Ein heller Farbtupfer in einer Welt, die immer düsterer wird: So erscheint Etty Hillesum zu Beginn der Miniserie „Etty“. Arte zeigt die ersten drei Folgen des israelischen Regisseurs Hagai Levi am 21. Mai ab 21.40 Uhr, die drei abschließenden am 28. Mai. In ihrem gelben Blazer stets auf dem Rad durch Amsterdam unterwegs, ringt die junge Frau mit depressiven Gefühlen und dem Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen, etwas von Wert. Und sie ist verliebt, notiert verträumt-poetische Worte.

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Bevor man jedoch vergessen könnte, in welcher Zeit Etty Hillesum (unprätentiös: Julia Windischbauer) gelebt hat, stören Nazis eine Kundgebung vor der Uni. Dass auf Demo-Plakaten heutige Slogans wie „Refugees Welcome“ zu lesen sind, ist kein Zufall: Sanfte Eingriffe wie dieser machen aus einer Serie über eine historische Persönlichkeit ein Stück von dringender Aktualität. Konzentriert erzählt, wird das Unheil jener Zeit allmählich spürbar, sickert in den Alltag – und wirkt umso verheerender.

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„Etty“ beeindruckt Festivalbesucher

Die Produktion hat bereits für Aufsehen gesorgt: Ob in Venedig auf den Filmfestspielen, in Lille auf der Series Mania oder bei diversen Vorführungen in anderen Ländern: Stets war das Publikum tief beeindruckt, nachdem es die TV-Serie auf der großen Leinwand gesehen hatte. Sie funktioniert auch auf dem kleineren heimischen Bildschirm – mit ihrer sparsamen Musik, grandiosen Darstellern und einer wahren Geschichte.

Geboren 1914 als Esther Hillesum im niederländischen Middelburg, wuchs „Etty“ in einer jüdischen Familie auf, wurde jedoch wenig religiös erzogen. Ab 1932 studierte sie zunächst Jura, später Slawistik und Psychologie. Ein knappes Jahr nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande, im Frühjahr 1941, begegnete sie dem Psychoanalytiker Julius Spier, mit dem sich später eine Liebesbeziehung entwickelte. Spier, in der Serie von Sebastian Koch verkörpert, war es wohl auch, der ihr riet, ein Tagebuch zu führen.

Bischof will Tagebuch zur Schullektüre machen

Vor zwei Jahren hat sich der heutige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz intensiv mit diesen Zeitdokumenten befasst. „Aus meiner Sicht sollte das Tagebuch von Etty Hillesum Pflichtlektüre in den deutschen Schulen sein“, sagte Heiner Wilmer seinerzeit. Eine Idee, die Regisseur Levi im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur unterstützt: „Es würde sich für junge Menschen heute sehr lohnen, Etty zu entdecken.“ Levi porträtiert sie als komplexe, auch widersprüchliche und eigensinnige junge Frau.

105.000 niederländische Jüdinnen und Juden wurden im Holocaust ermordet, das waren rund drei Viertel dieser Bevölkerungsgruppe. Zugleich zeigen Umfragen, dass die meisten Menschen im Nachbarland Niederlande – Zufluchtsort auch vieler deutscher Juden wie Anne Frank – nicht wissen, dass die Schoah auch in ihrem Land stattgefunden hat. In einer Befragung der Jewish Claims Conference von 2023 erklärte ein Viertel der Jüngeren, den Holocaust für einen Mythos zu halten.

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Etty Hillesum hat eine starke Botschaft

Die Schilder „Für Juden verboten“ oder eine sehr traurige Szene, in der Etty gemeinsam mit einer Freundin die Fahrräder abgeben muss – und das, was einst Leichtigkeit und Mobilität bedeutete, wird einfach verschrottet: Es ist vor allem Zermürbung, die sich hier erahnen lässt. Von diesen starken Momenten lebt die Serie ebenso wie von kammerspielartigen Gesprächen über Sehnsucht, Hingabe, Hoffnungslosigkeit. Das ist dicht und existenziell, das geht oft unter die Haut.

Im späteren Verlauf der Serie diskutiert Etty mit ihrem guten Freund Klaas über den Glauben: Während er eher damit hadert, wie Gott all dieses Leid zulassen könne, sagt sie: Wir müssen uns ihm gegenüber rechtfertigen – für das, was „nicht wieder gut zu machen sein“ wird. Beide zerstreiten sich beinah darüber, was Regisseur Levi als Etty Hillesums stärkste Botschaft betrachtet: Mitgefühl und Menschlichkeit zu bewahren – auch gegenüber der Mutter eines deutschen Soldaten.

„Es sind keine Monster, es sind Menschen“, sagt Etty in der Serie über die Nazis. „Das ist genau das Problem.“ Erschreckend aktuelle Worte – die vielleicht ebenso nachwirken wie ihre unerschütterliche Hoffnung auf ein Urteil der Geschichte, und vor allem: auf spätere, bessere Zeiten. (kna)