„Nein, der ist noch nicht reif… und der auch nicht…“ Annette Raadts steht in einer der ersten Reihen ihrer Apfelplantage und zeigt auf zwei rote Wellant-Äpfel. Für Laienaugen leuchten die prall und perfekt in der Sonne. Der Ast, an dem sie hängen, sieht mit seinen vielen Früchten aus wie ein Kunstwerk, das die Natur gemalt hat. Was bitte könnte hier noch vollkommener werden? Die Landwirtin dreht einen Apfel vorsichtig um und zeigt auf die grünliche Schale rund um den Blütenrest. „Wenn die Grundfarbe gelb ist, dann hat der Apfel sein volles Aroma – dann wird gepflückt.“

Elstar und Rubinette sind schon in der Kühlung

Annette Raadts ist in Obstplantagen aufgewachsen. Schon ihr Großvater hat hier an der Griether Straße Äpfel und Birnen gepflanzt, ihr Vater hat das Sortiment um Sauerkirschen, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren und Johannisbeeren erweitert. Als die Gartenbaumeisterin Fachrichtung Obstbau vor über 25 Jahren den Betrieb Edelobst Raadts übernahm, war für sie aber klar: „Ich wollte mich auf die drei Obstsorten Äpfel, Birnen und Erdbeeren konzentrieren, und das hat gut geklappt.“ Die 57-Jährige weiß also, wovon sie spricht, wenn sie jetzt in der Erntezeit morgens um acht durch die Apfelbaum-Reihen geht und sagt: „Hier wird oben gepflückt, unten gefallen mir die noch nicht. Aber nächste Woche sind sie reif.“

Auf sieben Hektar Land stehen hier 23.000 Apfelbäume. Die Ernte ist im August gestartet, Elstar, Gala und Rubinette lagern schon in der Kühlung. Gerade ist der Trendapfel Wellant an der Reihe, der mit seiner kräftigen Farbe und dem süßen Aroma viele Fans hat. Leicht zu ernten sei er aber nicht, sagt die Fachfrau. Man müsse schon genau hinschauen, um zu sehen, welcher Apfel reif sei und welcher nicht, „und ich will ja Spitzenäpfel abliefern.“ Das wissen auch die acht Erntehelferinnen und -helfer, die hier seit Jahren arbeiten.

Die Äpfel von 23.000 Bäumen müssen gepflückt werden.
Die Äpfel von 23.000 Bäumen müssen gepflückt werden.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Ein kleiner Trecker mit vier Holzkisten im Schlepptau ist in eine Apfelbaumreihe gefahren. Die Pflückerinnen gehen routiniert an die Arbeit und legen die reifen Äpfel in die Kisten. Wenn die tiefen Holzbehälter noch leer sind, ist das der schwierigste Teil der Arbeit. „Es ist für den Rücken schon anstrengend, sich immer in die Kisten zu beugen“, erklärt Annette Raadts. Aber die Äpfel einfach reinkullern zu lassen, kommt halt nicht in Frage – Obst mit Dellen kauft niemand.

Pflücken auf der Arbeitsbühne

Frieda Gruber erntet die Äpfel, die sie auf Augenhöhe anlachen. Die Erntehelferin aus Kalkar muss sich gar nicht recken, um die reifen Früchte der oberen Äste zu pflücken. Das machen die Kolleginnen auf der Arbeitsbühne. Das ist eine fahrbare Plattform, die sich in die Höhe schrauben lässt. Auf dem länglichen Gefährt ernten zwei Pflückerinnen die Äpfel bequem nahe der Baumkrone. Auch den Baumschnitt später im Jahr und das Öffnen und Schließen der Hagelnetze erleichtert das praktische Gefährt.

Die Arbeitsbühne fährt zur nächsten Reihe.
Die Arbeitsbühne fährt zur nächsten Reihe.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Einige Äpfel landen in kleinen grünen Kisten. Die Obstbäuerin erklärt: „Die haben schon am Baum einen Schaden abbekommen, zum Beispiel weil eine Wespe daran geknabbert hat.“ Die Äpfel werden erst gewaschen, dann wird Saft daraus gemacht, der sortenrein im Hofladen verkauft wird.

Führungen für Viertklässler

Während der Erntezeit ist logischerweise viel zu tun, der Arbeitstag der Obstbäuerin hat schon mal zwölf Stunden. Auf den Plantagen, im Lager, im Büro, im Hofladen, an der Verpackungsstation – um alles im Blick zu haben, sei sie eigentlich immer überall, lacht Annette Raadts. Außerdem renoviert sie gerade das Elternhaus, in das sie noch vor Weihnachten einziehen will. Von Stress könne aber keine Rede sein, dafür mache ihr die Arbeit zu viel Freude. „Die Erntezeit ist das, worauf wir das ganze Jahr hinarbeiten. Wenn man dann die Früchte sieht, die man das ganze Jahr gepflegt hat, und sieht, wie sie in die Kiste kommen, dann ist das schon ein schönes Gefühl.“ Das will sie auch den Viertklässlern der Wisseler Grundschule vermitteln, die jedes Jahr zur Apfelerntezeit zu Besuch kommen und bald wieder vor der Tür stehen.

Gutes aus der Region

Annette Raadts mag die Apfelsorten Rubinette und Wellant am liebsten. Ein Apfel am Tag muss mindestens sein, sagt die Obstbäuerin, die 2024 vom Unternehmerinnen-Forum Niederrhein zur Unternehmerin des Jahres gewählt wurde. Mit der Auszeichnung werden unter anderem innovative und nachhaltige Ideen geehrt.

Ausdruck ihres unternehmerischen Einfallsreichtums ist zum Beispiel der große Hofladen: Hier gibt es neben den eigenen Früchten viele regionale Produkte wie Landeier, Wurst und Käse, aber auch Saucen aus dem Xantener Restaurant „Petersilchen“. Und immer wieder Tafeln mit netten Sprüchen: „Sorgen, Falten, Kummerspeck – Äpfel bügeln alles weg!“ Info: raadts-edelobst.de

Annette Raadts, die während der Ausbildung in Neuseeland und in England auf Obstplantagen gearbeitet hat, hat außerdem festgestellt: „Ich habe hier alles, was ich brauche. Ich liebe meinen Beruf, habe ein tolles Team, ich fühle mich hier einfach wohl.“ Zu ihrem kleinen Paradies zwischen Rhein und Baggersee gehört auch ein Tiny-House mit überdachter Terrasse und bequemem Sofa. Das bietet gerade einen guten Blick auf die Apfelbäume, lässt sich aber auch problemlos Richtung See mit Aussicht auf die Wisseler Dünen ziehen. Doch, hier lässt es sich aushalten.

Es hat geklappt: Nach einer Woche mit Sticker ist auf dem Jonagold-Apfel ein Herz zu sehen.
Es hat geklappt: Nach einer Woche mit Sticker ist auf dem Jonagold-Apfel ein Herz zu sehen.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Auf dem Spaziergang durch die Apfelplantage wartet in den hinteren Reihen noch eine Überraschung. Hier hat Annette Raadts vor einer Woche Jonagold-Äpfel mit Aufklebern versehen. Wenn die Äpfel ihre reife, rote Farbe haben, bleibt die Form des Stickers zu sehen.

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„Das habe ich früher häufiger gemacht, auch mit Sprüchen wie ‚Alles Liebe‘ oder ‚Frohe Weihnachten‘. Jetzt wollte eine Bekannte ein paar Herzchen-Äpfel haben und ich habe gesagt, ich versuche mal, ob es klappt.“ Vorsichtig zieht sie den Aufkleber ab, mitten im Apfelrot glänzt wie gemalt ein gelbes Herz. Sieht gut aus, freut sich die Obstbäuerin, „könnte man tatsächlich mal wieder öfter machen.“