Für Monique Giesa wird der wöchentliche Einkauf allzu oft zum unbezwingbaren Marathon. Und das ausgerechnet für sie, die bis vor drei Jahren noch Ironman gelaufen ist. Doch seit eine einzige Impfung ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat, stößt sie selbst in einem normalen Supermarkt auf zahlreiche Hürden. Da ist das grelle Licht in den Gängen, das nervige Piepsen an der Kasse, die laute Musik aus den Lautsprechern... Genau das aber soll sich nun mit der „Stillen Stunde“ im Xantener Rewe Karlen ändern.
Es ist Mittwochabend, kurz vor 19 Uhr. Monique Giesa hat sich den ganzen Tag lang ausgeruht, „sie hat quasi vorgeschlafen“, erklärt ihre Mutter, die ebenfalls mitgekommen ist. Denn für beide ist es ein besonderer Moment, den sie auf keinen Fall verpassen wollen. Monique Giesa fährt mit dem Rollstuhl zum Eingang, der hell erleuchtet ist. Normalerweise würde sie in einer solchen Situation nie die Sonnenbrille absetzen oder die Ohrstöpsel rausnehmen, aber zum Veranschaulichen wagt sie es dann doch. Sofort werden ihre Augen glasig, „das Licht schmerzt“, erklärt sie, und dann färben sich auch schon ihre Wangen rosa. „Mache ich das länger, bekomme ich Fieber“, sagt sie. „Wenn ich Pech habe, muss ich dann bis zu einer Woche liegen.“
Post-Vac-Syndrom: Wenn selbst das Einkaufen zu anstrengend wird
Deshalb setzt die 50-Jährige nun lieber schnell wieder ihre Brille auf und packt die Stöpsel rein, bevor sie weiter in den Supermarkt rollt. Dabei erzählt sie von ihrem früheren Leben, als sie noch im Büro arbeiten und regelmäßig Langstrecken laufen konnte. „Was ich mir nie nehmen lassen wollte, war mein Sport“, erklärt sie. Doch genau das ist passiert, als sie sich im September 2021 gegen Corona impfen ließ. Drei Monate später musste sie ans Sauerstoffgerät, dann in den Rollstuhl. „Es war ein schleichender Prozess“, erzählt sie. Die Diagnose: Post-Vac-Syndrom und ME/CFS. Die „neuroimmunologische Erkrankung“, so die fachliche Beschreibung, äußert sich durch eine beeinträchtige Leistungsfähigkeit sowie durch körperliche und geistige Fatigue.

Das alles versuchte die Rheinbergerin anfangs noch zu ignorieren. „Ich wollte am Leben teilhaben“, erklärt sie. Also ging sie weiter arbeiten, einkaufen... „Und ich wusste nicht, wieso es mir immer schlechter geht.“ Erst als sie fast vier Monate liegen musste, verstand sie: „Ich muss mir meine Kräfte einteilen.“ Der schonende Umgang mit den eigenen Ressourcen nennt sich „Pacing“, wie sie erklärt, während sie ihre Smartwatch am Armgelenk zeigt. „Eine App hilft mir jetzt dabei, auf meine Körperbatterie aufzupassen.“ Schneller Blick auf den leuchtenden Bildschirm... „Meine Herzfrequenz liegt gerade bei 90.“ Zum Vergleich: Bei Erwachsenen liegt der Ruhepuls bei etwa 60 bis 80 Schlägen pro Minute.
Xantener Rewe-Markt führt die erste „Stille Stunde“ im Kreis Wesel ein
Dazu kommen die permanenten Schmerzen, „die durch viele Geräusche oder grelles Licht noch verstärkt werden“, erklärt Monique Giesa. Damit ist sie nicht allein, wie auch Anne Gawlik von der Selbsthilfe-Kontaktstelle Kreis Wesel weiß. „Für manche wird das Einkaufen unmöglich“, sagt sie. Beispielsweise können auch Menschen mit Autismus oder ADHS die vielen Sinneseindrücke in einem Supermarkt kaum ausblenden. Und wenn dann noch an der Kasse das schnelle Einpacken der Waren oder das hektische Zusammensuchen des Kleingelds dazukommt, ist der Stress vorprogrammiert. Doch es geht nicht nur um die Teilhabe der Betroffenen, sondern auch um das Sensibilisieren aller Menschen. „Viele Einschränkungen sind ja nicht sichtbar“, betont sie.
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Deshalb hängt nun im Rewe Karlen ein großes Schild, das die wichtigsten Infos zusammenfasst: „Der Einkauf im Super-Markt ist für viele Menschen anstrengend“, steht dort. „Deshalb gibt es jetzt die Stille Stunde! Damit alle ohne Stress einkaufen können.“ Die Idee dazu hatten die Regionalbüros Alter, Pflege und Demenz, die gemeinsam mit der Selbsthilfe-Kontaktstelle Kreis Wesel und weiteren Kooperationspartnern das Projekt auf den Weg gebracht haben. Lange Überzeugungsarbeit mussten sie bei Jeffrey Karlen, Geschäftsführer des Rewe-Marktes, allerdings nicht leisten. „Es ist doch gut, wenn wir Leuten helfen können“, erklärt er. Aber wie genau läuft denn nun eine „Stille Stunde“, die eigentlich drei Stunden lang ist, ab?
Und so läuft die „Stille Stunde“ bei Rewe Karlen in Xanten ab
„Stille Stunde“ im Xantener Rewe-Markt
Immer mittwochs, von 19 bis 22 Uhr, bietet Rewe Karlen, Hagdornstraße 2 in Xanten, die „Stille Stunde“ an. Mitarbeitende haben dann mehr Zeit für Fragen, das Licht ist gedimmt und die Musik ausgeschaltet. Außerdem bleiben die Gänge frei, weil keine Regale eingeräumt werden, und auch Assistenzhunde sind willkommen.
Das Angebot richtet sich vor allem an reiz- und geräuschempfindliche Menschen, beispielsweise an Personen mit Autismus oder ADHS. Doch auch für alle Menschen, die in Ruhe einkaufen möchten, ist die „Stille Stunde“ geeignet.
Monique Giesa nimmt jetzt, um 19 Uhr, vorsichtig die Stöpsel aus den Ohren. Tatsächlich, die Musik ist abgestellt! Und auch Durchsagen dröhnen keine mehr durch die Lautsprecher, stattdessen sprechen die Mitarbeitenden nur noch über Walkie-Talkies miteinander. „Das ist total erholsam“, sagt sie und lächelt. Die Sonnenbrille trägt sie zwar vorsichtshalber weiter, aber in den meisten Gängen sind die grellen Lichter heruntergedämmt. Außerdem hat sie genug Platz, um mit ihrem Rollstuhl überall entlangzufahren. Die Mitarbeitenden räumen keine Waren ein, nehmen sich zudem mehr Zeit für Fragen. Und sogar das Piepsen beim Scannen an der Kasse ist nur noch ganz leise zu hören... Die 50-Jährige lächelt. „Das nenne ich mal barrierefreies Einkaufen.“


