Vor acht Tagen ist NRZ-Politikchef Jan Jessen nach Kabul aufgebrochen. Er hatte sich in der NRZ-Redaktion ein paar Tage frei genommen, um ehrenamtlich als Helfer eine Aktion des „Friedensdorfs International“ aus Oberhausen und Dinslaken zu unterstützen. Es geht darum, durch den Krieg schwerstverletzte Kinder nach Deutschland zu holen, um sie hier in Krankenhäusern zu behandeln. Nach der Genesung würden sie dann zu ihren Eltern zurückkehren.
Als Jan Jessen zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen des Friedensdorfes am Montag vergangener Woche abflog, galt Kabul als sicher. Es würde Wochen dauern, bis die Taliban bis zur Hauptstadt vorrücken würden, hieß es. Noch am Samstag, als die Redaktion mit dem Kollegen telefonierte, fühlten sich alle sicher und glaubten, noch Zeit zu haben. Für gestern Mittag war der Rückflug geplant. Der wurde dann am Sonntag gestrichen.
Auf Facebook schilderte Jessen noch in der Nacht die Situation: „Immer wieder hallt das Geräusch von Schüssen durch die Dunkelheit, manche in direkter Nachbarschaft...“. Es waren wohl nicht die Taliban-Kämpfer. Beim Telefonat am Morgen erklärt der Kollege: „Es waren wohl Auseinandersetzungen zwischen Ordnungskräften und Plünderern.“
Informationen aus erster Hand
Gestern meldeten sich Leserinnen und Leser in der Redaktion, bedankten sich für die spannende Reportage und übermittelten die besten Wünsche. Auch ARD, ZDF und Spiegel Online waren über den Artikel in der NRZ auf Jan Jessen aufmerksam geworden und baten ihn um Informationen aus erster Hand. Es sind kaum noch Journalisten vor Ort. Zur Einschätzung der Lage drucken wir hier ein Interview von uns mit Jan Jessen.
Frage: Wo seid Ihr derzeit untergebracht?
Mit mir unterwegs sind zwei Mitarbeiterinnen des Friedensdorfs: Birgit Hellmuth und Claudia Peppmüller. Wir sind in einem Gebäude in Kabul; den genauen Ort sollte man vielleicht besser nicht sagen. Bei uns sind die lokalen Mitarbeiter des Friedensdorfes, die sich rührend um uns kümmern.
Habt Ihr Kontakt zu Behörden aufnehmen können?
Mit der Deutschen Botschaft sind wir seit gestern im Kontakt, wir stehen auf einer Evakuierungsliste. Wenn alles glattgeht, kommen wir über den Flughafen in Kabul mit der Bundeswehr raus. Aber die Situation ist dort völlig unübersichtlich. Gerade hat die Botschaft angerufen und gesagt, dass es derzeit am Flughafen nicht sicher ist. Da fallen Schüsse.

Gibt es einen Zeitplan für Eure Evakuierung?
Alle hoffen, dass sich die Situation entspannt, wenn die Leute merken, dass es wenig Zweck hat, zum Flughafen zu fahren, wenn man nicht weiß, dass man von dort wegkommt. Falls wir rauskommen, würden wir von der Bundeswehr wohl zunächst nach Tadschikistan gebracht.
Wie werdet Ihr über die Lage informiert?
In erster Linie über afghanische soziale Medien, die hier von den einheimischen Mitarbeitern verfolgt werden.
Was genau war das Ziel der Reise zum jetzigen Zeitpunkt?
Das Friedensdorf bringt seit 1988 kranke und verletzte Kinder aus Afghanistan nach Deutschland. Auf dieser Reise sollten neue Kinder ausgewählt werden. Das haben die Mitarbeiterinnen auch gemacht, allerdings konnten sie deutlich weniger Kinder als üblich aussuchen, weil es viele Familien nicht aus den Provinzen nach Kabul geschafft haben.
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Gibt es für dieses Engagement eine Zukunft oder geht das mit der Machtübernahme durch die Taliban zu Ende?
Die Mission wird, Stand jetzt, weiterlaufen. Das Friedensdorf hat seine Arbeit auch unter der ersten Taliban-Herrschaft weitergeführt.
War es nicht doch zu leichtsinnig, nach Afghanistan zu reisen?
Es war klar, dass die Reise nicht ganz ohne Risiko ist. Aber dass die Taliban so schnell vorrücken würden, das hat niemand erwartet.
Wir drücken die Daumen, dass Ihr bald rauskommt...
Vielen Dank. Wir sind hier alle sehr zuversichtlich. Ist ja klar, dass hier jeder beunruhigt ist, auch unsere Leute zu Hause. Aber es ist hier bei uns bisher vergleichsweise undramatisch. Wir gehen nicht aus dem Haus und warten ab. Eine Mitarbeiterin des Friedensdorfs hat schon deutlich schlimmere Situationen im afghanischen Bürgerkrieg erlebt und überstanden...



