Die Straße am Stadtrand wirkt idyllisch. Ein Hausbesitzer pflegt liebevoll seinen Garten, Radfahrer gleiten vorbei, es ist ein sonniger Tag in der niederländischen Kleinstadt Lochem. Doch der Ampsenseweg steht im Zentrum einer Debatte, die das ganze Land erfasst hat. Es geht um die Asylunterkunft hier. Um die Sorge vor Hunderten Flüchtlingen, die in den nächsten Monaten einziehen sollen. Und um einen bemerkenswerten Plan der Gemeinde, der die Stadtgesellschaft spaltet.

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Das grenznahe Lochem hat 34.000 Einwohner und liegt etwa 40 Kilometer entfernt von Gronau im Münsterland. Die Kommune will Anwohnern der Asylunterkunft auf Initiative eines Ratsmitglieds je bis zu 1000 Euro überweisen, wenn sie ihr Haus im „öffentlichen Interesse“ mit Kameras, Zäunen, Bewegungsmeldern oder sonstiger Überwachungstechnik ausrüsten lassen. So will das Städtchen erreichen, dass sich alle sicher fühlen, die in der Nähe der Asylunterkunft ein Eigenheim besitzen. „Deren Sorgen müssen ernst genommen werden“, fordert das Gemeinderatsmitglied Bertus Karssenberg von der Lokalpartei Meedenken met Lochem (Mitdenken mit Lochem).
Asyl-Debatte in den Niederlanden – mit der Presse will keiner sprechen
In der Nachbarschaft sprechen die Leute nicht darüber. Jedenfalls nicht öffentlich, denn das Thema ist brisant. Niemand will als Ausländerfeind dastehen. Als die NRZ einen Herren anspricht, ob er für eine Unterhaltung zur Verfügung stehe, wiegelt der barsch ab: Er wolle mit der Presse nicht reden. Kurze Zeit später kommen wir mit zwei Spaziergängern ins Gespräch. Nach einem freundlichen Smalltalk über das Wetter kippt die nette Stimmung, als wir uns als Journalisten zu erkennen geben: Postwendend brechen sie das Gespräch ab und gehen weiter.
Ende März soll im Gemeinderat über den 1000-Euro-Plan abgestimmt werden. Ist er ein wirkungsvolles Instrument, um die gefühlte Sicherheit zu erhöhen – oder handelt es sich um reinen Populismus?
Bislang leben dort minderjährige Geflüchtete
Die Asylunterkunft am Ampsenseweg macht einen gepflegten Eindruck, sie ist umgeben von grünen Wiesen und Bäumen. Darin leben 65 junge Geflüchtete. „Alles Kinder“, sagt ein Securitymann am Eingang. Kinder, nun ja: Es sind Jugendliche, die hier wohnen, 15 bis 18 Jahre alt. Sie gehen in Lochem zur Schule, gelten als integriert. Als wir das Gebäude betreten und sie nach der Situation in Lochem befragen möchten, halten der Securitymann und ein Kollege uns davon ab. Ebenso verhindern sie, dass die Redaktion Fotos der Unterkunft macht. Drohend stellen sie sich in den Weg, bis wir ins Auto steigen und wegfahren.
Mehr zur Situation von Geflüchteten
Bislang, heißt es aus der Nachbarschaft, gibt es wenige Konflikte zwischen Lochems Alteingesessenen und den Neuen am Stadtrand. Vor zwei Jahren habe es mal Probleme gegeben, deutet Gemeinderatsmitglied Bertus Karssenberg an. Aber die Unruhestifter lebten längst nicht mehr im Ort. Mit den Nachfolgern gebe es keine Schwierigkeiten. Doch bald sollen noch viel mehr Geflüchtete nach Lochem kommen.
Der 1000-Euro-Plan ist in Lochem Stadtgespräch
Es geht um 185 zusätzliche Asylbewerber, die Lochem zugewiesen wurden. Denn in den Niederlanden fehlen Plätze zur Unterbringung. Bis Mitte 2027 werden laut der zentralen niederländischen Aufnahmestelle für Asylsuchende (COA) 38.000 weitere Betten benötigt. Manche Gemeinden sind alles andere als begeistert, dass sie noch mehr Fremde aufnehmen sollen.

In Lochem ist der 1000-Euro-Plan Stadtgespräch. Einer nicht repräsentativen Umfrage der Regionalzeitung „De Gelderlander“ zufolge steht die Bevölkerung ihm überwiegend kritisch gegenüber. 64 Prozent der Befragten lehnen den Vorschlag ab, 26 Prozent sind dafür. In dem Blatt kritisieren einige Lochemer, dass der Plan Asylsuchende pauschal als Sicherheitsrisiko darstelle. Andere betonen, dass Sicherheit eine öffentliche Aufgabe sei und nicht auf Einzelpersonen abgewälzt werden sollte.
Das bescheidene Budget: 24.000 Euro
Die Idee sorgt nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch innerhalb der Lokalpolitik für erhebliche Spannungen. Während einige Parteien wie Karssenbergs Mitdenker dafür sind, schimpft die Opposition im Gemeinderat: „Man behandelt alle Asylsuchenden wie Kriminelle.“ Plötzlich berichten Medien aus dem ganzen Land über Lochem, sagt das Gemeinderatsmitglied Anja Rouwenhorst. Der Stadt schade die Aufmerksamkeit: „So möchte man nicht in den Nachrichten landen.“
Die Verantwortlichen betonen indes, dass der Plan ernst gemeint sei. Es stehen jedoch insgesamt nur 24.000 Euro Budget zur Verfügung. Sollte der Plan umgesetzt werden, werden also nur um die zwei Dutzend Haushalte von den Zuschüssen profitieren.





