Vor einer der kleinen Flüchtlingswohnungen leuchtet ein heller Hoffnungsschimmer. Wortwörtlich. Denn Adib Khalil hat zur Begrüßung ein Gemälde auf die Staffelei gestellt, auf dem eine Sonne schon von Weitem strahlt. „Die bedeutet Freiheit“, sagt der 65-Jährige. Freiheit und Frieden – mit diesen Themen beschäftigt er sich immer und immer wieder in seinen Werken, seit er aus Syrien geflüchtet ist. Zehn Jahre ist das nun her, sagt er kurz darauf am Küchentisch, auf dem bereits Kekse und Bonbons liegen. Espresso könnte er auch noch anbieten? Er lächelt. Und dann erzählt er von seinem Leben in Hama, seiner Flucht nach Deutschland und seiner Leidenschaft, zu der er erst wieder hier, in dieser winzigen Wohnküche, fand.
Denn eigentlich, das sagt Adib Khalil, begleitet ihn die Kunst schon seit seiner Kindheit. Sein Vater besaß eine antike Sammlung, seine Mutter schuf prachtvolle Stickereien. „In unserem Haus war immer alles voller Kunst“, erinnert er sich. Moment, er kann auch einige Bilder auf seinem Handy raussuchen... Stolz zeigt er die traditionellen Gewänder mit aufwendigen Mustern, die seine Mutter gemacht hat. Und jetzt, im direkten Vergleich, erinnern die zarten Punkte auf seinen eigenen Bildern tatsächlich an gestickte Arbeiten... Er nickt. „Nur hat meine Mutter Garn benutzt und ich benutze Farben“, antwortet er. Und auch der Vogel, der auf ihren Kleidungsstücken oft auftaucht, findet sich auf seinen Kunstwerken wieder.
Ausstellungen in Syrien – bis zum Krieg
Wobei das auch noch einen anderen Grund hat, erklärt Adib Khalil. „Ich bin Agraringenieur und habe alle Tiere studiert: Vögel, Kühe, Pferde, Hunde...“ Er blickt auf eines seiner Bilder, das an der Wand hängt. „Ich mag Tiere!“ Deshalb tauchen sie ständig auf – nie als Einzelportrait, sondern stets als ein Teil vom Ganzen. Und so viel gibt es auf jedem Bild zu entdecken! Da sind ebenjene Tiere, aber auch geflügelte Wesen, tanzende Figuren, wilde Muster und über allem liegen die feinen Punkte. „Die sumerischen, assyrischen und ägyptischen Zivilisationen sind für mich eine Quelle der Inspiration“, sagt er. Und eine Lieblingsfarbe hat er auch, oder? Er lacht. „Ja, meistens nehme ich Blau oder Türkis“, sagt er, „aber in Syrien habe ich eher mit braunen Farben gemalt.“

So wie beim kubistisch anmutenden Portrait einer Frau, auf das er nun deutet. Übrigens, fällt ihm dann ein, „ich hatte meine erste Ausstellung schon mit 13 Jahren.“ Später folgten noch viele weitere Einzel- und Gruppenausstellungen in Syrien. Doch dann kam der Krieg. „Und ich konnte fünf Jahre lang nicht malen“, erzählt er. Weil er große Angst hatte. Weil er voller Trauer war. Seine zwei Schwestern starben. Und seine geliebte Mutter. „Ich hatte Depressionen“, sagt er. Die ließen keinen Raum für Kreativität. 2015 floh er gemeinsam mit seinem Sohn aus Syrien. „Türkei, Griechenland, Serbien, Nordmazedonien...“, zählt er die Länder auf, die sie innerhalb von zwei Wochen durchquerten.
Als das Boot vor der Insel kenterte
Dabei hatten sie viel Glück, das weiß Adib Khalil heute. „Wir haben survived“, sagt er. Ja, sie haben überlebt – anders als die 17 Menschen, die mit ihnen in dem winzigen Boot saßen, das vor einer griechischen Insel kenterte. „Das Boot war nur für 20 Leute“, erzählt er, „aber wir waren 50.“ Das wird er nie vergessen. Ebenso wenig wie das erste Mal, als er nach fünf Jahren wieder zum Pinsel griff. Hier, er nimmt einen Stein in die Hand, „das war meine erste Zeichnung in Deutschland.“ Kleine Fische schwimmen durch geometrische Formen... „Ich wusste am Anfang noch nicht, wo ich Kunstmaterialien kaufen konnte“, erklärt er. Also benutzte er das, was da war: Kaffee, Asche und... „Rote Beete“, sagt er und zieht ein Portrait von einer Frau hervor.

Die Augen sind geschlossen. „Das ist eine Frau, die im Krieg gestorben ist und die ich im Fernsehen gesehen habe“, erklärt Adib Khalil. Das Thema beschäftigt ihn jeden Tag. Seine Frau und eine Tochter sind 2019 ebenfalls nach Deutschland gekommen, doch zwei seiner Töchter waren damals bereits über 18 Jahre alt und leben noch immer in Syrien. Eine Rückkehr in seine Heimat bleibt dennoch, zumindest in der derzeitigen Situation, für ihn ausgeschlossen. „Ich habe Angst“, sagt er. Deshalb malt er Bilder gegen den Krieg und für den Frieden. „Es sind viele Bilder, aber eine Nachricht“, so fasst er es zusammen, „die Kunst soll Hoffnung machen.“ Über 3000 Werke hat er bereits geschaffen.

Rabatt auf dem Xantener Weihnachtskunstmarkt
Xantener Weihnachtskunstmarkt
Inmitten der festlich geschmückten Altstadt erwartet Besucherinnen und Besucher beim Xantener Weihnachtsmarkt am Samstag und Sonntag, 6. und 7. Dezember, jeweils von 11 bis 18 Uhr ein stimmungsvolles Ambiente voller Kreativität. Kunstschaffende aus der Region präsentieren ihre Werke – von Malerei, Skulpturen und Holzobjekten über Schmuck und Tonkunst bis hin zu Accessoires.
Neben Adib Khalil sind im historischen Rathaus auch viele andere Künstlerinnen und Künstler dabei – darunter beispielsweise Paul Hüls mit seinen Unikaten aus Stahl, Caro Knümann mit ihren Claydreams Keramiken, Gerald Kurz mit seiner Lampenmanufaktur, Heidi Perc mit ihrer Acrylmalerei, Britta Salm mit ihrem Silberschmuck oder Susanne Scheepers mit ihren Hüten.
Wo die alle sind? Adib Khalil lacht. „In der Evangelischen Kirche in Wesel“, antwortet er. Aber tatsächlich ist das auch ein Problem. „Ich kann seit zwei Jahren nicht mehr malen, weil ich keinen Platz mehr habe“, sagt er. Deshalb ist er aktuell auf der Suche nach einem Atelier in einer größeren Stadt. Und noch einen Wunsch hat er: Dass er auf dem Xantener Weihnachtskunstmarkt viele Bilder verkauft! „Es gibt einen Rabatt von 50 Prozent“, betont er. Dann kann er auch in seiner winzigen Wohnküche endlich wieder malen, malen, malen...


