Niemand weiß, was ihnen passiert ist: Vor elf Jahren, im April 2014, verschwinden die niederländischen Freundinnen Kris Kremers (damals 21) und Lisanne Froon (22) aus Amersfoort während einer Dschungelwanderung im Panama-Urlaub. Dieser Fall beschäftigt True-Crime-Fans und Hobbydetektive auf der ganzen Welt. Kürzlich gewann die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger (40) für ihren auf den Ereignissen beruhenden Roman „Die Holländerinnen“ den Deutschen Buchpreis.

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Die deutschen Autoren Christian Hardinghaus (47) und Annette Nenner (39) haben mit „Verschollen in Panama“ ein Sachbuch im Selbstverlag vorgelegt, das die erfolglosen Ermittlungen minuziös nachzeichnet. Wegen des internationalen Interesses ist es auch auf Englisch und Russisch erschienen, Übersetzungen ins Spanische und Italienische sind in Arbeit. Im Gespräch mit der NRZ berichten sie, warum die Tragödie sie nicht loslässt.
Wie sind Sie auf den Vermisstenfall aufmerksam geworden?
Hardinghaus: Ich schreibe normalerweise Bücher über den Zweiten Weltkrieg. Zur Entspannung höre ich abends manchmal True-Crime-Podcasts. Dort habe ich das erste Mal von dem Fall gehört. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
In Internetforen wird bis heute intensiv darüber diskutiert. Warum entfaltet er so eine große Anziehungskraft?
Hardinghaus: Weil Menschen Spaß haben an Rätseln – und dieser Vermisstenfall ist voller Rätsel. Er ist ein medienwissenschaftliches Phänomen. Auch zum Mord an John F. Kennedy oder zum Tod von Frauke Liebs (eine junge Frau, die 2006 in Paderborn verschwand - Anm. d. Red.) kursieren wilde Theorien, wer dahinter stecken könnte. Bei den Niederländerinnen ist dieser Glaubenskampf der Meinungen noch extremer. Zwei Seiten stehen sich unvereinbar gegenüber. Die eine Seite glaubt an ein Verbrechen, die andere an einen Unfall. Beide Theorien scheinen plausibel.

Welche Rolle spielen Sie in diesem Glaubenskampf?
Hardinghaus: Wir bekommen hin und wieder heftige Drohungen von Leuten, die es nicht ertragen können, dass wir etwas herausgefunden haben, das nicht zu ihrer persönlichen Theorie passt. Was ich schlimm finde: Manche Podcaster denken sich einfach etwas aus, um eine coolere Geschichte erzählen zu können. Sie berichten etwa von Indizien, die es gar nicht gibt. Für die Menschen in Panama ist das brutal, wenn sie einer falschen Verdächtigung ausgesetzt sind.
Was glauben Sie: War es ein Unfall, wie die panamaischen Behörden vermuten, oder wurden die jungen Frauen Opfer eines Verbrechens?
Nenner: Als wir mit unserer Arbeit begonnen haben, gingen wir von einem Unfall aus. Im Verlauf unserer Recherche sind wir jedoch zu dem Schluss gekommen, dass die Indizien etwas anderes aussagen. Wir glauben: Es war ein Verbrechen.
Hardinghaus: Manche vermuten, dass sich die Frauen während ihrer Wanderung im Dschungel verirrt haben. Aber dort kann man sich laut Experten gar nicht verirren. Und selbst wenn, ist es nicht erklärbar, weshalb die Rettungsmannschaften, die wochenlang nach ihnen gesucht haben, die beiden weder tot noch lebendig finden konnten. Für mich stellt sich die Frage, ob wir es mit einem perfekten Verbrechen zu tun haben.
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Frau Nenner, Sie waren vor Ort in Panama. Wie sind Sie vorgegangen?
Nenner: Ich spreche Spanisch, bin im März 2023 für drei Monate dorthin gereist und dem Weg der Mädchen gefolgt: Von Costa Rica, wo sie gelandet sind, nach Panama. Ich war in der Sprachschule, in der sie Spanisch lernen wollten, und bin mehrere Male den Wanderweg gelaufen, auf dem sie verschwunden sind. Das erste Mal war ich allein unterwegs, ohne Guide. Im Nachhinein war das leichtsinnig. Heute weiß ich, was Menschen und vor allem Frauen passieren kann, die dort alleine unterwegs sind. Im Frühjahr 2024 war ich dann weitere zwei Monate dort.
Hardinghaus: Wir haben uns die Ermittlungsakten, forensischen Gutachten und Protokolle der panamaischen und niederländischen Polizei besorgt. Insgesamt 3500 Seiten, die wir erstmal übersetzen mussten. Am Anfang hatten wir die Idee im Hinterkopf, dass wir den Fall vielleicht lösen würden.
Seit elf Jahren warten die Familien auf Antworten. Es scheint, dass der Fall niemals gelöst wird.
Hardinghaus: Das glaube ich nicht. Es kann schnell gehen. Wenn zum Beispiel die Schädel der Frauen gefunden würden, und die hätten Einschusslöcher – dann wüsste man, dass es Mord war. Oder wenn sich einige der Zeugen melden, nach denen die Polizei seit Jahren vergeblich sucht. Die könnten neue Hinweise geben.

Wie erklären Sie sich die dürftigen Ermittlungsergebnisse?
Hardinghaus: Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die panamaische Polizei Hinweisen nicht nachgegangen ist. Warum nicht? Man kann gar nicht anders, als zu denken: Da stimmt etwas nicht.
Nenner: Ich stelle mir die Frage: Hat jemand die Ermittlungen sabotiert? Als ich mit der Recherche begann, hat der Anwalt der Familie Kremers mich gewarnt, ich solle vorsichtig sein.
Was könnte er mit dieser Andeutung gemeint haben?
Nenner: Fest steht, dass in der Region auffallend viele wohlhabende Amerikaner leben. Dort verschwinden immer wieder Menschen – nicht nur Touristinnen, auch Kinder von Indigenen. Wir sind Gerüchten nachgegangen, wonach dort Horrorpartys stattfinden sollen: Frauen werden durch den Wald gehetzt, und Touristen bezahlen Geld für den Thrill, sie zu jagen. Um es klar zu sagen: Wir haben keine Beweise für diese Menschenjagden gefunden und deshalb in unserem Buch nichts davon geschrieben. Aber wer an diesen Ansatz glauben möchte, findet Hinweise darauf.
Die Faszination für den Fall kommt auch daher, dass viele Fotos von der Digitalkamera der Frauen durchgestochen und veröffentlicht worden sind. Was kann man aus den Bildern herauslesen?
Hardinghaus: Die Kamera wurde im Dschungel gefunden. Darauf zu sehen sind mehr als 100 Fotos, die absolut gruselig sind. Sie sind nachts im Wald entstanden, man erkennt darauf kaum etwas.
Nenner: Es gibt ein Bild, auf dem mutmaßlich der Hinterkopf von Kris Kremers mit ihren roten Haaren zu sehen ist. Ich bin mir sicher, dass beide Frauen schon tot waren, als das Foto entstand. Und ich glaube, dass sie gleichzeitig getötet wurden. Die Nachtfotos sind meiner Meinung nach bereits am ersten Abend ihres Verschwindens entstanden. Womöglich, um durch den Blitz auf sich aufmerksam zu machen.
Hardinghaus: Wir glauben: Wenn ihnen etwas zugestoßen ist, dann schon am ersten Abend. Handy- und Kameramanipulationen deuten darauf hin, dass sie nicht Opfer eines Gelegenheitsverbrechers wurden. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, er ist äußerst professionell vorgegangen.





