Schon was vor im neuen Jahr? Angela Yvette Richter hat eine spannende Idee für Frauen, die kurz vor der Rente stehen oder das Arbeitsleben schon hinter sich gelassen haben. Sie war vor zwei Jahren als Leihoma in Arizona und hat drei Monate lang ein Baby gehütet. Eine tolle Zeit, sagt die 65-Jährige. „Es ist keine Touristentour, man ist mitten im Leben drin und guckt über den Tellerrand, das ist genau, was ich wollte.“ Und nächstes Jahr soll es wieder losgehen. Irland lockt.
Dass die Krefelderin gerne die Welt erkundet, sieht man schon beim ersten Blick ins Wohnzimmer. Der Fernseher wird von einer Leinwand mit australischem Strand verdeckt. Ein Bildband der Insel La Reunion lehnt ans Sofa. Auch die Wände und Regale sind mit Erinnerungen an Reisen geschmückt.
Eine Frau mit vielen Hobbys
Angela Yvette Richter hat bis Ende Juli 2023 als Personalchefin in einem mittelständischen Unternehmen gearbeitet. Sie ist eine Frau mit vielen Hobbies: Sie fährt Rennrad, macht Kraft- und Ausdauersport, paddelt gerne und spielt Querflöte. Dann ist da noch der große Garten, der gepflegt werden will. Eigentlich genug Dinge, um sich nach dem Ausstieg aus der Arbeitswelt zu beschäftigten. Aber für den Start in den Ruhestand hatte Angela Yvette Richter sich etwas Besonderes ausgesucht: „Ich hatte vor Jahren einen Artikel über eine Frau in Kempen gelesen, die als Granny Aupair unterwegs war. Ich wusste, wenn ich in Rente bin, ist das das Erste, was ich mache.“ Und so kam es auch.

Das Projekt Granny Aupair hat die Hamburgerin Michaela Hansen vor 15 Jahren ins Leben gerufen. Das Online-Portal vermittelt „Leihomas“ ins Ausland. Inzwischen werden die Frauen in über 50 Länder vermittelt. Eigentlich hatte Angela Yvette Richter den europäischen Norden im Sinn gehabt: Irland, Island oder die Lofoten. Aber da war das Angebot zu dem Zeitpunkt eher spärlich und beim Blättern durch die Familien, die eine Granny suchten, blieb sie an Katie, Nick und Baby Callum aus Tuba City in den USA hängen.
Granny Angela erlebt Thanksgiving
„Das hat sofort gepasst“, erinnert sie sich an das erste Telefonat mit den Amerikanern, die ebenso wie sie Vegetarier sind. Also hat sie die Koffer für drei Monate Arizona gepackt. Aber was muss da alles rein? „Ich habe für alle Jahreszeiten gepackt“, lacht die Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Alles von kurzen Hosen bis zum Wintermantel musste mit. Auch ein schickes Outfit für den wichtigsten Feiertag in den USA, Thanksgiving, war dabei.

Die Krefelderin tauchte in eine für sie neue Welt ein und fand es herrlich. Die Eltern des Babys, das liebevoll Sweet Pea (süße Erbse) genannt wurde, haben sie herzlich aufgenommen. Die beiden haben damals schichtweise in einem nahegelegenen Krankenhaus gearbeitet und ihr das Baby sofort anvertraut. Granny Angela war oft stundenlang allein mit Sweet Pea und hat es genossen, denn der Kleine war ein pflegeleichtes Kind und hat viel geschlafen. „Ich hätte nicht im Haushalt helfen müssen, hab es aber trotzdem gemacht, weil ich ja viel Zeit hatte.“ Vollkornbrot habe sie gebacken, von dem die Gastgeber schwärmten. Nur mit dem Staubsauger („ein Höllengerät!“) stand die Niederrheinerin auf Kriegsfuß.
So klappt es mit den Enkeln auf Zeit
Man sollte offen sein und mit wenig Erwartungen starten, rät Angela Yvette Richter. Dann könne eigentlich nichts schiefgehen. Um Leihoma im Ausland zu werden, ist eine Mitgliedschaft bei Granny Aupair nötig. Wer sich zum Beispiel für drei Monate (195 Euro) anmeldet, kann in dieser Zeit Kontakt zu Familien aufnehmen, die dort registriert sind. Und ein eigenes Profil anlegen, auf das sich dann interessierte Familien melden können. Hilfen dazu gibt es auf der Internetseite granny-aupair.com.
Dort steht auch, dass die Reisekosten selbst übernommen werden müssen, viele Familien sich aber daran beteiligen oder diese ganz übernehmen. Diese Erfahrung hat auch die Krefelderin gemacht. Ihre Gastfamilie hat Flüge und alle weiteren Kosten bezahlt.
Und immer noch blieb genug Zeit, sich mit Kinderwagen in der Gegend umzuschauen und die Menschen in Tuba City kennenzulernen. Ihr Englisch sei anfangs ausbaufähig gewesen, „aber ich bin da auch sehr hemmungslos und rede, was mir einfällt.“ Tuba City ist ein wichtiges kulturelles Zentrum innerhalb der Navajo Nation. Die Stadt selbst ist eher öde und karg, liegt aber in einer traumhaften Region. Weite Wüstenlandschaften, Coal Mine Canyon erinnert an den farbenprächtigen Bryce Cannon und Monument Valley ist auch nicht weit.
Viele spannende Begegnungen
Immer wieder ging es auch auf einen wöchentlichen Markt im Ort. Dort kaufte Angela Yvette Richter Schmuck, Schalen und gewebte Bilder von Navajo-Frauen und kam mit ihnen ins Gespräch. Beeindruckend sei das gewesen, sagt die Krefelderin. Man habe über Angela Merkel, Gesundheitssysteme und Naturverbundenheit gesprochen, aber auch über Alltägliches wie Haare färben. Besonders gefreut hat sie die Aufforderung, mal bei einer traditionellen Veranstaltung dabei zu sein: die 53. Annual Western Navajo Fair, ein Fest, bei dem sich viele Navajo-Familien treffen. „Ich habe da ganz tolle, offene und interessierte Menschen kennengelernt“, resümiert die 65-Jährige.

Auch mit Nick und Katie und ihren Familien wurde gefeiert. Die beiden haben viele Ausflüge mit der Leihoma gemacht, zu Coal Mine Canyon und Antilope Canyon, nach Flagstaff und Phoenix. Highlight seien aber die Besuche bei den Familien der beiden gewesen. Thanksgiving mit Truthahn und Taufe von Callum in New Jersey zu feiern, sei schon ein besonderes Geschenk gewesen. Der Abschied nach drei Monaten war dann tränenreich. Aber Weihnachten wieder zu Hause bei ihren Kindern zu sein, das wollte die Krefelderin nicht verpassen.
Sie habe einiges über sich in dieser Zeit gelernt, sagt Angela Yvette Richter. „Alle haben vorher gesagt, was ich mache, sei so mutig, das fand ich gar nicht. Im Nachhinein habe ich gemerkt: Doch das war schon mutig. Die Zeit als Granny Aupair hat mir gezeigt, was ich alles kann.“ Nächstes Jahr im Herbst soll es dann Irland werden. Warum erst so spät im Jahr? Zum einen, weil sie die sonnigen Monate gerne in ihrem Garten am Niederrhein verbringt. Und außerdem: „Sommer kann jeder!“


