Deutschlands Kinder fühlen sich nicht wohl und hinken hinterher – zu diesem Ergebnis kommt die neue Unicef-Studie „Unequal Chances“, 20. Teil der jährlich erscheinenden Innocenti Report Card. In der Studie wurden 37 wohlhabende Staaten in Bezug auf das Wohlbefinden von Kindern miteinander verglichen – Deutschland schaffte es nur auf Platz 25. Ganz anders sieht es dagegen bei unseren Nachbarn in den Niederlanden aus: Sie landeten auf Platz eins der Liste. Beide Länder sind wirtschaftlich stark, beide gehören zur EU, liegen direkt nebeneinander – und doch könnten die Ergebnisse für Kinder kaum unterschiedlicher sein.

Niederlande: Die glücklichsten Kinder der Welt

Die Niederlande sind neben Dänemark und Frankreich das einzige Land, das in allen drei untersuchten Dimensionen – körperliche Gesundheit, mentales Wohlbefinden und Kompetenzen – im oberen Drittel liegt. Bei der körperlichen Gesundheit belegen sie Rang 5, beim mentalen Wohlbefinden sogar Rang 1 und bei den Kompetenzen Rang 11. Deutschland hingegen schafft es nur bei der körperlichen Gesundheit mit Rang 15 ins Mittelfeld. Beim mentalen Wohlbefinden kommt es auf Rang 21 und bei den Kompetenzen fällt es mit Rang 34 ins unterste Drittel.

In den Niederlanden geben 87 Prozent der 15-Jährigen an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein – der höchste Wert aller untersuchten Länder. Speziell in Deutschland zeigt sich bei der Zufriedenheit allerdings ein Riss entlang der Einkommensverhältnisse der Eltern: Nur 61 Prozent der Kinder aus den ärmsten Familien berichten von hoher Lebenszufriedenheit, während es bei den reichsten Familien 73 Prozent sind.

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Deutschland: Soziale Kluft in der Bildung

Deutschlands größte Schwäche liegt aber in der Bildung. Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik. Auch hier ist die Kluft zwischen Arm und Reich groß: Von den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Jugendlichen schaffen nur 46 Prozent diese Schwelle. Bei den eher Privilegierten sind es 90 Prozent – ein Abstand von 44 Prozentpunkten.

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Die Niederlande liegen mit Rang 11 bei den Kompetenzen solide im Mittelfeld – nicht perfekt, aber um Welten besser als Deutschland. Dort hat man ebenfalls mit struktureller Ungleichheit zu kämpfen, aber dort investiert der Staat massiv und steuert aktiv dagegen. Beispielsweise durch den „Masterplan Basisvaardigheden“, welcher laut EU Education and Training Monitor 2025 im Jahr 2022 vom Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft initiiert wurde, um mit strukturellen Investitionen von circa einer Milliarde im Jahr die Leistungen nachhaltig zu verbessern.

Schulsystem in Deutschland verstärkt soziale Unterschiede

Während das deutsche Schulsystem Kinder bereits im Alter von etwa zehn Jahren auf unterschiedliche Schulformen aufteilt, setzen viele Länder mit Top-Rankings bei der Bildung auf ein anderes Modell: Dort bleiben alle Schülerinnen und Schüler wesentlich länger zusammen in einer gemeinsamen Schulform. Die Niederlande sind ein gutes Beispiel: Dort durchlaufen Kinder eine achtjährige Primarschule, die oft Ganztagsbetreuung, gemeinsame Mahlzeiten und Nachmittagsaktivitäten umfasst.

Dieses Konzept hat einen entscheidenden Vorteil: Der familiäre Hintergrund wirkt sich weniger stark auf die schulische Laufbahn aus, weil Kinder nicht schon früh in verschiedene Leistungsgruppen getrennt werden. Außerdem erhalten sie mehr Raum zur persönlichen Reifung, bevor weitreichende Weichenstellungen anstehen. Individuelle Hilfsangebote, etwa bei sprachlichen Rückständen oder Lernschwierigkeiten, gehören dort selbstverständlich zum Schulalltag, ebenso wie ein gut ausgebautes Netz an sozialpädagogischer Begleitung.

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Armutsquote wirkt sich auf Gesundheit aus

Deutschland landet mit Rang 15 in der körperlichen Gesundheit wieder deutlich hinter den Niederlanden. Rund 25 Prozent der Kinder sind übergewichtig, die Sterblichkeitsrate liegt bei 0,88 pro 1000. Besonders alarmierend ist das soziale Gefälle: 79 Prozent der reichsten Kinder sind in sehr guter Gesundheit, bei den ärmsten nur 58 Prozent. Die Niederlande belegen bei der körperlichen Gesundheit von Kindern Rang 5. Nur etwa 18 Prozent der Kinder sind dort übergewichtig – einer der niedrigsten Werte aller untersuchten Länder.

Die Niederlande profitieren hier von einer deutlich niedrigeren Kinderarmutsquote und weniger extremen Einkommensunterschieden. Deutschlands Kinderarmutsquote liegt bei 15,2 Prozent, während sie in den Niederlanden laut dem Centraal Bureau voor de Statistiek unter 3 Prozent liegt. Auch die Einkommensungleichheit ist in Deutschland mit einem Verhältnis von 1 zu 5 höher als bei den Nachbarn. Kinder aus benachteiligten Familien essen laut Unicef weniger Obst und Gemüse, haben schlechtere Zugänge zu Ärzten und wachsen häufiger in schlechten Wohnverhältnissen auf – was Auswirkungen auf die Gesundheit hat.

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Was machen die Niederlande richtig – und wir falsch?

Unicef Niederlande betonte bereits zur Vorgängerstudie aus dem vergangenen Jahr, dass niederländische Kinder vor allem deshalb so zufrieden sind, weil das Land kontinuierlich in Chancengleichheit, Bildung, Sport und Kultur investiert. Unicef Niederlande mahnte aber gegenüber der NL-Times zugleich, dass auch in den Niederlanden nicht alle Kinder gleichermaßen profitieren – Kinder in Armut erleben ein deutlich niedrigeres Wohlbefinden.

Besonders diese soziale Ungleichheit ist in Deutschland ein Problem für die Kinder, denn die Studie zeigt klar: Nicht der Reichtum eines Landes entscheidet über das Wohl seiner Kinder, sondern wie er verteilt wird. Selbst deutlich ärmere Staaten wie Rumänien, Ungarn und die Slowakei schneiden im Vergleich besser ab.

Unicef betont ausdrücklich, dass Staaten mit gezielten politischen Mitteln Kinderarmut effektiv senken können. Die Niederlande haben es vorgemacht: Die Regierung erhöhte das Kindergeld 2023 um 16 Prozent und schnürte gezielt Pakete, um Kinder aus sozial schwachen Familien zu unterstützen. So beispielsweise mit dem „Programma Schoolmaaltijden“, in dessen Rahmen der Staat Schulen in sozial benachteiligten Vierteln ein Budget bereitstellt, um allen Schulkindern ein kostenloses Frühstück oder Mittagessen anzubieten. Deutschland hingegen ließ sein zentrales Reformprojekt, die Kindergrundsicherung, im Juli 2024 scheitern. So bleibt Deutschland, wie es Katja Sodomann von Unicef Deutschland, gegenüber dem MDR formulierte, „hinter seinen Möglichkeiten“.