Es kann doch nicht so schwer sein, eine Kittelschürze anzuziehen und zuzuknöpfen! Oder? Nunja, Anja Killemann deutet auf das Kleidungsstück... und auf die Handschuhe. „Dann ziehen Sie die mal bitte an!“ Also gut. Erst ist der eine, dann der andere Handschuh dran. Das Überstreifen der Kittelschürze funktioniert damit noch einigermaßen, „aber jetzt kommen die Knöpfe!“ Wo sind die denn bitte? Und wo die Schlitze? Achja, dort, inmitten des wilden Blumenmusters. Aber wie soll der Knopf in den Schlitz kommen? Die Finger machen nicht, was der Kopf sagt... Es will und will einfach nicht klappen! Die Haare fallen ins Gesicht, verhaken sich am Knopf, und Schweiß bildet sich auf der Stirn. Dabei ist es auch nicht gerade förderlich, dass sich Anja Killemann nun ungeduldig zu Wort meldet: „Das dauert aber! Der Bus kommt gleich. Ich habe doch extra schon vor einer halben Stunde Bescheid gegeben!“

Wie gut, dass kurz darauf alles vorbei ist. Zumindest für die Person, die gerade den Selbsttest gewagt hat. Nicht aber für Menschen mit Demenz, die jeden Tag so unangenehme Situationen wie diese erleben müssen. „Jeder kennt wahrscheinlich jemanden, der alles vergisst oder verwirrt durch die Gegend läuft“, erklärt Anja Killemann. „Der Demenzsimulator soll ein Versuch sein, sich in die Betroffenen hineinzufühlen.“ Denn allzu oft ist es doch so, weiß sie als Demenzberaterin, „die Angehörigen verstehen nicht, dass der Betroffene sich nicht mit Absicht so verhält.“ Ja, überlegt sie dann, „manche glauben sogar, dass die Betroffenen schauspielern würden.“ Dabei ist Verständnis wichtig, betont auch ihre Kollegin Petra Maria Brüggemann. „Je mehr ich von einer Krankheit verstehe, desto besser kann ich auf den Erkrankten auch zugehen.“

Erna, die schwer an Demenz erkrankt ist

Wenn es also mit dem Anziehen der Kleidung einfach nicht klappen will, dann verschlimmern Sätze wie „Das dauert aber!“ alles nur noch weiter. Das hat sich im Selbsttest nur allzu deutlich gezeigt. Ebenso wie die prüfenden Blicke, das genervte Ausatmen, das völlige Unverständnis... Bettina Schäfer, ebenfalls Demenzberaterin, nickt. „Das Gefühl wollen wir rauskitzeln“, sagt sie. Deshalb führt die Fachberatung Demenz des Caritasverbands für die Dekanate Dinslaken und Wesel regelmäßig Veranstaltungen mit dem Demenzsimulator durch. Wobei, das ist ihnen allen wichtig zu betonen, es nicht darum geht, jemanden auf Demenz zu testen. „Darüber machen sich die Leute oft Sorgen“, erzählt Anja Killemann. Dabei geht‘s doch gerade ums Scheitern! „Wenn Sie es schaffen, stimmt etwas nicht mit Ihnen.“ Oder, fügt sie dann hinzu, „Sie schummeln.“

Einen Kittel anziehen – mit Handschuhen? Fast unmöglich. So, wie es oft auch für Menschen mit Demenz eine echte Herausforderung ist, sich selbst anzuziehen.
Einen Kittel anziehen – mit Handschuhen? Fast unmöglich. So, wie es oft auch für Menschen mit Demenz eine echte Herausforderung ist, sich selbst anzuziehen.© FUNKE Foto Services | Lars Heidrich

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Und das ist ja nun wirklich nicht Sinn der Sache. Deshalb kommt nun auch schon die nächste Aufgabe. Insgesamt gibt es 13 Stationen, „und immer geht es um alltägliche Dinge, die man nicht mehr hinbekommt“, erklärt Bettina Schäfer. Beispielsweise... Essen. Anja Killemann liest einen kurzen Text vor, der in die jeweilige Szene einführt. Im Mittelpunkt steht Erna, die bereits schwer an Demenz erkrankt ist, und vor ihrem Abendessen sitzt. Sie weiß nicht, wer den Teller auf den Tisch gestellt hat. Ihr Mann? Nein, das kann nicht sein, denn plötzlich erinnert sie sich an seinen Tod. Sie muss weinen. Dann steckt sie sich Wurstscheiben in den Mund und geht ins Badezimmer. Sie sieht in den Spiegel. Was macht die Frau da? Danach setzt sie sich wieder an den Tisch, um mit dem Messer das Obst aus der Schüssel zu nehmen. Doch das klappt nicht.

Das Abendessen wird zu Herausforderung

Die Kinder sagen: „Mama, das Abendbrot bereiten wir für dich vor. Du musst es nur essen. Das kannst du allein.“ Von wegen. Für Menschen mit Demenz kann selbst das Essen zur Herausforderung werden. Das zeigt sich bei der entsprechenden Station. „Sie müssen das Obst, also die Murmeln, mit einem Löffel in die Becher verteilen“, erklärt Bettina Schäfer. Klingt einfach? Nicht mit dem Zusatz: „Sie dürfen nur in den Spiegel schauen!“ Allein die erste Murmel auf den kleinen Löffel zu bekommen, dauert und dauert und dauert. Die beobachtenden Blicke der anderen sind förmlich zu spüren. „Frau Killemann kann besonders gut Druck aufbauen“, sagt Bettina Schäfer mit einem Lachen. Das lässt diese sich nicht zwei Mal sagen: „Beeilen Sie sich mal!“ Puh, wenn das mal ginge... Dann, endlich, liegt die Murmel auf dem Löffel, der sich nun langsam zum Becher bewegt. Und schon... fällt die Murmel, aber nicht in den Becher.

Die Murmel muss in den Becher... Ganz schön schwierig, wenn dabei alles spiegelverkehrt ist.
Die Murmel muss in den Becher... Ganz schön schwierig, wenn dabei alles spiegelverkehrt ist. © FUNKE Foto Services | Lars Heidrich

Blickpunkte Demenz

Die Reihe „Blickpunkte Demenz“ bietet verschiedene Veranstaltungen am Niederrhein rund um das Thema Demenz an. So können Angehörige beispielsweise den Demenzsimulator das nächste Mal am Donnerstag, 4. September, im Alten Rathaus, Weseler Straße 1 in Schermbeck, ausprobieren. Alle Termine stehen in der Broschüre, die über rb-niederrhein@caritas-wesel.de angefordert werden kann.

Außerhalb der Veranstaltungen können Interessierte den Demenzsimulator des Caritasverbandes für die Dekanate Dinslaken und Wesel ebenfalls ausprobieren. Anja Killemann ist die Ansprechpartnerin für Voerde (demenzberatung@caritas-voerde.de), Petra Maria Brüggemann für Wesel, Hamminkeln und Schermbeck (demenzberatung@caritas-wesel.de) sowie Bettina Schäfer für Dinslaken und Hünxe (demenzberatung@caritas-dinslaken.de).

Das darf doch nicht wahr sein! „Plötzlich versteht man, wenn Betroffene wirsch, ungehalten oder manchmal sogar aggressiv werden“, sagt Bettina Schäfer. Oder wenn sich Erkrankte zurückziehen, fügt Petra Maria Brüggemann hinzu. „Wenn sich jemand nicht mehr mit den Freunden zum Skat trifft, weil er fünf Mal das falsche Blatt ausgelegt hat und dafür angemacht wurde, ist das doch nachvollziehbar.“ Es gibt sicher Phasen, da sind sie sich alle einig, die sich für die Betroffenen „wie ein Albtraum“ anfühlen. Das Aufwecken und Herausreißen daraus klappt leider nicht, aber zumindest können Außenstehende ein wenig Verständnis für ihre Situation aufbringen – und beispielsweise dabei helfen, wenn es einfach nicht klappen will mit dem Abendessen oder auch mit dem Zuknöpfen der Kittelschürze.