In Städten wie Düsseldorf, Essen oder Duisburg gibt es seit Jahren Streit um die offene Drogenszene und den Umgang mit suchtkranken Menschen. Grenzt man sie aus oder integriert man sie? Bietet man Konsumräume an oder reagiert man mit Repression?

Prof. Dr. Daniel Deimel, Gesundheitswissenschaftler und Suchtforscher aus Köln, der an der Technischen Hochschule Nürnberg lehrt, spricht im Interview mit der NRZ darüber, welche Vorbilder es für NRW gibt und wie die Drogenpolitik weiterentwickelt werden muss.

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Viele Hilfsangebote, doch weiter viele Probleme: Crack überschwemmte die Drogenszenen

Wie ist der aktuelle Stand der Drogenpolitik?

Suchterkrankungen sind eine der am häufigsten aufkommenden psychischen Erkrankungen und sie sind sehr stigmatisiert. Es gibt verbreitete negative Narrative über „den Cracksüchtigen“ oder „den Heroinkonsumenten“, es wird abwertend von „Zombiedrogen“ oder von „Junkie“ gesprochen.

Was die Suchthilfe angeht, haben wir im internationalen Vergleich ein gutes System. Es gibt Beratungsstellen und Entgiftungen in psychiatrischen Fachkliniken oder suchttherapeutische Angebote. Für Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben, gibt es Kontakt- und Anlaufstellen. Dort bekommt man etwas Warmes zu essen, sterile Konsumutensilien und sozialarbeiterische Unterstützung.

Wenn man sich die offenen Drogenszenen in Westdeutschland anschaut, waren sie überwiegend geprägt durch Heroin. Daran war auch die Suchthilfe ausgerichtet. Eine Behandlungsoption ist zum Beispiel die substitutionsgestützte Therapie. Es wird ein Ersatzmedikament gegeben, wie Methadon oder Polamidon. Dadurch kann auch wieder eine soziale Integration stattfinden mit Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das ist der weltweite Goldstandard in der Behandlung von Opioidabhängigkeit.

Welche Probleme sehen Sie?

Aktuell kommt immer mehr Kokain auf den europäischen Markt und wird in offenen Drogenszenen zu Crack verarbeitet. Für diese spezifische Suchterkrankung gibt es keine Substitutionstherapie. Es gibt kein zugelassenes Medikament. Zum anderen ist die Suchthilfe eine kommunale Leistung, die nicht verpflichtend ist. Wenn Kommunen finanziell mit dem Rücken an der Wand stehen, ist auch die Suchthilfe lokal sehr eingeschränkt.

Anders als in anderen Bundesländern haben wir in NRW Konsumräume. Das sind Einrichtungen, in denen selbst mitgebrachte Drogen unter medizinischer Aufsicht konsumiert werden können. Das ist ein steriles und ruhiges Umfeld. Damit werden Leben gerettet, weil den Menschen im Notfall Erste Hilfe geleistet werden kann. Zudem wird der öffentliche Raum entlastet, weil sich der Konsum in die Einrichtung verlagert.

Auch da kommen wir ein Stück weit an Grenzen, weil Crack eine andere Dynamik mit sich bringt. Und was fehlt, ist, dass der Mikrohandel – also das Dealen zwischen Konsumenten – in den Einrichtungen toleriert wird. So macht man das zum Beispiel in Zürich, und dadurch wird der öffentliche Raum nachhaltig entlastet.

Wie Crack die Drogenszenen erobert hat

In den vergangenen Jahren breitete sich die Nutzung der Droge Crack in den offenen Drogenszenen in NRW und ganz Deutschland aus. Viele, die zuvor Heroin konsumierten, stiegen auf die aus Kokain hergestellten Steinchen um.

Das hat mehrere Ursachen, wie Suchtforscher Daniel Deimel erklärt. Mit dem Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-Rebellen 2016 sei es zu einer Explosion des Kokainanbaus gekommen. Dadurch ist viel von der Droge in Europa verfügbar. 2023 haben die Taliban in Afghanistan die Schlafmohnfelder niedergebrannt, wodurch es weltweit viel weniger Heroin gibt. Heroin wird aus Opium hergestellt.

Während der Pandemie seien die Drogenszenen zudem stark belastet gewesen, da Hilfsangebote stark eingeschränkt gewesen seien. Dadurch seien viele Konsumenten auf das aus Kokain produzierte Crack umgestiegen, um diese Situation zu ertragen.

Was unterscheidet das Zürcher Modell von anderen Ansätzen wie dem Frankfurter Weg?

Zürich hatte in den Neunzigerjahren Europas größte offene Drogenszene. Da haben mehrere tausend Menschen unter elenden Bedingungen im öffentlichen Raum gelebt und Heroin konsumiert. Damals gab es noch keinen Spritzentausch, keine Substitutionsbehandlung, keine Konsumräume. Erst mal hat man repressiv reagiert, also mit Verdrängung, mit Verboten, mit Polizeikontrollen. Das hatte alles nur mäßigen Erfolg. Daher hat es ein Umdenken gegeben und man ging dazu über, pragmatische Hilfe zu leisten. Dabei ging es um Überlebenssicherung, Menschenwürde und Schadensminderung.

Ein zentraler Baustein heute ist, dass der Mikrohandel in den Einrichtungen toleriert wird, um den öffentlichen Raum zu entlasten. Denn die Drogen müssen irgendwoher kommen. Und wenn man den Leuten verbietet, ihre Substanzen unter Konsumenten miteinander zu teilen, kommen sie nicht mehr in die Einrichtung und es verlagert sich wieder alles in den öffentlichen Raum.

Aus einer ähnlichen Zeit stammt der Frankfurter Weg. Dort hatte man es nicht nur mit Heroin zu tun, sondern auch schon lange mit Crack. Daher hat man die niedrigschwelligen Hilfen in den Neunzigern massiv ausgebaut. Aber das Modell stößt an gewisse Grenzen, was die Konflikte im öffentlichen Raum angeht. Die Verelendung ist weiterhin sichtbar.

Prof. Dr. Daniel Deimel im Interview über die Drogenpolitik in NRW
Prof. Dr. Daniel Deimel im Interview mit der NRZ über die Drogenpolitik in NRW-Städten und den Umgang mit Suchtkranken.© Daniel Deimel | Daniel Deimel

Anwohner wollen keine Suchthilfe nebenan: Kommunen müssen entscheiden

Oft gibt es Streit um Suchthilfe in der Nachbarschaft. Wie geht man damit um?

Diese Situation sehen wir in vielen Städten. Viele Leute sind dafür, dass suchtkranken Menschen geholfen wird, „aber bitte nicht bei mir vor der Haustür“. Da kommen Sorgen auf, was passieren könnte, dass sich das negativ auf das Quartier, auf die Lebensqualität auswirken könnte. Teils sind diese Ängste real, denn natürlich verändert sich etwas durch eine solche Einrichtung. Auf der anderen Seite gibt es aber viele irrationale Ängste.

Da muss gut kommuniziert werden. Bürgerbeteiligungen sind ein zentraler Bestandteil davon. Aber am Ende muss eine Kommune handlungsfähig sein und Entscheidungen treffen, dass so eine Einrichtung betrieben wird. Wenn das permanent verunmöglicht wird durch Anwohnerproteste, kommt man nicht weiter.

Gerade diese niedrigschwelligen Suchthilfeeinrichtungen müssen da sein, wo die Drogenszene ist, sonst werden sie nicht genutzt. Das ist eine Herausforderung, im innerstädtischen Bereich Räume zu finden, wo man ein Suchthilfezentrum oder einen Konsumraum entwickeln kann.

Es braucht aber auch abgestimmte Gesamtkonzepte. Eine Einrichtung allein reicht nicht, denn die Probleme sind vielschichtig. Man muss Notschlafstellen und Unterkünfte haben, wo der Drogenkonsum toleriert wird, damit die Menschen von der Straße kommen. Man braucht weiterführende Hilfen und eine gute sozialpsychiatrische Versorgung. Das kostet sehr viel Geld und ist eine große Herausforderung, aber wir kommen nicht drumrum. Das ist der einzige Weg, der diese Probleme nachhaltig löst.

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Wie kann man den Menschen ihre Sorgen nehmen?

Dialogformate mit Betroffenenbeteiligung, wie es Fifty-Fifty in Düsseldorf gemacht hat, bauen Barrieren und Hemmnisse ab. Ein Tag der offenen Tür in solchen Einrichtungen auch.

„Drogenkonsumraum“ klingt für jemanden, der damit nichts zu tun hat, verrückt, und es entstehen Bilder im Kopf, man denkt vielleicht an Christiane F., weil man den Film mal gesehen oder das Buch gelesen hat. Oder man denkt, jemand, der Crack raucht, ist permanent aggressiv und nicht mehr ansprechbar.

Das ist aber bei weitem nicht der Fall. Man kann mit diesen Menschen arbeiten. Die Situation hat sich durch Crack natürlich verändert. Aber gerade dann ist es wichtig, ins Gespräch zu kommen.

Was muss in der Drogenpolitik in NRW passieren?

Es muss viel Geld in die Hand genommen werden, um diese niedrigschwelligen Suchthilfen weiterzuentwickeln und auszubauen. Ich würde mir wünschen, dass es einen städteübergreifenden Austausch und eine Konzeptentwicklung gibt. Aber schlussendlich müssen die Städte Druck auf Bund und Land ausüben, damit die Finanzierung besser gewährleistet wird.

Und es gibt Überlegungen in Düsseldorf und Köln, diesen Mikrohandel in die Einrichtung zu verlagern. Ich glaube, das ist ein ganz zentraler Punkt, dass solche Modelle jetzt gefahren werden. Wir müssen aber auch die Prohibition von Kokain hinterfragen. Durch die aktuelle Drogenpolitik schaffen wir den Markt für die organisierte Kriminalität und verhindern die Abgabe von Kokain an Schwerstabhängige. Offene Drogenszenen sind kein Naturphänomen, man kann die Konflikte und Problemlagen auflösen, wenn es den politischen Willen dazu gibt und den Mut, neue Wege zu gehen.