Im Mai 2024 an den Start gegangen, weniger als anderthalb Jahre später steht er schon wieder vor dem Aus: der Bundes-Klinik-Atlas des Gesundheitsministeriums. Das Portal soll Nutzern umfassende Informationen über die angebotenen Leistungen der rund 1700 Kliniken in Deutschland liefern und nach Eingabe von Suchbegriffen passende Krankenhäuser anzeigen. Nach der Einführung durch Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach ließ Kritik nicht lange auf sich warten – jetzt will seine Nachfolgerin Nina Warken das Projekt wieder beenden. Wie reagieren darauf die Kliniken am Niederrhein?
„Die Projektgruppe ‚Bundes-Klinik-Atlas‘ wird rückwirkend zum 30. Juni aufgelöst“, heißt es in einer Organisationsverfügung, die den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland vorliegt. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) regt indes an, das von ihr betriebene Deutsche Krankenhausverzeichnis wieder für die Nutzung auf bundesweiten Internetseiten bereitzustellen. Am Niederrhein wird diese Entwicklung größtenteils positiv aufgenommen.
Klinik-Atlas soll eingestellt werden: Die Reaktionen vom Niederrhein
„Wir stehen in dieser Thematik hinter der Position der Deutschen Krankenhausgesellschaft, die aufgrund der größeren Nutzung und der geringeren Kosten eine Rückkehr zum Deutschen Krankenhausverzeichnis befürwortet“, äußert sich David Weierstahl, Sprecher des St. Bernhard-Krankenhauses in Kamp Lintfort auf NRZ-Anfrage.
Dr. Barbara Florange, Geschäftsführerin der GFO Kliniken Niederrhein, befürworte den Klinik-Atlas grundsätzlich, jedoch sei er in der Umsetzung „extrem anspruchsvoll“. Die Ankündigung mit dem Ziel, für mehr Sicherheit für Patientinnen und Patienten zu sorgen, begrüße die frühere Chefärztin der Psychiatrie am St. Vinzenz-Krankenhaus daher.

„Speziell in NRW erfordert die Krankenhausreform aufgrund zum Teil veränderter Leitungsstrukturen eine erhöhte Anpassungsleistung der Bevölkerung. Eine klare und zutreffende Kommunikation der Leistungserbringung ist dabei von entscheidender Bedeutung für die Versorgung“, so Florange weiter.
Doppelstruktur Klinik-Atlas und Krankenhausverzeichnis
Auch am Moerser Bethanien Krankenhaus hat man die Pläne von Gesundheitsministerin Warken positiv aufgenommen. Mit dem Ende des Klinik-Atlas „löst sich eine Doppelstruktur auf, die bisher mit dem Deutschen Krankenhaus Verzeichnis bestand“, beurteilt es Dr. Ralf Engels, Krankenhausdirektor und Stiftungsvorstand. „Die Anforderungen des Klinikatlas waren mit aufwändigen Datenlieferungen verbunden. Die letztendliche Darstellung war teilweise fehlerhaft und nutzerunfreundlich.“
Damit löst sich eine Doppelstruktur auf, die bisher mit dem Deutschen Krankenhaus Verzeichnis bestand
Dr. Ralf Engels, über das Ende des Klinik-Atlas
Elmar H. Willebrand, Geschäftsführer des Willibrord-Spitals Emmerich, hat eine klare Meinung zum Klinik-Atlas: „Das gefühlt 25. nutzlose Portal über Krankenhausqualität wird kein einziger Patient vermissen“. Bei akuten Notfällen habe man ohnehin nicht die Zeit, dort nachzuschlagen „und bei planbaren Eingriffen gibt es bereits eine kaum noch zu überschauende Anzahl von etablierten Online-Angeboten.“ Ausschlaggebend sei für den Patienten vielmehr die Empfehlung seines Arztes oder von Freunden und Bekannten.
Klinik-Atlas kostet 1,5 Millionen Euro jährlich
Eine Revolution bei den Krankenhäusern könne man trotzdem nicht erwarten, „selbst über die gesparten 1,5 Millionen Euro jährliche Betriebskosten kann man sich nur bedingt freuen.“ Diese würden angesichts der erneut deutlich gestiegenen Defizits bei den Krankenhauskosten nur einen kleinen Teil ausmachen. „Dies ist vermutlich meine 20. Krankenhausreform, die ich, wie alle vorherigen, verpuffen sehe, bevor sie überhaupt beschlossen ist. Wir haben kein Erkenntnis-Problem, sondern ein strukturelles Umsetzungsproblem.“
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Bei der Katholischen Karl-Leisner-Trägergesellschaft halte man die Grundidee des Klinik-Atlas zwar für gut, „aber die Umsetzung hat uns nicht zugesagt. Es war eher noch verwirrend, weil nicht alle Informationen eingebunden wurden. Es wurden nur bestimmte Behandlungen in einer willkürlichen Auswahl aufgezeigt“, heißt es in einer Stellungnahme.
Klinik-Atlas: Ziel verfehlt?
Eine ähnliche Reaktion kommt aus dem Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf. Wie viele Patienten tatsächlich wegen des Klinik-Atlas in das Düsseldorfer Krankenhaus gekommen sind, könne man nicht sagen. Den konkreten Nutzen für Patienten, sei daher schwer schätzbar. Auf Anfrage der NRZ heißt es jedoch: „Unser Eindruck ist, dass der Atlas sein Ziel, schnell und transparent zu informieren, nicht erreicht hat.“
Gemischte Erfahrungen mit dem Klinik-Atlas hat in den vergangenen Monaten der Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD) gemacht. „Der Klinik-Atlas war ein Ansatz, konnte dem Anspruch aber nur begrenzt gerecht werden. Die Plattform ist zwar benutzerfreundlich, bietet jedoch nur eingeschränkte und teils veraltete Informationen“, erklärt Sprecherin Cassie Kübitz-Whiteley. Im Vergleich dazu liefere das Krankenhausverzeichnis detailliertere und aktuellere Informationen, auch wenn es in der Nutzung komplexer sei. (jh/red)



