„Du kriegst den Werner“, sagt Frank Grün. „Der passt zu dir.“ Frank Grün geht voran zum Alpaka-Gehege. „Jungs, kommt“, ruft er, sobald er im Blickfeld der Tiere ist. Werner, Carlos, Chris und die anderen Alpakas aus dem Kalisto drängen sich an den Zaun und lassen ihren Trainer Frank Grün nicht aus den Augen. Sie machen ein Geräusch, das wie eine sanfte Mischung aus dem Muhen von Kühen und dem Mähen von Schafen klingt. „Die summen“, erklärt Grün, „das machen die immer, wenn die mich sehen.“ Vielleicht wissen sie auch schon, dass zwei von ihnen für die Tour „Chillen mit Alpakas“ im Zechenpark gleich aus dem Gehege dürfen.

Und schon steht Frank Grün mitten im Alpaka-Gehege zwischen den Alpakas, die versuchen, einander wegzudrücken. Jedes möchte direkt bei Grün stehen. „Komm her, Werner.“ Er zieht dem weißen Alpaka ein blaues Halfter an und bindet einen Strick daran. „Hier“, sagt er und reicht den Strick. Werner ist es erst einmal egal, dass er von jemandem gehalten wird, der noch nie einem Alpaka so nah war, geschweige denn eines am Strick geführt hat. Er eilt los zum Rasen außerhalb des Geheges, um ein bisschen zu snacken. 70 Kilogramm wiegt er. Das macht sich durchaus bemerkbar, wenn Werner zeigt, wo er gerade hin will.

Werner trägt an diesem Tag ein blaues Halfter.
Werner trägt an diesem Tag ein blaues Halfter.© FUNKE Foto Services | Thorsten Lindekamp

Wie entspannend ist chillen mit einem Alpaka?

Und schnell stellt sich die Frage: Kann so ein Spaziergang mit dem eigensinnigen Werner entspannend sein? Denn darum geht es bei „Chillen mit Alpakas“. Nach einem rund anderthalb stündigen Spaziergang durch den Zechenpark mit einem Alpaka am Strick soll Stress vergessen sein. „So ein Spaziergang ist wie ein meditatives Nickerchen“, erklärt Frank Grün.

Aber erst einmal soll Werner sich an seine heutige Strickführerin gewöhnen. „Mach mal deine Hand auf“, fordert Grün und legt ein paar Futterpellets auf die Handfläche. Werners Zähne kratzen darüber und ein bisschen Spucke bleibt auch kleben. Apropos: „Spucken Alpakas eigentlich?“ – „Spucken ist ein Kommunikationsmittel. Das heißt so viel, wie: Mach die vonne Fahne. Ich kenne nur Leute, die angespuckt wurden, weil die zwischen zwei Alpakas standen.“ Das ist beruhigend.

Chillen mit Alpakas im Zechenpark

„Chillen mit Alpakas“ eignet sich für Erwachsene und Kinder ab zehn Jahren. Auch Menschen mit Beeinträchtigung sind willkommen. Ein privater Spaziergang mit zwei Alpakas und Guide kostet 149 Euro. Ein Gruppenevent für bis zu sechs Personen kostet mit Guide 249 Euro. Das Erlebnis bietet der Kalisto-Tierpark ganzjährig an. Terminanfragen per E-Mail an alpaka@kalisto-tierpark.de. Weitere Informationen unter www.kalisto-tierpark.de

Also gut, dann los! Erst einmal raus aus dem Tierpark. Aber das passiert zunächst etwas zögerlich. Werner bleibt bei den Schafen stehen und starrt eines der Tiere an. „Hallo, Werner, komm... komm. Werner?“ – „Wenn du stehen bleibst, bleibt Werner auch stehen. Wenn du weitergehst, geht er auch“, sagt Grün. Immer nach vorne schauen und jetzt aber wirklich raus aus dem Tierpark. Mit im Schlepptau ist übrigens auch das jüngste Alpaka der Gruppe, Carlos, das an dem Tag von Michéle von Holten vom Kalisto ausgeführt wird. Werner soll sich schließlich nicht einsam fühlen, wenn er so allein unter Menschen ist.

Ein Alpaka nicht am Kopf streicheln!

Immer weiterlaufen. Und das ist gar nicht so einfach. Denn vor dem Tierpark tummeln sich Kindergartenkinder, die munter auf dem Spielplatz herumspringen. Natürlich bleiben Carlos und Werner nicht lange unbemerkt. „Daaaa“, rufen einige. „Man darf nicht stehen bleiben und den Kindern erlauben, die Tiere zu streicheln“, sagt Grün. „Sonst kommen wir hier gar nicht mehr weg.“

Die Alpaka-Zähne kratzen beim Füttern über die Handfläche.
Die Alpaka-Zähne kratzen beim Füttern über die Handfläche.© FUNKE Foto Services | Thorsten Lindekamp

Aber selbst bei der Tour streicheln ist erlaubt. Mal kurz den Kopf kraulen? Werner weicht aus und zieht ihn weg. „Nee, das mag er nicht“, sagt Frank Grün. „Du musst ihn am Hals anfassen“, erklärt der Alpaka-Trainer. Er fasst um Werners Schulter, zieht ihn an sich und sagt „Na komm“. Weich und flauschig fühlt sich das an. Richtig kuschelig. Kein Wunder, dass die Wolle von Alpakas sehr beliebt ist für Pullover. Einmal im Jahr werden Werner und seine Freunde aus dem Kalisto geschoren. „In Südamerika machen die das nur alle zwei Jahre. Die sagen, die in Europa spinnen“, erzählt Grün. Er selbst hat eine Alpaka-Decke zu Hause. „Das ist einfach genial.“

Alpaka Werner läuft hinter Frank Grün her.
Alpaka Werner läuft hinter Frank Grün her.© FUNKE Foto Services | Thorsten Lindekamp

Es dauert nicht lange, bis Werner nahezu lautlos und federleicht neben einem herläuft. Er zieht nicht am Strick und trottet genügsam neben einem her, passt sich dem Tempo an und ist ganz ruhig. „Alpakas können Muskeln lesen“, erklärt Grün. „Werner passt sich deinem Tempo an.“

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Dann geht es runter vom gepflasterten Weg auf die grüne Wiese. Werner bleibt stehen und frisst gierig Klee. Er schmatzt, ein paar Grashalme hängen aus seinem Maul. Er sieht zufrieden aus. Dabei sollte er nicht gestört werden, er kann ja auch mal bestimmen, wann der Spaziergang weitergehen soll. „Jetzt bist du langsam entspannt“, sagt Grün. Ach ja? Woran sieht er das? „Wie du da stehst und dein Kopf neigt sich leicht zur Seite“, sagt er.

Rund die Hälfte des Weges brauchen die meisten, um sich zu entspannen und sich dem Moment hingeben zu können. „Und auch die Alpakas geben sich hin. Man wird eins mit den Tieren“, sagt Grün. „Die Gedanken ordnen sich und das fördert den Stressabbau. Ein Spaziergang mit den Tieren ist Achtsamkeitstraining.“

Auch für die Alpakas ist ein Spaziergang durch den Zechenpark eine willkommene Abwechslung. Doch bis sie so weit sind und sie mit Menschen, die sie nicht kennen, am Strick spazieren gehen dürfen, müssen sie üben. „Ich versuche, bei jedem Tier den Charakter zu manifestieren und fördere die Eigenheiten.“ Und nach diesem Wissen sucht Grün das passende Alpaka für den jeweiligen Menschen aus, der mit Alpakas chillen will. „Entweder Mensch und Tier spiegeln sich oder haben einen sehr ähnlichen Charakter“, erklärt er.

Lecker! Die beiden Alpakas fressen Frank Grün und Michéle van Holten aus den Händen.
Lecker! Die beiden Alpakas fressen Frank Grün und Michéle van Holten aus den Händen.© FUNKE Foto Services | Thorsten Lindekamp

Werner ist der Anführer der Gruppe und macht gerne sein Ding. Ängstlich ist er nicht. „Wie ängstlich bist du?“, fragt Grün. Nun ja, so durchwachsen ängstlich. Wieso er das wissen will? „Das siehst du ganz am Schluss.“ Die Tour mit den Alpakas neigt sich dem Ende. Werner steht wieder vor dem Gehege, Strick und Halter werden ihm abgenommen.

Baden mit Alpakas

„Und jetzt komm mal her und setz dich auf den Stein im Gehege“, sagt Grün. „Form deine Hände zu einer Schale!“ Er legt eine große Portion Futterpellets rein. Mindestens fünf Alpakahälse drängen sich an die Handschale und kratzen gierig mit ihren Zähnen die Futterpellets herunter. Huch. Das ist ganz schön wild. Die Haare sind vollkommen verwuschelt. Schnell aufstehen. Das Futter ist vernichtet.

Tschüss Werner! Es war schön! „Gehen wir noch einen Kaffee trinken?“, fragt Grün. Na klar. „Das mache ich immer so nach den Alpaka-Touren“, erklärt er. Er setzt sich gerne zu den Leuten und plauscht noch ein bisschen mit ihnen. Und wenn man so da sitzt und Frank Grün über Alpakas erzählen lässt, gerät die Zeit aus dem Fokus. Und so soll es ja auch sein, nach so einem chilligen Ausflug mit Werner. Der Stress ist früh genug wieder zurück.