Die feinen Äderchen schimmern durch die Haut, ganz zart, während die imposanten Flügel nur so vor Kraft strotzen. Der „Engel der Weiblichkeit“ ist im Kolumbarium aufgestiegen! Wobei, das muss Simone Kamm zugeben, ein wenig nachgeholfen hat sie schon. „Die Hängung war spannend“, erzählt sie und lacht. Eine vier Meter große Lichtskulptur an einem denkmalgeschützten Ort anzubringen, hat alle Beteiligten vor eine Herausforderung gestellt. Aber, und das allein zählt, sie haben es geschafft und zwar noch rechtzeitig vor der Vernissage ihrer Ausstellung „Stirb und Werde!“ am Sonntag, 1. Dezember. Ein besseres Datum hätte sich die Oberhausener Künstlerin übrigens kaum wünschen können...
Denn es ist doch so, erklärt Simone Kamm, „gerade zum Advent redet jeder von Jesus, aber niemand denkt an die 13- oder 14-jährige Maria, die gerade ein Kind bekommen hat.“ Braucht nicht gerade eine so junge Mutter viel Unterstützung? Und wer wäre dazu besser geeignet als Gabriel? Immerhin hatte er Maria die Botschaft überbracht, dass sie den Sohn Gottes gebären würde. Nun ist der Engel eine Frau, was auf den ersten Blick vielleicht unüblich erscheint, „dabei haben viele Künstler im 15. Jahrhundert Gabriel weiblich dargestellt“, erklärt sie. Und so ist es eben auch bei ihr der „Engel der Weiblichkeit“, der Kraft geben soll – nicht nur zu Beginn, sondern auch am Ende eines Lebens.
Duisburger Kolumbarium – ein „außergewöhnlicher Ort“
Wenn sich die Künstlerin im Kolumbarium umschaut, ist ihr die Faszination deutlich anzumerken. „Es ist ein außergewöhnlicher Ort, an dem Leben und Sterben so nah sind“, sagt sie. Hierher kommen Menschen, die um einen geliebten Verstorbenen trauern, doch gleichzeitig sorgt die Architektur für eine „unglaubliche Leichtigkeit“, wie sie es formuliert. Da sind die bunten Quadrate, ganz oben in den Regalen, da sind die vielen Fenster, die hohen Decken... Dadurch kann die lichtdurchflutete Architektur gewissermaßen eine Symbiose mit der leuchtenden Kunst eingehen, die Simone Kamm unter ein Zitat aus dem Gedicht „Selige Sehnsucht“ von Goethe stellt: „Stirb und Werde!“

Und wer jetzt strauchelt, weil die Gedichtanalyse im Deutschunterricht schon etwas länger her ist, erhält von der Künstlerin schnell eine Erklärung: „Es geht um den Aufstieg der Seele“, sagt sie. „Man muss während des Lebens viele Tode sterben, damit sich die Seele entwickeln kann.“ Klingt ganz schön philosophisch! Sie lacht. „Deshalb gibt der Philosoph Georg Herzberg bei der Vernissage auch eine Einführung.“ Aber keine Sorge, es geht nicht nur um die komplexe Theorie, sondern manchmal auch um praktische Fragen. Zum Beispiel: Wie viel Spargel mussten Sie im Frühling essen, Frau Kamm? Immerhin sind alle sieben Skulpturen aus dünnem Papier, das sie aus Spargelschalen handgeschöpft hat.
Aus Spargelschalen werden Kunstwerke
Aber nee, beruhigt Simone Kamm, so viel musste sie dann doch nicht essen. Denn bei einem Bauern, der geschälten Spargel verkauft, kann sie den vermeintlichen Müll abholen und ihm dann ein neues Leben einhauchen. Das ist viel Arbeit, muss sie zugeben, „und das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb in über 20 Jahren mich noch niemand kopiert hat“, überlegt sie, „aber es ist ein so tolles, haltbares Papier!“ Und, das fügt sie noch hinzu, „man schöpft im wahrsten Sinne des Wortes Hoffnung.“ Weil sich Abfall in Kunst verwandelt, die zum Nachdenken anregt. Die „Zerstörung der Nährenden“ beispielsweise befasst sich mit dem Lebensraum, den die Menschen einnehmen, zerstören, zurücklassen. „Und dann übernimmt wieder die Natur.“

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Die Phänomene unseres Planeten greift die Künstlerin immer wieder auf, „das Schwemmholz habe ich am Rhein gefunden“, erzählt sie, während sie zur nächsten Installation mit einer prachtvollen „Lichtblüte“ geht. Oder hier, sie deutet auf die „Mondin“, die sich schützend um die Sonne legt. „Für uns ist die Sonne immer diejenige, die sich bewegt, während der Mond starr scheint und vermeintlich faul ist“, erklärt sie. Und das spiegele doch die Anforderungen in unserer Gesellschaft wider, „dabei ist das Innehalten unabdingbar“, betont sie. Wo stehe ich? Wohin will ich? „Der Mond ist die Voraussetzung für ein sinnvolles Leben.“ Und ja, das muss sie lachend zugeben, „das ist wieder ein bisschen philosophisch.“
Ausstellung im Kolumbarium
Die Oberhausener Künstlerin Simone Kamm lädt zur Vernissage ihrer Ausstellung „Stirb und Werde!“ im Kolumbarium in der Rheinkirche, Rheinstraße 16, am Sonntag, 1. Dezember, ab 17 Uhr ein.
Der Philosoph und Kunstvermittler Georg Herzberg gibt eine Einführung, die Dortmunder Musikerin Ursa Werth verzaubert mit Improvisationen auf der Querflöte und Jan Arlt spielt an der Orgel.
Die Ausstellung endet am Sonntag, 29. Dezember. Weitere Informationen: www.kolumbarium-rheinkirche.de
Wer sich dafür interessiert, was sich die Künstlerin beim „Schöpfen der Kunst“ gedacht hat, kann an jeder Skulptur einen QR-Code einscannen und erhält so viele Informationen. Aber das muss nicht sein, betont Simone Kamm, „der Prozess der Kunst geht beim Betrachter weiter!“ Deshalb freut sie sich schon jetzt auf die „kleine Entdeckungsreise“, wie sie es nennt, bei der sie gemeinsam mit Interessierten durch die Ausstellung geht, während Ursa Werth auf der Querflöte spielt. Und ja, etwas aufgeregt ist sie schon, gibt sie zu. Aber jetzt, wo der Engel über allem wacht, kann ja nix mehr schief gehen!


