Zusammenfassung

  • Vor etwa zehn Jahren ist Ahmad Shihabi nach Deutschland geflohen. Nach dem Sturz Assads konnten er und viele Syrerinnen und Syrer die Heimat besuchen und die eigene Familie wieder treffen. Damaskus ist für ihn nicht mehr die Stadt, die er vor zehn Jahren verlassen hat. Doch trotz Zerstörung und Armut in Damaskus gibt es Anzeichen von Neuanfängen und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Es ist soweit. Als mein Flugzeug an diesem 14. Februar vom Düsseldorfer Flughafen abhebt, rückt mein Traum ein Stück näher. Nach 545 Wochen und 4 Tagen kehre ich zum ersten Mal in das Land zurück, das ich am 1. September 2014 aufgrund von Krieg, Verfolgung, Zerstörung und fehlender Sicherheit verlassen habe – nach Syrien.

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Wenige Stunden nach dem Sturz Assads haben sich viele Syrerinnen und Syrer auf den Weg gemacht – nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den Niederlanden, Frankreich und den USA, wo viele jüdische Syrerinnen und Syrer seit den 90er-Jahren leben. Endlich können sie ihre verschlossenen Häuser in Damaskus besuchen, in den Synagogen beten und nach all den Jahren ihre Heimat wiedersehen; was für eine großartige Gelegenheit.

Auch für mich. Denn nach mehr als zehn Jahren und 166 Tagen auf der Flucht ist der Moment gekommen, den ich bis Sonntag, 8. Dezember 2024, für unmöglich gehalten habe. Dabei habe ich mir diesen Moment in Gedanken unzählige Male vorgestellt. Aber er kam für mich nicht infrage, denn ich wollte nicht den Rest meines Lebens in der Dunkelheit der Foltergefängnisse des alten Regimes verbringen, nur weil ich aus Europa zurückkehre.

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Reise über Beirut: Sanktionen verhindern Direktflüge nach Damaskus

Syrien wird nicht mehr vom Assad-Regime und seinen Milizen beherrscht. Ein Traum ist wahr geworden. Nach schnellem Einchecken und Passkontrolle geht die Reise von Düsseldorf aus los. Wenige Stunden später landet der Flieger in Beirut, wo ich mit dem Taxi die Grenze nach Syrien überqueren muss.

Denn wegen der Sanktionen gibt es noch keine Direktflüge zwischen Europa und Syrien. Doch das soll sich bald ändern: Die EU-Außenminister verabschiedeten einstimmig Rechtstexte, mit denen die Wirtschaftssanktionen im Banken-, Energie- und Verkehrssektor vorerst aufgehoben werden.

Ahmad Shihabi an der syrisch-libanesischen Grenze.
Ahmad Shihabi an der syrisch-libanesischen Grenze.© A. Shihabi

Nur noch eineinhalb Stunden bis zur Familie

Meine Reise von Beirut nach Damaskus beginnt mit einem Treffen meiner Brüder, die dort leben. Ich habe sie in den letzten Jahren nur über WhatsApp-Videoanrufe gesehen. Sie sind älter geworden. Man sieht ihnen an, wie hart sie in den letzten Jahren gearbeitet haben, um zu überleben. Doch wir sparen uns jetzt die Gespräche, bis wir sicher in Syrien angekommen sind.

Auf dem Weg zur Grenze spiele ich in meinem Kopf meine Erinnerungen durch. Damals durfte ich als Palästinenser aus Syrien nicht zwischen den Ländern reisen. Denn mit meinem Pass für palästinensische Flüchtlinge konnte ich kein Visum beantragen und er wurde in vielen Ländern nicht anerkannt. Aber jetzt hat sich das Blatt gewendet. Dank meines deutschen Passes überquere ich wenige Stunden später problemlos die libanesische Grenze und kann ohne große Sorgen in viele Länder der Welt reisen. „Willkommen zurück in Syrien“, sagen die Grenzpolizisten von der neuen syrischen Regierung.

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Rückkehr nach Syrien: Freude trotz schwerer Erinnerungen

Die Schlange am Grenzübergang ist lang. Viele Syrerinnen und Syrer kehren endlich in ihr befreites Land und zu ihren Familien zurück. Ich steige aus dem Auto, mein Blick schweift immer wieder über die Gesichter der Menschen. Sie sind glücklich und freuen sich darauf, wieder in ihrem Land zu sein. Dieses Gefühl werde ich gleich selbst erleben.

Es ist 18 Uhr Ortszeit, die Sonne verschwindet, es wird langsam dunkel und kälter. Wir fahren mit offenen Fenstern. Die Luft in Syrien ist schwer, beladen mit Erinnerungen und Verlusten. All das ist ein Echo der Vergangenheit.

80 Prozent der Häuser im Yarmouk Camp südlich von Damaskus sind durch syrische und russische Angriffe zerstört.
80 Prozent der Häuser im Yarmouk Camp südlich von Damaskus sind durch syrische und russische Angriffe zerstört. © A. Shihabi

Emotionale Rückkehr nach Damaskus: Überraschung und Tränen

Dreizehn Jahre. Zeit für Kinder, um groß zu werden, und für Erwachsene, um alt zu werden. Als ich vor der Haustür meiner Familie stehe, zögere ich. Wie oft hatte ich mir diesen Moment ausgemalt? Es ist ein bittersüßes Wiedersehen. Ich komme überraschend herein und meine Schwestern schreien. Meine Mutter weint in meinen Armen, ihr Gesicht ist von tiefen Falten gezeichnet, diese sind trotz der Dunkelheit zu sehen. Mein Vater, einst ein starker Mann, bleibt stehen und kann sich vor Überraschung nicht rühren. Er lächelt. Seine Augen leuchten, als wäre ich nie fort gewesen.

Meine Schwestern, die ich als kleine Mädchen verlassen hatte, stehen nun als Erwachsene vor mir. Wir umarmen uns lange, als könnte die Enge unserer Umarmung die verlorene Zeit wettmachen. Es ist eine Überraschung, sie wissen nicht, dass ich nach Syrien kommen würde. „Du hast uns reingelegt“, sagt mein Vater. Denn am Tag zuvor haben wir lange telefoniert und darüber gesprochen, dass ich erst im Juli 2025 nach Syrien kommen kann.

Eigentlich sollte mir warm ums Herz werden. Aber die Wohnung ist kalt. Es gibt keinen Strom, kein Internet, kein warmes Wasser. Das ist ein Schockmoment. Denn während ich in Deutschland ein normales Leben genieße, müssen meine Eltern auf diesen „Luxus“ verzichten. „Wir haben uns daran gewöhnt“, sagt meine Mutter. Syrien ist für mich nicht mehr das Land des Schreckens, sondern ein Ort, an dem ich mich trotz der Kälte aufgehoben fühle.

Alltag in Damaskus
Ein Gebäckverkäufer arbeitet auf dem Hamidiyah-Markt in Damaskus in Syrien. © DPA Images | Ammar Safarjalani

Damaskus: Zerstörung und Verlust sind spürbar

Am nächsten Tag führt mein Weg mich in meine alte Wohnung im Yarmouk Camp im Süden von Damaskus. Für mich und viele palästinensische Flüchtlinge ist das Lager die Hauptstadt der Diaspora. Vor dem Krieg in Syrien lebten hier über eine Million Syrer und Palästinenser. Heute sind es nur noch wenige Familien.

Die einst belebten Straßen sind heute leer. Häuser, Kultureinrichtungen, Moscheen und Geschäfte liegen in Schutt und Asche. Mein Haus wurde von einer Bombe zerstört. Meine Familie hat versucht, es wieder aufzubauen, aber die Tür war aufgebrochen, das Innere geplündert. Staub bedeckte den Boden und in der Wand klaffte ein großes Loch, das die Bombe hinterlassen hatte.

Der Ort meiner Kindheit ist nicht mehr derselbe, und doch erkenne ich ihn an den Sonnenstrahlen, die durch das zerbrochene Fenster fielen und die Staubkörner in der Luft tanzen ließen. Kinder, die auf der Straße Fußball spielen – das ist meine Kindheit. Aber jetzt bin ich ein Erwachsener aus Deutschland. Ich empfinde eine seltsame Mischung aus Trauer und Dankbarkeit. Trauer über das, was ich verloren hatte, Dankbarkeit, dass ich diesen Ort noch einmal sehen durfte.

Trotz Zerstörung versuchen Menschen ihre Häuser wieder aufzubauen.
Trotz Zerstörung versuchen Menschen ihre Häuser wieder aufzubauen. © A. Shihabi

Hoffnung in Damaskus: Neuanfänge trotz Narben

Seit dem Sturz Assads sieht man kaum noch Checkpoints. Nur an wenigen Stellen stehen HTS-Soldaten, die keine Kontrollen durchführen. Die Stadt atmet Aufbruch und Zerstörung zugleich. Fassaden sind von Einschusslöchern übersät, zwischen notdürftig renovierten Gebäuden stehen Ruinen. Doch zwischen den Trümmern ist Leben: Männer, die in Cafés sitzen und alte Lieder summen, Kinder, die zwischen den Ruinen spielen, Märkte, auf denen Händler lautstark ihre Waren feilbieten.

Ich gehe durch die Gassen meiner Jugend und sehe junge Leute, die die Wände mit frischen Farben bemalen, als wollten sie den Schmerz der Vergangenheit überdecken. Die Gespräche drehen sich um Neuanfänge, um den Aufbau eines Landes, das lange im Dunkeln gelebt hat. Hoffnung liegt in der Luft, zart und verletzlich wie eine Kerze im Wind.

In Damaskus herrscht viel Chaos.
In Damaskus herrscht viel Chaos. © A. Shihabi

Die Rückkehr nach Syrien ist voller Schmerz, voller Widersprüche, aber auch voller Hoffnung. Meine Familie ist gealtert, mein Haus zerstört, mein Flüchtlingslager vernarbt.

In Damaskus sieht man das Elend in den Augen der Menschen. Die Armut ist so groß, die Kinder haben keine Winterkleidung. Der Verkehr ist chaotisch – Falschfahrer, Unfälle, keine Polizei. Es gibt keine Sicherheit. Aber mittendrin sehe ich Menschen, die trotz allem nicht aufgeben. Sie sagen mir: „Dein Deutschland hat auch lange gebraucht, um sich nach dem Krieg wieder aufzubauen, deshalb müssen wir Geduld haben.“ Syrien ist nicht mehr das Land, das ich verlassen habe, aber vielleicht kann es eines Tages wieder Heimat für viele werden.