Zusammenfassung
- Der neue Hebammenhilfevertrag, der seit dem 1. November in Kraft ist, sorgt für Existenzängste unter freiberuflichen Hebammen in Deutschland.
- Laut einer aktuellen Studie denkt fast jede zweite Hebamme in Deutschland über einen Berufswechsel nach. Die mögliche Folge: Versorgungsknappheit in Kliniken.
- Ulrike und Pauline Adel, beide Hebammen, bezeichnen die Regelungen als praxisfern und kritisieren: „Man fühlt sich einfach nicht wertgeschätzt“
Am späten Nachmittag macht sich bei Ulrike Adel (52) und ihrer Tochter Pauline (23) in Emmerich langsam Erschöpfung breit. Die Tochter ist erst am Vormittag von der Nachtschicht im Krankenhaus nach Hause gekommen, ihre Mutter hat schon fünf Hausbesuche hinter sich. Müde, aber glücklich. Die Adels sind Hebammen. Und eigentlich, so sagen Mutter und Tochter, lieben sie ihren Job. Doch nun sorgen sich viele Beleghebammen – also freiberufliche Hebammen, die eine Kooperation mit Kliniken arbeiten – um ihre Existenz.
Grund ist der sogenannte Hebammenhilfevertrag, der seit dem 1. November dieses Jahres greift und die Bedingungen und Vergütung der rund 19.000 freiberuflich tätigen Hebammen in Deutschland regeln soll. Die Schiedsstelle des Krankenkassen-Spitzenverbandes und zwei Hebammen-Berufsverbände haben jüngst über deren Vergütung entschieden. Das Ziel: die Eins-zu-Eins-Betreuung stärken. Ulrike Adel findet: Gut gemeint, schlecht gemacht.
Auch interessant
Hebammenhilfevertrag: Weniger Geld für Beleghebammen
Laut einer aktuellen Studie denkt fast jede zweite Hebamme in Deutschland ans Aufhören und erwägt einen Berufswechsel. Mehr als die Hälfte der befragten Hebammen sehen die Zukunft ihres Berufs eher negativ, knapp 30 Prozent eher positiv. Die Studie haben die Opta-Data-Zukunftsstiftung in Essen und das Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement an der Berliner Sigmund Freud Privatuniversität gemeinsam mit dem Deutschen Hebammenverband durchgeführt und rund 800 der etwa 26.000 Hebammen in Deutschland befragt.
Auch interessant
Mit dem Hebammenhilfevertrag sollen Beleghebammen wie Ulrike Adel im Schichtdienst für die Betreuung von mehreren Frauen gleichzeitig weniger Geld bekommen als bisher. Konkret heißt das: Beleghebammen sollen künftig für die erste Frau nur noch 80 Prozent des geplanten Stundenlohns kriegen. Für die zweite und dritte Frau nur noch 30 Prozent. Dazu kommt: Betreuen sie eine Schwangere zwei Stunden vor und zwei Stunden nach Geburt durchgehend, gibt es einen Zuschlag. Ab der zweiten Frau fällt dieser Zuschlag weg. Zudem sollen Nacht- und Wochenendzuschläge von 20 Prozent auf 17 Prozent gekürzt werden. Um also auf ihren bisherigen Lohn zu kommen, müsste Ulrike Adel im schlimmsten Fall mehr arbeiten.

Hebammen in der Krise: Ulrike Adel macht den Job seit 1996 freiberuflich
Die Niederrheinerin hält von diesem Ansatz nichts. Es sei unrealistisch, dass sie sich ausschließlich auf eine Frau konzentriere: „Geburten lassen sich nicht planen.“ Auch bei einer Eins-zu-Eins-Betreuung, die sie mit dem Storchenteam bereits anbiete, schaut sie zwischendurch nach anderen Müttern, misst Blutdruck, kümmert sich. All das fällt nicht mehr in den Zuschlag hinein. Genau wie eine Wehenbegleitung, die über diese zwei Stunden vor der Geburt hinausgeht. „Die Idee ist praxisfern“, schimpft die erfahrene Geburtshelferin.
Auch interessant
Dabei weiß die Frau genau, was sie tut. Die 52-Jährige erinnert sich gut daran, wie für sie alles anfing. 1992 schloss sie ihre Hebammenausbildung ab, seit 1996 ist sie selbstständig. Zunächst arbeitete sie als Beleghebamme im St. Willibrord-Spital in Emmerich. Nach der Schließung der Geburtsstation 2017 gründete sie das Storchenteam Niederrhein mit, einen Zusammenschluss von Beleghebammen am Marien-Hospital in Wesel. Neben der Arbeit im Kreißsaal gibt sie Geburtsvorbereitungskurse in Emmerich und betreut Schwangere auch nach der Entbindung.
„Mama hat es früher immer so aussehen lassen, als wäre das ein total schöner Beruf“, erinnert sich Tochter Pauline. Schon als Kind begleitete sie ihre Mutter zu Hausbesuchen. Bereits im Kindergartenalter wollte die heute 23-Jährige selbst Geburtshelferin werden. Seit Oktober 2023 ist auch Pauline Adel ausgebildete Hebamme – sie hat jedoch einen anderen Schwerpunkt gesetzt: Anders als ihre Mutter arbeitet sie festangestellt in einem Mönchengladbacher Krankenhaus. Heißt: Sie arbeitet streng nach Dienstplan und betreut Frauen, die zufällig während ihrer Schicht in den Kreißsaal geschoben werden. Sie ist also, anders als ihre Mutter, vom neuen Hebammenhilfevertrag nicht betroffen.
Deutscher Hebammenverband kritisiert: Entscheidung könnte endgültiges Berufs-Aus bedeuten
Schon seit Monaten wird immer wieder Kritik laut. Der Deutsche Hebammenverband (DVH) warnte bereits vor Monaten: „Sowohl Leerlaufzeiten als auch die nicht unmittelbar geburtshilflichen Tätigkeiten der Beleghebammen“ würden „nicht ausreichend berücksichtigt“. Für viele Hebammen, die schon heute mit „prekärem Auskommen“ arbeiteten, „dürfte diese Entscheidung das endgültige Berufs-Aus bedeuten“, prophezeite Ursula Jahn-Zöhrens im Frühjahr. Aktuell würden bundesweit mehr als 20 Prozent der Geburten in Kliniken von freiberuflichen Hebammen im Belegsystem begleitet. Breche denen nun die Existenzgrundlage weg, „zieht dies auch eine verheerende Versorgungsknappheit für die Frauen und Familien in den betroffenen Regionen nach sich“, so Jahn-Zöhrens.
Auch interessant
Eine Sorge, die Mutter und Tochter Adel teilen. „Die Folge ist, dass sich viele Beleghebammen abmelden, weil sie einfach zu wenig verdienen.“ Besonders für große Krankenhäuser, in deren Kreißsälen größtenteils Beleghebammen arbeiten, werde es schwer, Personal zu organisieren. Auch in NRW arbeiten einige Kliniken ausschließlich mit Beleghebammen. „Das große Problem ist: Die Leidtragenden sind am Ende immer die Paare“, klagt Mutter Ulrike. Tochter Pauline stimmt zu.
„Wir tragen Verantwortung für zwei Menschenleben“: Mehr Wertschätzung gefordert
Die letzte Gehaltserhöhung gab es vor zehn Jahren. Nun wird das Gehalt sogar gekürzt, und das in einem Beruf mit vielen Pflichten. „Der Job ist toll, aber man fühlt sich einfach nicht wertgeschätzt. Wenn wir aber nicht richtig arbeiten, leidet immer irgendjemand. Wir tragen Verantwortung für mindestens zwei Menschenleben“, gibt Ulrike Adel zu bedenken.
Trotz aller Sorgen wollen Mutter und Tochter ihren Beruf nicht aufgeben. Ulrike Adel hat in ihrer Laufbahn rund 3000 Geburten begleitet, Pauline bisher etwa 300. „Ich könnte Bücher schreiben“, sagt Ulrike. „Von Freude bis Trauer, da ist alles dabei.“ Manche Mädchen, deren Geburt sie einst begleitete, werden heute selbst Mütter – und wenden sich an sie. „Es gibt immer wieder diese besonderen Momente“, sagen beide. „Wenn die Frauen dankbar sind, dass ich dabei war“, ergänzt Pauline. „Da kommt man dann nach einer anstrengenden Schicht zurück und ist trotzdem glücklich.“ So wie an diesem Nachmittag in Emmerich.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel ist zum ersten Mal am 23. Mai 2025 erschienen und wurde nachträglich aktualisiert.







