Susanne Wingels war schon früher oft wandern, wenn auch nicht ganz freiwillig... Aber was sollte das Kind schon machen, wenn die Eltern so unternehmungslustig waren, dass sie sogar Deutschland von der Nord- bis zur Südspitze durchlaufen wollten? Und ja, das haben sie damals, in den 1960er bis 1980er Jahren, auch in jeweils dreiwöchigen Abschnitten geschafft. Allerdings ohne die Kinder. Mit denen erkundeten sie lieber ihre Heimat, den Niederrhein, in immer stundenlangen Wanderungen. „Wir haben in Kalkar gewohnt, hatten kein Auto und sind oft an den Sieben Quellen gewesen“, erinnert sie sich. Kurze Einordnung: „Das waren schon so 30 Kilometer, die wir gelaufen sind.“ Und dabei ist einige Male auch etwas schief gegangen... Mal haben sie sich verlaufen und standen plötzlich an einem Schieferabhang, mal haben sie sich verschätzt und mussten als „Flachlandtiroler“ das Konzept der Höhenmeter verstehen. Doch trotz – oder gerade wegen? – dieser Erfahrungen liebt Susanne Wingels noch heute das Wandern durch die Natur. Und zwar so sehr, dass sie ganze Bücher darüber schreibt. Ihr neustes Werk ist gerade im Klartext Verlag erschienen: „Genusswanderungen zu Hofläden und Hofcafés am Niederrhein“.
Aber keine Sorge, die längste Tour ist nicht 30, sondern 13 Kilometer lang. Und das auch nur, weil es im Uedemer Hochwald einfach so viel zu entdecken gibt, dass Susanne Wingels ihre geplante Strecke kurzerhand verlängern musste. „Ich wollte unbedingt noch einen Schlenker zu den Hügelgräbern machen“, erklärt sie. Denn „so richtig alten Kram“, wie sie es nennt, findet sie einfach spannend. Ruine oder Schloss? Darüber muss sie nicht lange nachdenken. „Mich findet man immer in der Ruine!“ Weil sie an solchen Orten die Geschichte förmlich spüren kann... Deshalb hat sie bei ihrer Recherche fürs Buch auch immer versucht, alles über die Sehenswürdigkeiten und ihre Hintergründe herauszufinden. Da wäre beispielsweise mitten im Klever Reichswald die Holzlokomotive, ein Nachbau der Dampflok, die zwischen 1917 und 1945 über die Waldbahn fuhr. Mehr dazu steht im Kasten zur Tour „Naturwald mit Berg- und Talfahrt“. Nur ein Rätsel konnte die Autorin einfach nicht lösen. Was hat es mit dieser Zugbrücke auf sich, die entlang des Schmugglerpfads in Straelen auftaucht? Diese Frage bleibt unbeantwortet... Aber vielleicht macht ja gerade das Mysterium eine Wanderung durch die Moor- und Heidelandschaft noch aufregender!

Landcafés am Niederrhein: Von Apfelkuchen bis Heringstipp
Die Tour „Vom Schmugglerpfad zum Witte Berg“ hat Susanne Wingels übrigens besonders viel Spaß gemacht, verrät sie. Denn auf einer drei Kilometer langen Strecke können Kinder – und natürlich auch Erwachsene – einige Abenteuer an insgesamt 27 Stationen erleben. Nach so viel Spiel und Spaß ruft aber auch langsam der Hunger! Deshalb lohnt sich im Anschluss ein Besuch des Bauerncafés Jacobs, wie die Autorin schreibt: „In der gemütlichen, umgebauten Remise und in dem sonnenbeschienen Innenhof bietet Familie Jacobs nicht nur Kaffee sowie saisonalen Kuchen und Sahnetorten aus regionalen Zutaten nach Omas Rezept, sondern auch Bier vom Fass und herzhafte Mahlzeiten.“ Und ja, so wie sie „jeden einzelnen Zentimeter der Touren selbst abgelaufen“ ist, hat sie natürlich auch jedes einzelne Hofcafé selbst getestet. Nun, es gibt schlimmere Jobs, das muss sie lachend zugeben. Als sie beispielsweise im herrlichen Bauerngarten am Hufschen Henn in Uedem saß, um frischen Spargel mit handverlesenen Kartoffeln zu probieren... Mmmh, darüber kommt sie noch immer ins Schwärmen. Oder als sie im Baerlaghof in Issum nicht nur vom köstlichen Essen überrascht wurde, sondern auch das bäuerliche Ambiente förmlich eingesogen hat.

Genusswanderungen am Niederrhein
Das Buch „Landglück – Genusswanderungen zu Hofläden und Hocafés am Niederrhein“ ist im Klartext Verlag erschienen, hat 160 Seiten und kostet 18,95 Euro. Insgesamt stellt Susanne Wingels 14 Touren vor – immer mit Bildern und Informationen zur Anfahrt, Wegbeschaffenheit und Länge.
Die Wegbeschreibungen und Kartenausschnitte sind so detailliert, dass Unternehmungslustige sie auch ohne technisches Gerät nachwandern können. Wer zur Sicherheit trotzdem die GPX-Daten herunterladen möchte, findet diese auf der Internetseite des Verlags.

„Alles ist so liebevoll zum Landcafé umgebaut worden“, erzählt Susanne Wingels, „auf der Toilette sind zum Beispiel die Waschbecken alte Futtertröge.“ Zurück am Platz hat sie übrigens Heringsstipp mit Bratkartoffeln probiert. Ihr Urteil: „Köstlich!“ Ansonsten hat sie aber natürlich auch viel Kuchen probiert, unter anderem im Auffelder Bauerncafé in Grefrath oder Schulte-Drevenacks Hof in Hünxe. Gab‘s früher eigentlich bei den Wanderungen auch immer eine Einkehr? Nee, antwortet sie, „meine Mutter hatte immer Kartoffelsalat, gekochte Eier und Butterbrote dabei.“ Klar, das war auch lecker, aber schöner ist es schon, dass sie heute nach jeder Wanderung eine Stückchen Apfelkuchen oder Himbeersahnetorte oder Pflaumenkuchen essen „muss“ – um dem niederrheinischen „Landglück“ auf die Spur zu kommen.


