.
In Ubbergen sind sie dankbar, dass einer von ihnen es wohl in den Binnenhof schafft, den Regierungskomplex in Den Haag. Die Regionalzeitung „De Gelderlander“ würdigt Jetten in mehreren Artikeln. Stellvertretend für viele im Dorf berichtet Arjan van Nistelrooy, der ebenfalls am Rijksstraatweg lebt, wie er den Nachbarn gelegentlich im Fitnessstudio getroffen habe. Dass der vielleicht baldige Regierungschef aus Ubbergen komme, „darauf bin ich stolz“.





