Immer mehr junge Menschen in NRW interessieren sich wieder für Ausbildungsberufe. Im dritten Jahr in Folge ist die Anzahl der Bewerbungen auf Ausbildungsplätze angestiegen. Das zeigt eine neue Auswertung der Bundesagentur für Arbeit, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Das Besondere: Zum ersten Mal seit Jahren ist die Zahl der Bewerber wieder höher als die der Ausbildungsstellen.

Während im Ausbildungsjahr 2023/2024 in NRW 100.186 Ausbildungsstellen 98.576 Bewerber angelockt haben, kamen im Ausbildungsjahr 2024/2025 101.412 Bewerber auf nur noch 95.903 Ausbildungsstellen. Damit kommen auf 100 Ausbildungsstellen im NRW-Schnitt 106 Bewerber. Für Roland Schüßler, Chef der NRW-Arbeitsagentur, keine große Überraschung. „Es setzt sich damit die Entwicklung der letzten Jahre fort“, erklärte er während der Pressekonferenz am Donnerstag.

Ausbildungsstart: Noch über 36.000 Stellen frei

Den Aufschwung unter den Bewerbern erklärt sich Schüßler unter anderem damit, dass viele junge Menschen nach Deutschland kommen und immer mehr von ihnen bereit sind, in das Berufsleben zu starten. Für die Wirtschaft sei das in Zeiten hohen Fachkräftebedarfs zunächst eine gute Nachricht, doch die aktuellen Zahlen seien mit Vorsicht zu genießen, mahnte der NRW-Chef.

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres lohnt der Blick auf noch suchende Bewerber und unbesetzte Ausbildungsstellen. So sind aktuell 36.842 Stellen unbesetzt, zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres waren es 8,4 Prozent mehr. Gleichzeitig haben derzeit 43.729 Suchende in NRW noch keine Ausbildungsstelle gefunden, ein Plus von 15,4 Prozent gegenüber dem 1. August 2024. Wie kann das sein?

Ausgeglichener Arbeitsmarkt in den Kreisen Kleve und Wesel

„106 Bewerber auf 100 Stellen klingt erst mal einigermaßen ausgeglichen. Doch das ist nur ein landesweiter Wert, da gibt es sowohl regional als auch berufsspezifisch große Unterschiede“, so Schüßler. Die Kreise Kleve und Wesel gehören zu den wenigen in NRW mit einem ausgeglichenen Ausbildungsmarkt.

Auch in Düsseldorf ist der Ausbildungsmarkt in etwa ausgeglichen. Während vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet ein teilweise deutlicher Bewerberüberhang herrscht, gibt es besonders in Südwestfalen mehr freie Stellen als Bewerber.

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Nicht zuletzt ein Mobilitätsproblem, merkte Stefan Hagen von der IHK NRW an. „Es ist also nicht nur wichtig, die Arbeit zu den Leuten zu bringen, sondern auch die Leute zur Arbeit.“ Und das nicht nur mit attraktivem ÖPNV, sondern auch mit bezahlbarem Wohnraum für Berufseinsteiger, die für ihre Ausbildung den Wohnort wechseln. Hier könnten auch Auszubildendenwohnheime Abhilfe schaffen, um für mehr Flexibilität bei jungen Menschen zu sorgen, so Hagen.

Diese Berufe sind bei Bewerbern am beliebtesten

Zwischen dem, was der Arbeitsmarkt hergibt und dem, was Bewerber wollen, gibt es ebenfalls große Unterschiede. Die Liste der zehn Ausbildungsberufe mit den meisten ausgeschriebenen Stellen sei in diesem Jahr nicht außergewöhnlich, erklärte Schüßler. Die meisten freien Stellen gab es für kaufmännische Berufe im Einzelhandel. Auf Platz zwei folgt die Ausbildung zum Verkäufer, danach die zum Kaufmann für Büromanagement und die Ausbildung zum Industriekaufmann.

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Unter den Bewerbern ist die Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement aktuell allerdings am gefragtesten, hier gab es im aktuellen Berichtsjahr über 7000 Bewerber – aber nur etwa 3900 gemeldete Ausbildungsstellen. Für die Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel wurden dafür mehr als 8500 Stellen in NRW ausgeschrieben, Bewerber fanden sich aber nur rund 2950.

Weniger Ausbildungsplätze: „Viele Betriebe denken nur von Quartal zu Quartal“

Dass die Zahl der Ausbildungsstellen insgesamt gesunken ist, liege vor allem an der schwachen Konjunktur, sagte Berthold Schröder, Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertags. „Viele Betriebe denken nur von Quartal zu Quartal, wollen Geld sparen und streichen dann die Ausbildungsplätze. Doch das ist die falsche Denkweise. Wenn wir im Handwerk nicht genug ausbilden, werden die nachfolgenden Probleme nur noch schwerer lösbar.“

Schließlich rechne man im kommenden Jahr durch die Umstellung von G8 auf G9 mit mehr unbesetzten Ausbildungsplätzen. Zehntausende Schüler werden nach dem Schuljahr 2025/26 an den Gymnasien bleiben und nicht – wie ihre Vorgänger – nach acht Jahren abgehen. Das treffe nicht nur die Universitäten, sondern auch die Ausbildungsbetriebe, denn mehr als jeder fünfte Auszubildende im NRW-Handwerk hatte 2024 die Fachhochschulreife oder die Hochschulreife.

Ausbildung 2025: Bewerber haben noch eine Chance

Schröder rät den Betrieben deshalb, noch stärker an die Zukunft zu denken und noch mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Und auch für Ausbildungsinteressierte sei es dieses Jahr noch nicht zu spät: „Nicht jede Ausbildung beginnt zum 1. August. Auch zum 1. September oder zum 1. Oktober kann man mit der Ausbildung beginnen, so flexibel sollten viele Unternehmen sein.“ (mit dpa)