Werner Kisters öffnet mit einem breiten Lächeln die Tür zu seiner Wohnung. „Na, dann kommt mal rein!“ Bevor er es sich in seinem Ledersessel gemütlich macht, sucht er nur schnell seine Mundharmonika... „Wo ist die nochmal?“ Aber gut, sagt er, „man wird ja auch nur ein Mal 100 Jahre alt.“ Da darf man ruhig mal Sachen verlegen. Und hier ist sie auch schon! Er setzt das Instrument an seine Lippen und beginnt eine fröhliche Melodie zu spielen. „Ja“, erklärt er dann, „ich bin so ein Typ, der gern andere Menschen zum Lachen bringt.“ Das hat er wahrscheinlich von seiner Mutter geerbt und nie verloren – auch nicht in den schweren Zeiten seines turbulenten Lebens.
„Ich bin ein richtiger Niederrheiner“, betont Werner Kisters. Geboren und aufgewachsen ist er in Krefeld, genauer gesagt in Oberdießem, „der lustigsten Ecke von Krefeld“, wie er sagt. An der Volksschule hat er bei seinen Kameraden für gute Laune gesorgt, „alles andere war nicht so wichtig.“ Dennoch ist er immer durchgekommen, ist nie sitzengeblieben. „Und in zwei Fächern war ich sehr gut: Musizieren und Turnen“, erzählt er. „Das steckt in mir drin.“ Und so nahm er auch als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg seine geliebte Mundharmonika mit, auf der er an Weihnachten im verschneiten Schützengraben „Stille Nacht“ spielte. Doch als er nach Kriegsende in russische Kriegsgefangenschaft geriet und nach Stalingrad verschleppt wurde, verlor er sein Instrument.
Krefelder Paar war 65 Jahre verheiratet
Kurz wird Werner Kisters nachdenklich. „Das war schlimm!“ Immerhin gibt ihm die Musik bis heute Kraft. „Wenn ich singe, bin ich froh!“, fasst er zusammen. Als sein Sohn starb und auch als er seine Frau vor 14 Jahren verlor, holte er jedes Mal seine Mundharmonika raus und spendete sich selbst damit Trost. Wobei ihm die Trauer noch immer deutlich anzumerken ist. „Meine Frau war eine Seele von Mensch“, erzählt er. Nachdem er aus Stalingrad zurückgekommen war, wohnte sie im selben Haus wie er. Und ja, er war sofort verliebt. „Bei ihr dauerte es etwas länger“, sagt er. Aber das versteht er auch. „Ich hatte ja kein Geld und auch keinen Job.“ Er schulte zum Betonbauer um und schon bald folgte die Hochzeit.

Dort drüben, an der Wand, hängt ein großes Foto vom verliebten Paar, auf das Werner Kisters von seinem Sessel aus direkt schauen kann. 65 Jahre waren sie verheiratet und fünf Kinder haben sie bekommen. „Es war immer viel los bei uns“, sagt er. Da fällt ihm beispielsweise das ein oder andere Weihnachtsfest ein, an dem er gern die Lieder aus seiner Kindheit gehört hätte. Aber seine jugendlichen „Burschen“, wie er sie liebevoll nennt, bevorzugten Rockmusik... „Manchmal war es schwer, zu meinem Ich zu finden“, sagt er. Und doch, alles in allem, hatte er ein glückliches Leben. Mittlerweile gehören zur Familie auch noch 15 Enkel und 10 Urenkel. Wenn alle zusammenkommen, ist die Bude voll!
Es gibt auch traurige Momente: „Keiner ruft mehr an“
Aber Werner Kisters weiß auch, dass jeder sein eigenes Leben führt und nicht ständig zu Besuch kommen kann. Das ist völlig in Ordnung für ihn, versichert er. „Ich habe hier ja genug zu tun!“ Regelmäßig geht er rüber zum Altenheim, um dort den Menschen etwas auf seiner Mundharmonika vorzuspielen. „Wenn ich sehe, wie die alten, teils demenzkranken Menschen dabei lächeln, ist das für mich die größte Freude“, erklärt er. „Dann denke ich, dass ich ja doch noch zu was zu nutze bin.“ Denn natürlich gibt es auch Momente, in denen er trotz seines Humors einfach die Traurigkeit spürt. „Keiner ruft mehr an. Das ist wirklich schlimm“, sagt er leise. „Alle meine Schulkameraden und Freunde sind tot.“

Wenn ihn diese Erkenntnis überkommt, spielt Werner Kisters seine eigenen CDs ab. Gerade erst ist seine fünfte erschienen – mit Liedern seines Lebens. „Wenn ich die höre, bin ich wieder mit allen verbunden“, erklärt er. Den Erlös spendet er zu 100 Prozent an das Stups Kinderzentrum in Krefeld, das sich um schwerstkranke und behinderte Kinder kümmert. Ein Buch hat er auch noch geschrieben, „Mit Humor“ ist der Titel, dessen Erlös ebenfalls an Stups geht. Eigentlich, überlegt er, hat er doch alles erreicht. „Ich bin nur sehr neugierig“, verrät er, „und ich würde noch gern sehen, wie sich alle so entwickeln.“ Zumindest kann er schon jetzt ihnen, und auch allen anderen, einen Tipp fürs Leben geben: „Sich selbst nicht so furchtbar ernst zu nehmen!“
Spenden für Tups
Werner Kisters wünscht sich selbst nichts zum Geburtstag, sondern freut sich über Spenden an das Stups Kinderzentrum. DRK – Schwesternschaft Krefeld e.V., Volksbank Krefeld, IBAN: DE92 3206 0362 0000 0543 21, BIC: GENODED1HTK
Weitere Infos zur Arbeit des Stups Kinderzentrums: www.drk-schwesternschaft-kr.de/stups-kinderzentrum
Hat er selbst denn noch einen Wunsch zum 100. Geburtstag? „Stell einfach ein Motorrad vor die Tür!“ Werner Kisters grinst. Das ist natürlich Quatsch. „Ich brauche nix mehr!“ Wobei, sagt er dann: „Ich würde gern nochmal nach Bad Zwischenahn.“ Vielleicht fährt ihn irgendwann einer seiner Söhne dorthin. Seinen Geburtstag am 14. Dezember feiert er übrigens mit seinen Kindern. Ursprünglich hatte er geplant, eine riesige Party mit einem eigenen Programm zu schmeißen. Bis ihm ein Gedanke kam: „Ja, bin ich denn bekloppt? Ich habe doch Geburtstag!“ Er lacht. Doch dann, kurz vor Ende des Gesprächs, setzt er wieder seine geliebte Mundharmonika an und spielt sich selbst ein kleines Ständchen: „Zum Geburtstag viel Glück!“


