Aus zwei Stiefeln schauen kaputte Puppen heraus, im langen Regal stehen holzgeschnitzte Marienfiguren neben kunstvollen Buddhaskulpturen, an der alten Heizung hängt ein rostiges Blechschild... Ja, hier gibt‘s so viel zu gucken, dass sich schnell die Frage stellt: Ist das noch ein Atelier oder schon ein Museum? Nun, Peter Busch nennt es lieber seine „Frickelbude“, die gleichzeitig sein Zuhause ist. „Ich bin hier geboren – am Montag vor 78 Jahren“, erzählt er, „und ich habe noch nie irgendwo anders gewohnt.“ Wieso auch, „ich habe hier doch alles“, sagt er trocken, „wenn es langweilig wird, musste halt was machen.“ Und das hat der Künstler! Er hat einen Kunstverein gegründet, einen Wasserturm renoviert, ein Künstlerstipendium initiiert, mit Strafgefangenen zusammengearbeitet... Vorsicht, „wenn ich nicht unterbrochen werde, erzähle ich immer weiter“, warnt er, während er sich mit Lächeln und einem Käffchen an seinen Schreibtisch setzt.
Wenn ein Künstler erklärt, „dass er schon als Kind zeichnen konnte“, klingt das in seinen Ohren ja leider langweilig. Aber bei ihm war es nun mal so! Mittlerweile zeichnet Peter Busch nur noch auf seiner Schreibtischunterlage, beim Telefonieren oder beim Gedankensortieren, deshalb schaut hier ein grüner Elefant hoch, dort springen Eier übers Papier... und da ist ja sogar das Logo dieser Zeitung! Dennoch schlug er erstmal einen anderen Weg ein, er ging zur Post, „und ich war gerne Briefträger“, versichert er, „das habe ich 20 Jahre ausgehalten.“ Dann aber wagte er etwas Neues, er machte seine Leidenschaft zum Beruf, „seitdem bin ich der einzige Post-moderne Künstler vom Niederrhein“, sagt er und lacht. Über 30 Jahre ist das schon her, über 30 Jahre, in denen er sich mit den unterschiedlichsten Themen, Materialien, Techniken beschäftigt hat. „Mir geht‘s immer darum, mich über Probleme künstlerisch zu äußern“, erklärt er.
Wie Kunst und Knast zusammenpassen

Da wäre beispielsweise der kleine Altar, in dem eine Niederrheinkarte, zwei Spielfiguren und ein Kehrbesen unter dem Titel „Das Kraftwerk Kalkar“ zusammenkommen. „Wir haben mit 50 Künstlern eine Wallfahrt von Kevelaer nach Kalkar gemacht“, erzählt er. Kalkar sollte zur „Kulturakademie“ werden, „damals wollten wir die Welt noch verändern“, sagt er. Jetzt nicht mehr? Doch, schon, antwortet er „aber mit dem Alter lässt es etwas nach.“ Deshalb möchte er den Jüngeren die Möglichkeit geben, seine Visionen in Zukunft weiterzuführen. Mit zwei Menschen steht er bereits im engeren Austausch, „denen zeige ich unsere Welt des Turms“, sagt er. Denn das ist eines seiner großen Herzensprojekte, über das er stundenlang erzählen könnte. Aber es ist auch einfach so viel passiert, seit er 1994 den Verein KUHnst Turm Niederrhein e.V. mitbegründet und mit seinen Kollegen die blaue Blechtür zum Wasserturm eingetreten hat...

„Das werde ich nie vergessen!“, sagt Peter Busch. Wie 150 Tauben hochgeflattert sind, wie es im Inneren aussah... Aber auch, wie sie alle gemeinsam angepackt haben – die Kunstschaffenden und die Strafgefangenen. Denn 1994 hat er noch ein anderes, ungewöhnliches Projekt ins Leben gerufen, an das zunächst niemand glauben wollte. Kunst und Knast? Das passt doch nicht zusammen! Und ist das nicht sowieso viel zu gefährlich? Ja, der Künstler musste viele Hürden überwinden, doch er hielt immer an „The Wall – Kunst und Knast“ in der JVA Geldern-Pont fest... Zumindest, bis vor vier Jahren das Projekt beendet wurde. Aber noch heute kann er sagen: „Ich habe viel von den Jungs aus dem Knast gelernt!“ Beispielsweise, dass er offen bleibt, gegenüber verschiedenen Themen und Menschen. Natürlich, als er zum ersten Mal ein Gefängnis betrat, war für ihn alles fremd. „Aber heute bin ich froh, diesen Teil der Gesellschaft kennengelernt habe“, sagt er, „weil es auch ein Teil unserer Gesellschaft ist.“
Strafgefangene werden zu Aposteln

Zusammen sie die Wand vor der JVA bemalt, Moment, Peter Busch klappt einen Flyer auf, hier sind die Schatten der Gefangenen zu sehen, dort eine Fluchttür, „die wirklich täuschend echt aussieht“, sagt er und lacht. Außerdem natürlich der riesige Schriftzug „Sehnsucht“. Aber sie haben auch gemeinsam Musik gemacht, Theater gespielt, Gespräche geführt... „Manche haben sich darüber so bemüht, dass sie frühzeitiger Freigang bekommen haben“, erklärt er. „Die Justiz verspricht eine Wiedereingliederung, dabei waren wir es, die deren Versprechen eingelöst haben.“ Aber er ist kein Sozialarbeiter, das möchte er betonen, sondern Künstler, „und ich habe auch vieles daraus gezogen.“ Er kann sich an so viele tolle und verrückte Momente erinnern – als die „knallharten Jungs“ selbstgeschriebene Weihnachtsgedichte vorgetragen haben, oder als sie für eines seiner Kunstwerke zu Aposteln wurden, „und sich dann gestritten haben, wer neben wem liegen soll“.
Ausstellungen im Wasserturm
Im Rahmen der „Kreis Klever KulTourtage“, die in diesem Jahr am 17. und 18. Mai stattfinden, können Künstlerinnen und Künstler im Wasserturm am Bahnhof in Geldern zu einem vorgegebenen Thema ihre eigenen Arbeiten ausstellen. Dazu einfach bei Peter Busch melden unter: 02831/1563 oder per E-Mail an buschp@t-online.de
Oder als er mit einem verurteilten Bankräuber eine riesige Installation aufbaute – in einer Bank... Darüber muss Peter Busch heute noch leise lachen. Ja, in all den Jahren hat er es immer wieder geschafft, „die geistige Stagnation des Niederrheins zu unterwandern“, und das war schließlich auch das Ziel, das sich von Anfang an der Verein gesetzt hat. Deshalb lädt KUHnst Turm Niederrhein e.V. übrigens seit 25 Jahren immer wieder ausgewählte Künstlerinnen und Künstler ein, die vier Wochen lang im Rahmen eines Stipendiums am Wasserturm leben und arbeiten können. Das 25-jährige Jubiläum im vergangenen Jahr haben sie nicht groß gefeiert, „weil wir lieber einfach nur weiterarbeiten wollen“, sagt er. Also nee, langweilig wird‘s ihm wirklich nicht in seiner Heimatstadt. Eine Frage zum Schluss: Wo feiert er denn seinen 78. Geburtstag? Na, das ist doch wohl klar, genau hier, in seiner Frickelbude!


