Hendrik Wüst versucht, sich Zeit zu nehmen, die er nicht hat. Der emsige Ministerpräsident marschiert über den zentralen Platz des Oberhausener Friedensdorfs. Kinder malen das Pflaster mit Kreide voll, sie kennen den schlaksigen Mann nicht. Seine Krawatte hat Wüst ausnahmsweise abgelegt. Richtig ungezwungen wirkt er auf seinem Rundgang trotzdem nicht.

Was am Pulk in seinem Gefolge liegt. Dutzende anzugtragende Mitarbeiter des Regierungschefs, leger gekleidete Journalisten und Fotografen trotten hinterher. Als der adrette Münsterländer ein paar arglose, kriegsversehrte Jungen beim Seilspringen sieht, bleibt er stehen, bekommt ein Seilende in die Hand gedrückt und lässt die Kinder hüpfen. Ein Referent aus der Pressestelle der Düsseldorfer Staatskanzlei filmt die Tuchfühlung per Handy, der Begleittross steht im Kreis um den spielenden Ministerpräsidenten herum und guckt zu. Eine knappe Minute geht das so, dann muss Wüst weiter. „Tschüss Jungs“, ruft er zum Abschied.

Die Mission von Wüsts Tour de Ruhr: Gesicht zeigen

Oberhausen-Schmachtendorf ist am Mittwochvormittag (27. August) die erste Station einer Tagestour, die Hendrik Wüst kurz vor der NRW-Kommunalwahl kreuz und quer durchs Ruhrgebiet führt. Stundenlang wird der 50-Jährige zu Start-up-Unternehmern und in soziale Brennpunkte chauffiert, der Medientross fährt im Bus hinterher. Jedes Jahr bereist der Westfale aus dem Kreis Borken einen Sommertag lang das Revier – zum Aktenlesen bleibt dann wenig Gelegenheit, auch an diesem Mittwoch. Was bringen diese Touren?

Drei Beteiligte sollen davon profitieren: Pressemenschen, denn sie bekommen die Möglichkeit, ihn besser kennenzulernen. Die Organisationen, die Wüst besucht, denn er verschafft ihnen Öffentlichkeit. Und er selbst. Wenn der Ministerpräsident Gesicht zeigt, sind alle Kameras auf ihn gerichtet.

Hendrik Wüst zeigt sich berührt von Schicksalen der Kinder

Im Friedensdorf sind sie froh über den hochkarätigen Gast. „Wir brauchen sechs bis sieben Millionen Euro Spenden jedes Jahr“, sagt Constanze von Gerkan, Sprecherin der 1967 gegründeten Hilfsorganisation, die verletzten und kranken Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten medizinische Behandlungen in Deutschland ermöglicht. 152 Mädchen und Jungen leben momentan im Friedensdorf, die meisten kommen aus Afghanistan und Angola, einige aus dem Irak, aus Gambia oder Tadschikistan. Wenn Rundfunk und Presse über deren Schicksale berichten, glaubt von Gerkan, kann das nur nützen.

Auch Wüst gehen die persönlichen Dramen nahe. Immer mehr Kinder wollen wissen, warum alle um den Herrn mit dem Seitenscheitel herumstehen, und stellen sich dazu. Er sieht Mädchen mit verbrannten Gesichtern. Jungen, denen beide Hände fehlen. Wüst ist Papa einer 2021 geborenen Tochter und kann, das ist eine Erkenntnis dieses Vormittags, mit Kindern ganz gut. „Wenn man selbst Vater ist, nimmt man die Situation anders wahr“, erklärt der CDU-Politiker. „Man kann dankbar sein, dass es hier Menschen gibt, die helfen.“

Die Seilspringer hat er hinter sich gelassen, nun stößt er auf Mädchen, die auf einer Decke sitzen und Skip-Bo spielen. Wüst hockt sich dazu, winkelt die langen Beine an und schielt den Mädels in die Karten. Der Begleittross beobachtet die Picknickdecke aufmerksam, jemand ruft: „Dann machen wir jetzt ein schönes Foto zusammen.“ Nicht gerade eine entspannte Situation für die Mädchen, aber Friedensdorf-Sprecherin von Gerkan freut sich über die Aufmerksamkeit. Später äußert Wüst Mitgefühl für ein Kind, das mit heftigen Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden musste: „Das ist krass, wenn ein kleines Mädchen so eine Operation hat und ganz alleine ist.“

Hendrik Wüst nimmt sich im Friedensdorf Zeit für ein kurzes Kartenspiel.
Hendrik Wüst nimmt sich im Friedensdorf Zeit für ein kurzes Kartenspiel. © Rolf Vennenbernd/dpa | Rolf Vennenbernd

Friedensdorf bietet Hilfe für schwer verletzte Kinder

Manche wohnen seit zwei Jahren in Oberhausen. Ohne Eltern. Gerade ist eine Friedensdorf-Delegation um Mitarbeiterin Claudia Peppmüller in Kabul und sucht bedürftige afghanische Kinder aus, die sie demnächst nach Deutschland fliegen. Knapp 2000 seien vorstellig geworden, sagt Constanze von Gerkan – nur etwa 100 können kommen. „Herzzerreißend“ sei das, aber „wir nehmen nur Kinder auf, deren Versorgung wir sicherstellen können“.

Während Hendrik Wüst sich seinen Weg über den Platz bahnt, weicht ihm plötzlich ein Junge an einer Krücke nicht mehr von der Seite. Er greift nach Wüsts Hand, dann humpelt er neben dem Gast her. Kein Problem für den kinderlieben Landesvater. Aber irgendwann muss er sich lösen. Nächster Termin: Bochum.