Zuletzt war es zwar klirrend kalt, immerhin. Aber wieder nicht kalt genug. Wochenlang muss es richtig frostig sein, damit die Eisdecke auf Flüssen und Kanälen dick genug ist. Erst dann endlich kann ein Schlittschuh-Marathon starten, der elf Bilderbuchstädte miteinander verbindet und in den Niederlanden den Rang eines riesigen Volksfests einnimmt. Die Elfstedentocht (Elf-Städte-Tour) ist mehr als ein Eislaufrennen – sie ist ein nationales Ereignis. Aber eines, das immer weniger Schüler, Studentinnen, Azubis in seinen Bann zieht.

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Für sie sind die mythischen Erinnerungen, von denen die Älteren dieser Tage erzählen, Schnee von vorgestern. Denn der letzte Wettkampf liegt so lange zurück, dass jüngere Friesen und Holländer noch nie eine Elfstedentocht miterlebt haben. Fast 30 Jahre ist es her, dass das Eis zuletzt die erforderlichen 15 Zentimeter erreichte. Experten sorgen sich, ob diese Tradition einfach wegschmilzt, ob den Niederländern die Begeisterung für den Massenlauf abhanden geht. Jan Bakker, seit wenigen Wochen neuer Präsident der „Koninklijke Vereniging de Friesche Elf Steden“ – des Königlich Friesischen Elf-Städte-Verbands – und somit das Gesicht der Tour, hat ein schlechtes Gefühl: Es werde immer schwieriger, junge Menschen für die Elfstedentocht zu entflammen, sagt er.
„Das ist die größte Herausforderung für uns“, so Bakker zum Regionalsender Omrop Fryslan. „Es geht darum, die Geschichten der Tour über Generationen hinweg lebendig zu halten.“ Die Tocht müsse „neue Helden“ hervorbringen, um nicht in Vergessenheit zu geraten, glaubt der 63-Jährige.
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Wer die Tour gewinnt, wird zum Helden
Wer die alten Helden sind, berichtete die NRZ schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert. „Über Kanäle, Gräben und Seen“ lautet der Titel eines Artikels aus dem Jahr 2000, in dem unser Autor seine Eindrücke aus Friesland schilderte: „Überall ist die Rede von legendären Tour-Gewinnern wie Reinier Paping oder Evert van Benthem, der heute eine Käserei in Jansklooster betreibt“, schrieb unsere Zeitung. Das Elf-Städte-Kreuz, das erhält, wer einmal im Leben die Tour hinter sich gebracht hat, sei im Norden des Königreichs „fast so angesehen wie die Krone“.
Bakker kann sich gut an 1997 erinnern, an die bislang letzte Tocht: Er war als aktiver Eisläufer dabei, gehörte zwischenzeitlich zur Spitzengruppe, musste aber wegen eines Krampfanfalls aufgeben. Seitdem war es nie kalt genug, damit Zehntausende auf 200 Kilometern über Eis gleiten konnten – wegen des Klimawandels werden auch niederländische Winter immer milder. Das führte dazu, dass Bakkers Vorgänger Wiebe Wieling, ein 70-jähriger ehemaliger Lehrer, seinen Posten als Organisator des Mammutrennens im Dezember nach 20 Jahren räumte, ohne ein einziges Mal eine Elfstedentocht eröffnet zu haben. In 117 Jahren seit der ersten Auflage 1909 gab es nur 15 Rennen.

Elfstedentocht vor dem Aus
Die NRZ, die seit jeher ausführlich über Geschehnisse in unserem Nachbarland berichtet, hat den Eisdauerlauf in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zum Thema gemacht. 1985 etwa, kurz vor dem Start der Elfstedentocht jenes Jahres. Schon damals war sie ein seltenes Ereignis. Die Redaktion erinnerte in dem Text an ein besonders beschwerliches Rennen von 1963. „Beim Elfstädtelauf vor 22 Jahren brachen 98,7 Prozent unterwegs zusammen. Von den 9862 Teilnehmern standen nur 126 die Strapaze durch. Es fror 18,2 Grad, bei schneidendem Wind: Der kälteste Tag des Jahrhunderts.“
Jan Bakker hofft, dass er mehr Glück hat als sein Vorgänger. Dass er wenigstens einmal einen großen Auftritt hinlegen und auf Friesisch sagen darf: „It giet oan“ (Sie findet statt). „Sollte das während meiner Amtszeit nicht möglich sein, wäre das natürlich eine Enttäuschung.“ Mit jedem Winter, das verstreicht, steigt die Chance, dass es mal wieder klappt. Im vergangenen Jahr veröffentlichten die niederländischen Forscher Hans Visser und Arthur Petersen eine Studie, wonach die Bedingungen statistisch alle 32 Jahre erfüllt sind. 2029 wäre es soweit.
Allerdings hatten sich die beiden schon 2008 mit der Wetterfrage auseinandergesetzt, und der Datenvergleich verheißt nichts Gutes. Damals ermittelten Visser und Petersen, zu jener Zeit Mitarbeiter der niederländischen Umweltbehörde, einen Durchschnittswert von einem Elfstedentocht-Winter alle 18 Jahre. Seitdem hat sich die Wahrscheinlichkeit also drastisch verringert.
Damit das Eis dick genug wird, braucht es einschlägigen Berechnungen zufolge zwei Wochen lang Temperaturen um die minus zehn Grad – idealerweise ohne Schneefall. Es müssen also glückliche Umstände zusammenkommen, damit die Elfstedentocht steigen kann. Jan Bakker hält sich bereit.
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