Es tropft. Und tropft. Und tropft. Aber keine Sorge, der Grund dafür ist nicht etwa ein nerviger Rohrbruch, sondern eine besondere Kunstform. Jürgen Schmitz-Gillmann und Dietrich Luckmann haben sich der Tröpfchenfotografie verschrieben. Was das ist? Nun, das können sie am besten an ihren Bildern selbst erklären, die gerade noch in einem Dinslakener Wohnzimmer hängen – bevor sie vom 1. bis zum 29. August im Weseler Wasserturm ausgestellt sind. Hier etwa, Jürgen Schmitz-Gillmann schnappt sich einen der großen Rahmen, steht eine elegante Skulptur aus roter Farbe vor einem schwarzen Hintergrund. Ist das eine Figur? Ein Pilz? Nein, die abfallenden Tröpfchen verraten es: Das ist tatsächlich Wasser, festgehalten für die Ewigkeit!
„Ich muss mich mal hinsetzen“, sagt Dietrich Luckmann plötzlich und stellt die Bilder von den grünen Gebilden auf lilafarbenem Grund ab. Lange zu stehen, das schafft er einfach nicht mehr. Der Weseler leidet an Myasthenie, einer extrem seltenen Autoimmunerkrankung, bei der die Reizübertragung vom Nerv zum Muskel gestört ist. Mit der Ausstellung möchte er auf das Thema aufmerksam machen, indem alle Erlöse an die „Deutsche Myasthenie Gesellschaft e.V.“ gehen. Denn, das weiß er aus eigener Erfahrung: „Wenige Leute, und auch wenige Ärzte, haben Ahnung davon.“ Nach zwei Jahren erst hat er endlich die Diagnose erhalten. „Und ich habe noch Glück gehabt“, betont er. Früher hat es bis zur Diagnose wesentlich länger gedauert.
Symptome wie bei Long-Covid
Angefangen hat bei Dietrich Luckmann alles damit, dass er im Liegen plötzlich „wie einen Frosch im Hals“ hatte. Aber darüber hat er sich erstmal keine Gedanken gemacht. Erst, als er alles plötzlich doppelt sah und sein Augenlid herunterhing, wurde er stutzig. Dazu kam die ständige Müdigkeit, aufkommende Schluck- und Sprachprobleme. „Wenn ich länger rede, kann es sein, dass ich mich gleich auch mehr verhaspele“, warnt er vor. Heute ist ein guter Tag. Oder zumindest, ein okayer Tag. An schlechten Tagen dagegen kommt er vom Supermarkt nach Hause und muss sich sofort hinlegen – ohne die Einkäufe vorher noch in den Kühlschrank legen zu können. „Sonst bekomme ich Krämpfe oder, schlimmstenfalls, bin ich ein bis zwei Tage ausgeknockt.“

Die Symptome erinnern ein wenig an Long-Covid, oder? Dietrich Luckmann nickt. „Ich bin sicher, dass die Dunkelziffer von Myasthenie auch noch höher ist.“ Allein in seiner Selbsthilfegruppe, die er mittlerweile besucht, waren es 2022 noch sechs Betroffene. „Jetzt sind wir um die 30.“ Der Austausch ist wichtig, gerade weil die Krankheit bislang noch so unbekannt ist. Er kennt beispielsweise einen Fall, in dem eine Neurologin einer Patientin Magnesium gegen die Muskelkrämpfe empfohlen hat. Ein fataler Fehler! „Magnesium verschlimmert die Symptome“, erklärt er. Zwar gibt es einige Präparate, die gegen die verschiedenen Symptome helfen, aber heilbar ist die chronische Krankheit bislang noch nicht.
„Die Krankheit hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt“
Bei ihm wirken die Medikamente, sagt Dietrich Luckmann, dennoch muss er seinen Tag mittlerweile ganz anders planen. „Die Krankheit hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt.“ Das fängt im Alltag wie dem Einkaufen an und hört beim Hobby wie dem Fotografien auf. Hier beispielsweise, das Objektiv... ganz schön schwer! Er nickt. „Das sind sechs Kilo, die ich kaum noch halten kann.“ Macht er aber trotzdem, zumindest zwischendurch und nicht so lang. „Ich will mein Leben leben!“, erklärt er. Jürgen Schmitz-Gillmann nickt. Das kann er nur allzu gut verstehen! „Ich habe 15 Jahre lang meine Frau gepflegt“, erzählt er, „und ich habe Krebs.“ Aber aufgeben kommt für ihn ebenfalls nicht in Frage. „Man muss immer das Beste draus machen.“

Das bedeutet in ihrem Fall: Tröpfchenfotografie! Aber jetzt mal ganz ehrlich, wie kommt jemand denn darauf? Sie lachen. „Wir haben beide Tierfotografie gemacht“, erzählt Jürgen Schmitz-Gillmann. „Und haben uns auf der Bislicher Insel kennengelernt.“ Sie kamen ins Gespräch, darüber, dass er sich gerade die Ausrüstung für Tröpfchenfotografie geholt hatte. So etwas hatte er mal im Internet gesehen. Ein Jahr später trafen sich die beiden wieder, Dieter fragte Jürgen, was denn die Tröpfchenfotografie mache... „Und ich hatte aus Frust schon alles weggeräumt.“ Vielleicht könnten sie es ja mal zusammen probieren? Tatsächlich! „Wir haben es direkt am ersten Tag hinbekommen“, erzählt Dietrich Luckmann stolz.
Tröpfchenfotografie: Knipsen und hoffen
Seitdem sind die beiden nicht nur Gleichgesinnte, sondern auch Freunde! Vier bis fünf Mal im Jahr treffen sie sich für jeweils mehrere Tage, um ihr Fotostudio und die Giftküche aufzubauen. Und das dauert. „Zweieinhalb Stunden bestimmt“, sagt Jürgen Schmitz-Gillmann. Auf einem Foto können sie zeigen, wie es am Ende aussieht. Wie im Labor hängen dort Röhrchen, die mit einem Computer verbunden sind. So können sie steuern, wann sich welcher „Tröpfchengeber“ öffnet. Und dabei kommt es auf die Millionstel Sekunde an. Nach dem ersten Tropfen kommt der zweite, der dritte... Dann heißt es: knipsen und hoffen. „95 Prozent sind immer Schrott“, sagt Dietrich Luckmann und lacht.
Aber umso größer ist die Freude über die fünf Prozent! Wenn sich der blaue Tropfen am Boden auftürmt und der rote Tropfen auf dem Gebilde wegspritzt... das erinnert den einen an einen Hut, den anderen an einen Drachen. Oder dort, das sieht doch aus wie eine Schnecke! „Wenn es läuft, kann man nicht mehr aufhören“, sagt Jürgen Schmitz-Gillmann. Das Experimentieren macht einfach so viel Spaß! Dort drüben beispielsweise, er zeigt auf einem blauen Vulkan, „da haben wir Sahne zum Wasser hinzugefügt.“ Für ein anderes Bild mussten sie kurzzeitig zur E-Zigarette greifen – aber nur, um Seifenblasen mit Rauch zu befüllen. „Genau das Gleiche bekommt man aber nie wieder so hin“, sagt er. „Da ist viel Zufall dabei.“ Und deshalb heißt es immer wieder aufs Neue: Bei ihnen tropft es!


