Wenn sich auf einem Katholikentag der oberste deutsche Bischof gleich beim ersten Podium kritischen Fragen zum eigenen Verhalten nach Übergriffen in Reihen seiner Priesterschaft stellen muss, dann folgt daraus zweierlei: Es gibt – der positive Aspekt – eine neue, modernere Kultur im Umgang zwischen Laien und Klerus, ein Argumentieren auf Augenhöhe. Aber dass Bischof Bätzing einen seiner Priester beförderte, obschon dieser sich sexueller Verfehlungen schuldig machte, zeugt auch von merkwürdigem Verantwortungsbewusstsein selbst unter denjenigen, die bei den Reformen bislang vorangehen.
Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat in Stuttgart den Finger tief in die Wunde gesteckt, als er darauf verwies, dass inzwischen eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht mehr Mitglied in einer der beiden großen Kirchen sei.
Katholikentag auf Bonsainiveau
Auch viele gläubige Menschen können sich ein Leben vorstellen ohne ein institutionelles Rückgrat. Die Instanz Kirche verliert zusehends ihre Relevanz in der Gesellschaft. Dass der Stuttgarter Katholikentag besuchermäßig, salopp gesagt, auf Bonsainiveau schrumpft, ist ein weiterer Beleg für diese These.
Der Missbrauchsskandal, verkrustete Strukturen und Hierarchieansprüche, der Streit über die Rolle der Frauen, das kirchliche Arbeitsrecht – es gibt so viele Probleme in der katholischen Kirche. Der eingeschlagene Synodale Weg ist zwar der richtige Ansatz, die Erfolgsbilanz fällt aber noch mager aus. Einige Bischöfe in Deutschland treten weiterhin als Bremser auf. Große Teile der Weltkirche verfolgen die deutsche Initiative mit Misstrauen. Die Reformer haben selbst im eigenen Laden keinen Rückhalt.
Tiefer Bewusstseinswandel im führenden Klerus vonnöten
Ohne einen tiefen, ehrlichen Bewusstseinswandel des führenden Klerus wird die katholische Kirche ihre letzten Chancen verspielen. In Stuttgart gibt es noch bis zum Sonntag die Chance, in dieser Hinsicht Ausrufezeichen zu setzen.


