Während in den Nachrichtentickern Bilder von Raketen, Rauch und Trauerzügen aus dem Iran laufen, versucht Said Boluri aus Duisburg Worte für ein Gefühl zu finden, das ihn seit dem Wochenende begleitet: eine Mischung aus Erleichterung, Angst und tiefer Erschöpfung.

Seitdem greifen Israel und die USA den Iran an. Ein Angriff, der laut vielen Völkerrechtsexperten völkerrechtswidrig ist – selbst wenn er sich gegen die Diktatur in Teheran richtet. Im Visier dieser Angriffe stehen unter anderem militärische Infrastruktur sowie Vertreter der politischen Führung. Irans oberster Führer, Ajatollah Ali Chamenei, wurde am Samstag bei einem Angriff getötet. Dabei wurden auch zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen getroffen.

Die Menschen sind dafür, dass die Mullahs weg sind. Und ich glaube, sie greifen nach jedem Strohhalm, der den Mullahs im Iran schadet.

Said Boluri, Sozialwissenschaftler aus Duisburg

44.300 iranische Staatsangehörige leben in NRW

Said Boluri ist 47 Jahre alt, Sozialwissenschaftler und Buchautor. Seit Anfang der 1990er-Jahre lebt er in NRW. Er ist im Iran geboren und seine Biografie ist eng verwoben mit der Gewalt des Regimes: „Meine Mutter war politische Gefangene. Mein Vater war in der Armee und ist geflüchtet“, erzählt er. Die Diktatur hat seine Familie geprägt – lange bevor er selbst das Land verließ.

In NRW leben aktuell knapp 44.300 iranische Staatsangehörige. Davon besitzen mehr als 10.200 Personen ein Aufenthaltsrecht aus völkerrechtlichen, humanitären oder politischen Gründen. Außerdem besitzen mehr als 3.400 Personen eine Aufenthaltsgestattung. Dabei handelt es sich um Asylsuchende, die einen Antrag auf Asyl in Deutschland gestellt haben und sich im laufenden Asylverfahren befinden, bis über ihren Antrag entschieden ist. Zudem leben im Bundesland knapp 1.944 ausreisepflichtige Iranerinnen und Iraner, von denen etwa 1.791 eine Duldung, also ein Abschiebeverbot, haben.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Chamenei wurde getötet: „Kein Tag wie jeder andere.“

Bis zum Samstagmittag hat Said mit Freunden in Mashhad, Teheran und Karaj geschrieben, bevor das Internet abgeschaltet wurde. Sie schrieben mit einem Augenzwinkern: „Wenn wir überleben, reden wir danach nochmal und hoffentlich stürzt das Regime.” Als die Meldung vom Tod des iranischen Führers Ali Chamenei kam, war es für ihn „kein Tag wie jeder andere“. Chamenei sei für ihn immer „das Symbol der Diktatur“ gewesen: „Er hat alles kontrolliert – Religion, Gewaltenteilung, alles.“

Doch Said spricht von einem Leben „zwischen diesen Gefühlen“: dem Wissen, dass durch den Krieg Menschen sterben, und der gleichzeitigen Freude, wenn das Regime weg ist. Eine „Komplexität der Gefühle“, die die iranische Gesellschaft seit Jahren begleitet – und die er auch in der Exilgemeinschaft in NRW wiederfindet.

Said und viele andere Iranerinnen und Iraner wissen genau, dass die Israelis und die Amerikaner ihre politischen Interessen im Iran verfolgen. Die Menschen im Iran seien jedoch nicht „für den Krieg“. Was sie aber wollten, sei unmissverständlich: „Die Menschen sind dafür, dass die Mullahs weg sind. Und ich glaube, sie greifen nach jedem Strohhalm, der den Mullahs im Iran schadet.“

Said Boluri ist ein aus Duisburg stammender Deutsch-Iraner und Sozialwissenschaftler sowie Buchautor.
Said Boluri ist ein aus Duisburg stammender Deutsch-Iraner und Sozialwissenschaftler sowie Buchautor. © Privat | Handout

Iranerin erlebt zwiespältige Gefühle nach Chameneis Tod

Auch Mahtab B. verurteilt vor allem die Angriffe. Obwohl sie sich sehr darüber freut, dass Chamenei getötet wurde. „Das ist ein sehr, sehr komplexes Gefühl. Einerseits freue ich mich darüber, dass der Diktator getötet wurde. Andererseits empfinde ich aber auch wieder sehr viel Trauer und Wut, weil wir ihn nicht selbst zur Rechenschaft bringen konnten“, sagt die Iranerin.

Mahtab B., die ihren vollen Namen nicht im Bericht lesen möchte, lebt seit über sechs Jahren in Deutschland. Sie studiert Sozialwissenschaften in NRW und hat immer noch Familie im Iran, darunter ihren Vater. Seit Samstag hat sie mit ihm allerdings keinen Kontakt mehr. Mit Freunden im Iran kann sie zwischendurch Kontakt aufnehmen, „wenn sie Internet haben“.

Während Mahtab hier für Prüfungen lernt, wird ihre Heimatstadt bombardiert. Teheran, dort liegen die Straßen ihrer Kindheit, die Orte, an denen ihre Erinnerungen hängen. Ihre Freunde erzählen ihr von der Massivität der Angriffe, von bombardierten Krankenhäusern und Schulen. „Es fühlt sich natürlich sehr, sehr schrecklich an. Ich muss auch sehr viel an die Menschen in Gaza und im Libanon denken, die auch vorher schon sehr viel Krieg erlebt haben“, sagt die 29-Jährige. Sie könne deshalb nicht verstehen: „Wie kann man sich darüber freuen, dass Mitmenschen bombardiert werden?“

Iranerin aus Bonn: Militärische Angriffe führen nicht zu Demokratie

Für Shorah A. aus Bonn ist klar, dass vor allem bei diesen Angriffen Zivilisten leiden, die bereits zuvor Opfer des Regimes waren und nun zusätzlich Opfer des Krieges werden. Deshalb glaubt sie nicht, dass ein Regimewechsel durch militärische Mittel erreicht werden kann. Aus historischer Sicht und aus der Perspektive der Politikwissenschaft und Geschichte sieht sie darin keinen Weg zu einer wirklichen Demokratie. „Ich habe mir persönlich einen Übergang von diesem Regime zu einer Demokratie gewünscht. Aber angesichts dessen, was ich jetzt sehe, kann ich mir das nicht vorstellen.“

Shorah A. lebt seit 2008 in Deutschland. Aus Sicherheitsgründen möchte sie ihren vollen Namen nicht in dem Bericht lesen. Nach der Tötung von Chamenei hat die Iranerin Angst, dass das Regime und seine Anhänger noch brutaler gegen die eigene Bevölkerung vorgehen. Wenn Polizeistationen angegriffen, Strukturen zerstört und Menschen in existenzieller Angst sind, rechnet sie eher mit Chaos und neuer Gewalt als mit Frieden.

Trotzdem hat sie das Gefühl, dass in der internationalen Politik – auch in Deutschland – nicht die Menschen im Iran, sondern andere Interessen im Mittelpunkt stehen und die Zivilbevölkerung in der Berichterstattung zu bloßen Zahlen wird. „Ich sehe nicht, dass die Menschen im Iran für die Politik Priorität haben“, sagt die 47-Jährige.