Hätte man ihrem 15-jährigen Ich gesagt, dass ausgerechnet ihr System einmal das Überleben der vier Astronauten und Astronautinnen auf der Mondmission „Artemis 2“ sichern würde, dass sie die Live-Kommunikation im Kontrollzentrum verfolgen und dafür sorgen würde, dass es der Crew fernab der Erde gut geht, Annemarie Lohse hätte vermutlich nur gelächelt und abgewunken. „Aber es ist die Realität“, sagt die 33-Jährige heute und klingt dabei selbst etwas überrascht. Die gebürtige Krefelderin ist mittlerweile Ingenieurin für Raumfahrttechnik bei Airbus Defence and Space in Bremen und verantwortet das Lebenserhaltungszentrum des Raumschiffs, ein zentrales Element für die Sicherheit der Crew.

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Anfang April ist die „Artemis 2“ ins All gestartet, noch in dieser Woche soll das Raumschiff wieder auf der Erde landen. An Bord die US-Astronautin Christina Koch sowie die US-Astronauten Victor Glover und Reid Wiseman sowie ihr kanadischer Kollege Jeremy Hansen, die mit ihrer Mondumrundung längst einen neuen Rekord aufgestellt haben. 406.778 Kilometer waren sie von der Erde entfernt – so weit wie noch nie ein Mensch zuvor.

Dauerschicht im ESTEC: Lohse analysiert Live-Daten aus dem All

Mit dem geglückten Start ins All aber ist die Arbeit von Annemarie Lohse jedoch längst nicht getan. Wer sie aktuell per Telefon erreichen will, braucht Geduld. Sie ist eingespannt und quasi auf Dauerschicht im European Space Research and Technology Centre (ESTEC) in Nordwijk in den Niederlanden.

„Wir bekommen hier sämtliche Live-Daten vom Raumschiff her gesendet, wir monitoren, prüfen und analysieren kontinuierlich. Das ist sehr stressig, weil auch nach den Schichten noch viel diskutiert wird.“ Die Arbeit fordere zwar ihren Tribut, „aber es macht unglaublich viel Spaß und ich bin sehr stolz, dabei sein zu dürfen.“

Nasa-Mondmission «Artemis 2» - Erdkugel
Die Welt von oben: Aktuell sind vier US-Astronauten auf der Mondmission „Artemis 2“ und haben dieses Foto eingefangen. © Uncredited/NASA/AP/dpa | Uncredited

Der Weg dorthin begann für Annemarie Lohse schon früh. Sie stammt aus Krefeld, ist nach dem Abitur für ihr Studium erst an den Bodensee gezogen, später dann für den Master in Space Engineering nach Bremen. Dort arbeitet sie auch heute noch als Ingenieurin bei Airbus. „In der Grundschule habe ich mal ein Ariane-Raketenmodell geschenkt bekommen, das fand ich schon cool.“ Später wurde das Interesse größer, Naturwissenschaften lagen ihr, „und dann war diese Raumfahrt-Idee da.“ Mit 16 folgte ein Schülerinnenpraktikum beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. „Und spätestens das hat mich so begeistert, dass ich gesagt habe: Raumfahrttechnik ist mein Studiengang.“

Mondmission Artemis 2: Landung auf dem Mond „wäre die absolute Krönung“

„Artemis 2“ sei etwas ganz Besonderes. Es ist das erste Mal keine rein amerikanische Mission. Und die erste bemannte Mondmission seit über 50 Jahren. „Das ist eine andere Liga als alles, was man in der Raumfahrt so macht. Es gibt nichts Vergleichbares“, sagt Lohse in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Sieben ihrer Berufsjahre hat sie in das Subsystem gesteckt, „ich bin glücklich, jetzt die Früchte meiner Arbeit zu ernten.“

Mondmission "Artemis 2"
Mit dieser Rakete ist Anfang April die bemannte Mondmission mit dem Namen „Artemis 2“ gestartet. © John Raoux/AP/dpa | John Raoux

Die aktuelle Mondmission soll für Lohse aber erst der Anfang sein. Weitere Missionen sind geplant, die nächste könnte schon im kommenden Jahr starten. Dass „Artemis 2“ nicht ihr einziger Höhepunkt bleiben soll, macht sie im Gespräch schnell klar: „Ein absolutes Highlight wäre eine Mondlandung. Nicht nur zum Mond fliegen, sondern auf dem Mond zu landen, wäre die absolute Krönung.“ Und wenn sie Glück habe, so sagt sie, könne sie in ihrer Karriere auch noch einen Flug mit Menschen zum Mars erleben.

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Mission kurz vor Abschluss: Spannung vor Wiedereintritt in Erdatmosphäre

Ihr größtes Ziel aber hat sie schon erreicht: „Ich wollte schon immer Teil von etwas sein, das größer ist als ich“, sagt Lohse und lacht. Zeit zum Ausruhen aber bleibt nicht – zumindest noch nicht. Schon jetzt liegt der Fokus im ESTEC auf der nächsten kritischen Phase der Mission: dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. „Wenn wir das Entry Interface erreichen, müssen wir den Punkt genau treffen.“ Schon jetzt würde die Flugbahn genauestens überwacht. In der Nacht von Freitag auf Samstag ist es dann vorbei. „Wenn wir hören, dass die Menschen an Bord sicher gelandet sind, wird der Punkt sein, an dem wir alle aufatmen.“

Erst danach bleibe ein wenig Zeit zum Durchatmen. „Wir sind jetzt schon müde, am Ende werden wir wahrscheinlich völlig erschöpft sein.“ Vielleicht nehme sich Lohse dann „ein, zwei Tage“ frei. Zu lange Pause bleibt aber nicht. „Dann kommen die nächsten Schritte. Wir haben natürlich noch viel, viel mehr Daten, die wir dann auswerten können, um unser System noch besser zu verstehen.“ Vor der Rückkehr in die Wahlheimat Bremen steht aber noch ein kurzer Zwischenstopp an. „Ich werde am Wochenende in Krefeld vorbeischauen bei meiner Familie.“ Auch sie haben die Mission ganz genau mitverfolgt. „Ich werde viel zu erzählen haben.“