Von , Niederlande-Reporter

Totale Freiheit. Hört sich verlockend an, sagt Tamar Valkenier, ist aber wahnsinnig anstrengend. Freiheit bedeutet ihr, weder Kühlschrank noch Konserven zu haben. Wer frei sein will, müsse bereit sein zu echter Knochenarbeit.

Dann zeigt sie auf einer großen Leinwand Fotos ihrer Mahlzeiten. Valkenier neben einem toten Hirsch. Mit einer gerupften Gans in der Hand. Einem abgetrennten Gazellenkopf. „Ich habe alles gegessen. Gehirn, Zunge, Augen“, berichtet die drahtige Niederländerin. „Ich sage Ihnen: Augen sind fettreich – aber alles andere als lecker.“ Angewidertes Gemurmel im Saal. Dann eben kein Aufbruch in die totale Freiheit. Zuhause ist es ja auch schön.

Wenn sie muss, tötet sie

Die Extrem-Camperin Tamar Valkenier (39) reist seit elf Jahren durch die weite Welt. Immer auf die harte Tour, Hauptsache wild: kaum Geld, kein Auto, kein Dach. Manchmal begleitet von einem Hund oder Esel. Oft alleine mit ihrem Fahrrad, einem Gewehr und einer Angel. Abends schlägt sie ihr Zelt auf und macht Feuer.

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Valkenier mit ihrem Fahrrad in Bosnien.

Bild: © HO | Tamar Valkenier

Verschlägt es Valkenier nach Deutschland, sucht sie sich einen Friedhof zum Übernachten, „denn praktischerweise hat jeder einen Wasserhahn“. Vor drei Jahren machte sie am Niederrhein Station, als sie mit einem Kamel rheinaufwärts bis Basel wanderte. Nun ist sie auf Vortragstour und zurück am Rhein. Valkenier spricht über ihr nonkonformes Nomadinnenleben, organisiert vom Kölner Reise-Eventveranstalter Grenzgang. Erst ein Auftritt im Düsseldorfer Savoy-Theater, dann geht‘s weiter. Bis sie den Dom sieht.

Mit Holland-Akzent über ein abenteuerliches Leben

Nächster Einsatz: Köln, Comedia-Theater. Im Publikum sitzen Frauen im Studentinnenalter. Rastazöpfe weisen einige als unangepasste Köpfe mit Fernweh aus. Valkenier erzählt auf Deutsch mit lustigem Holland-Akzent, wie sie ihren ersten Hirsch geschossen hat. In den Bergen der neuseeländischen Südinsel sei das gewesen, wo sie sich drei Monate durch die Wildnis schlug. Ein schöner Moment, obwohl sie Tiere gerne habe.

Nur sei der Kadaver viel zu groß gewesen für ihr Kochtöpfchen. Bis sie ihn ausgenommen und zerlegt hatte, vergingen Tage des Hungers. Seitdem nimmt sie lieber Nager und Vögel ins Visier.

Von außen sah mein Leben perfekt aus, aber es wirkte vorherbestimmt.

Tamar Valkenier, Abenteuerin, über ihr früheres Dasein.

Was hat Tamar Valkenier aus ihren Abenteuern gelernt? Wir treffen sie ein paar Stunden vor dem Auftritt in einem Café in der Kölner Südstadt. Sie trägt die ausgebeult-praktische Trekkinghose mit mehreren Taschen, die sie später auf der Comedia-Bühne anhaben wird. Dazu einen Rucksack. Den hat sie immer dabei, sagt sie, da passe alles rein, was sie brauche. Ob das kompakte Teil als Handgepäck im Flugzeug durchgehe, will man neugierig wissen. Nee nee, sie schüttelt den Kopf, bisschen zu groß. Ist ihr unwichtig. Sie reist nicht gerne in Maschinen.

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Nie ohne ihren Rucksack: Valkenier in Köln.

Bild: © Funke | Jonas Erlenkämper

„Es kommen vor allem Mädchen und Frauen zu meinen Vorträgen“, sagt Valkenier. Ihnen will sie Mut machen. Sie überzeugen, dass Frauen alles können, wenn sie Ängste überwinden. „Ich habe zwei Master-Abschlüsse, aber als meine Reise begann, habe ich mich nicht getraut, bei Fremden zu klingeln und zu fragen, ob ich in ihrem Garten zelten darf.“

Früher jagte sie Mörder

Sie bestellt eine Apfelschorle („mein Lieblingsgetränk, wenn ich in Deutschland bin“), dann erzählt sie ihre Geschichte. Aufgewachsen in Haarlem bei Amsterdam, ein Stadtkind also. Früh hat sie Statussymbole gesammelt: Mit 19 kaufte sie mit ihrem damaligen Freund ein Haus. Dann ein Motorrad. Mit 24 fing sie als Psychologin bei der niederländischen Polizei an.

Im Plauderton skizziert sie die Arbeit. Die Fallanalytikerin erstellte Täterprofile. Morde und Vergewaltigungen waren ihr Alltag. Jeden Tag eine neue Gräueltat. Auf ihrem Schreibtisch landeten nur die schlimmen Sachen, sagt sie und lacht jeden Betroffenheitsimpuls des Gegenübers weg. Sie habe ihren Job geliebt, weil er so interessant war. Erst nach Feierabend kamen immer öfter dunkle Gedanken.

„Von außen sah mein Leben perfekt aus, aber es wirkte vorherbestimmt“, erinnert sich Valkenier. Sie lenkte sich ab. „Als ich mir eines Tages beim Fallschirmspringen den Fuß brach und nicht arbeiten konnte, hatte ich plötzlich Zeit, nachzudenken. Ich dachte: Der Alltag ist so langweilig. Hat mein Leben nicht mehr zu bieten?“ Noch 40 Jahre bis zur Rente – erschreckend, fand sie. Die eingegipste Valkenier fasste einen Entschluss: „Ich musste da raus.“

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Valkenier genügt auf ihren Reisen tierische Gesellschaft.

Bild: © HO | Tamar Valkenier

Valkenier ist arm, aber glücklich

Mit 28 kündigte sie bei der Polizei, verkaufte alles, was nicht in den Rucksack passte, setzte sich aufs Rad und fuhr los. Erstmal rüber nach Belgien, immer der Nase nach – einen Plan hatte sie nicht. Nach zehn Monaten war sie in Istanbul. „Ich stellte fest, dass das Leben nicht viel kostet, wenn man keine Miete zahlen muss. Auf meinem Konto lagen 11.000 Euro. Das Geld reichte die ersten drei Jahre.“

Seither ist sie Dauerreisende. Besuchte Rentierzüchter in der sibirischen Taiga, die Massai in Kenia. Freundete sich mit Adlerjägern in der Mongolei an. Trotzte eisiger Kälte und Durst. „Seit ich ausgebrochen bin, ist mein Leben ein großer Zufall. Ich habe mehr Zeit, es entstehen neue Verbindungen.“

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In der Mongolei schloss die 39-Jährige Freundschaft mit diesen Adlerjägern.

Bild: © HO | Tamar Valkenier

Mittlerweile hat Valkenier zu einer bürgerlichen Existenz gefunden. Na ja, für ihre Verhältnisse: Sie hat ein Buch geschrieben („Die Vollzeit-Abenteuerin: Eine Frau zieht in die Welt“), arbeitet an einem zweiten, führt Touristen durch unwirtliche Gegenden, hält Vorträge. So kommt genug an Honoraren zusammen, um die Reiserei zu finanzieren.

Als Selbstversorgerin im Wald

Wenn sie zur Ruhe kommen will, zieht sie sich in eine Waldhütte auf der australischen Insel Tasmanien zurück. Das Haus, das sie als besseren Schuppen beschreibt, hat sie vor ein paar Jahren zusammen mit ihrem neuen Freund, einem Australier, gekauft. Auch dort ernährt sie sich von dem, was sie draußen findet. „Technisch gesehen lebe ich unterhalb der Armutsgrenze“, so Valkenier. „Aber ich habe durch das Unterwegssein mein Glück und meine Freiheit gefunden.“

Niederländerin Tamar Valkenier

Mit Sack und Pack und Getier durch Zentralasien.

Bild: © HO | Tamar Valkenier

Empfiehlt sie die Flucht aus dem Hamsterrad? Tamar Valkenier ist mutig, nicht blauäugig. Sie weiß um Gefahren, gerade für alleinreisende Frauen. Ihr Fazit nach elf Jahren: Nie sei ihr etwas Ernstes passiert, versichert sie mit fröhlicher Stimme. Die meisten Menschen seien gute Leute, überall sei das so. Männer sieht sie nicht als Problemwesen. Manchmal nutze sie deren Beschützerinstinkt bei blonden Frauen für ihre Zwecke: Selten sagt einer nein, wenn sie an eine Tür klopft und um etwas zu essen und einen Schlafplatz im Vorgarten bittet.

Auf der Kölner Bühne sagt sie: „Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Komfort das Wichtigste ist.“ Gesellschaft wie Komfort hat sie hinter sich gelassen. Nur ab und zu kehrt sie zurück. Und gönnt sich nachts ein paar Stunden Gemütlichkeit. Nach dem Auftritt muss sie nicht im Zelt neben einem Friedhof schlafen. Der Veranstalter hat ihr ein Hotel gebucht.