Bei den Kommunalwahlen in NRW können Tausenden jungen Menschen zum ersten Mal wählen. Denn anders als bei Bundes- und Landtagswahlen ist das schon ab 16 Jahren erlaubt. Erstwähler sind am 14. September auch 17- und 18-Jährige, die bei der Bundestagswahl im Februar noch nicht 18 waren.

Viele informieren sich über Social Media über Politik – vor allem auf TikTok. Wie sehr beeinflusst die App das Wahlverhalten junger Menschen und damit die Demokratie?

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Jannes (16) freut sich auf die Wahl: Endlich zur Demokratie beitragen

Bei den Kommunalwahlen am übernächsten Sonntag werden nach Informationen des NRW-Innenministeriums etwa 800.000 potenzielle Erstwähler dabei sein. Bei der Kommunalwahl 2020 waren es noch rund eine Million. Das entsprach knapp sieben Prozent der 14,24 Millionen wahlberechtigten Menschen. 7,39 Millionen nahmen ihr Wahlrecht wahr, sodass die Wahlbeteiligung bei 51,9 Prozent lag. Zum Vergleich: Bei der vorgezogenen Bundestagswahl im Februar waren 2,3 Millionen potenzielle Erstwähler dabei. Das waren 3,9 Prozent der 61,2 Millionen Wahlberechtigten.

Dass 2020 bei den Kommunalwahlen mehr Personen zum ersten Mal wählen durften, liegt laut Ministerium an der teilweise längeren Legislaturperiode davor. Die vorletzten Kommunalwahlen fanden 2014 statt. Darüber hinaus seien frühere Jahrgänge geburtenstärker gewesen.

Einer der Erstwähler ist der 16-jährige Jannes Heins aus Bochum. Auf seine erste Wahl freut er sich schon und hat sich in den letzten Wochen gut informiert, wie er der NRZ sagt. „Ich finde es gut, dass ich jetzt etwas beitragen und meine Meinung vertreten kann.“ Bei welchen Kandidaten und Parteien er seine ersten Kreuzchen verteilen will, wisse er auch schon, meint er.

Jannes Heins (16) ist Erstwähler und freut sich auf die Kommunalwahl.
Jannes Heins (16) ist Erstwähler und freut sich auf die Kommunalwahl.© Privat | Privat

Hauptquelle für politische Informationen: TikTok und Co

Dass Jannes schon mit 16 darüber abstimmen darf, wer ihn und seine Meinung in Bezirksvertretung, Stadtrat und als Oberbürgermeister vertritt, freut ihn. Die höhere Altersgrenze von 18 Jahren bei Landtags- und Bundestagswahlen dagegen findet er „nicht ganz gerecht“, sagt Jannes. „Es gibt viele 16-Jährige, die sich schon gut mit Politik auskennen.“

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Informiert hat er sich vor der Wahl vor allem über Social Media. „In der Schule lernt man zum Beispiel in Sozialwissenschaften schon etwas zu den Wahlen. Aber vor allem über TikTok bekomme ich viel von der Politik mit und über die öffentlich-rechtlichen Medien“, sagt Jannes. „Aber ich habe auch die Parteiprogramme von den größeren Parteien gelesen.“

Mehr zur Kommunalwahl in NRW am 14. September

So beeinflussen TikTok und andere soziale Medien unsere Demokratie

Dass die sozialen Medien in den vergangenen Jahren einen immer stärkeren Einfluss auf das politische Geschehen und die Demokratie hatten, ist bereits klar. Vor allem Populisten scheinen von der Natur der Inhalte bei Social Media zu profitieren: Sie sind kurz, knapp und zielen auf Emotionen ab. Dass in Deutschland daher vor allem die AfD, aber auch die Linke auf TikTok so erfolgreich sind, überrascht vor diesem Hintergrund wenig. Und auch US-Präsident Donald Trump sagte einmal, dass er ohne die sozialen Medien wohl niemals ins Amt gewählt worden wäre.

Attraktiv seien die sozialen Medien besonders für radikale Parteien, weil sie da nicht in ihren Aussagen korrigiert werden, wie es bei klassischen Medien der Fall ist, sagt Hektor Haarkötter, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Der Algorithmus bevorzuge oft auch extreme Meinungen, weil die Nutzer sich eher dazu genötigt fühlen, darauf zu reagieren. „Sie kommentieren, teilen oder liken. Somit bleiben sie aktiv auf der Plattform“, so Haarkötter. Die wiederum profitiere davon, weil sie für die Nutzer Werbung schalten kann und damit Geld verdient. „Dazu kommen Plattformen wie Elon Musks ‚X‘, wo es klare einseitige Präferenzen zum Beispiel für die AfD gibt.“

Gerade jüngere Menschen seien zudem meist verloren für klassische Medien, sagt der Kommunikationsexperte. „Sie schauen abends nicht die Tagesschau und haben keine Zeitung. Oft haben nicht mal die Eltern mehr eine Zeitung im Haus.“ Um sie zu erreichen, müsse man dahin, wo die Menschen sind und das seien die sozialen Medien. „Ganz junge Leute sind auf TikTok, junge Erwachsene bei Instagram und ältere bei Facebook.“

Bei diesen Plattformen gebe es zudem verschiedene Regeln. Facebook sei textbasiert, Instagram habe einen Fokus auf Bildern und bei TikTok sind es Videos. „Den Usern fällt es auch schnell als Fehler auf, wenn man das falsche Format verwendet“, sagt Haarkötter. Für Kommunalpolitiker sei es schwer, das alles alleine zu managen, weil sie oft keinen großen Stab hinter sich haben. „Dennoch werden Wahlkämpfe natürlich nicht nur medial und digital ausgefochten werden, sondern finden immer noch im ‚richtigen Leben‘ statt.“

Und so will auch Erstwähler Jannes seine ersten Kreuzchen vor Ort im Wahllokal machen. Er meint: „Wenn man schonmal die Zeit dafür hat, sollte man auch hingehen zum Wählen.“