Eigentlich muss es jetzt schnell gehen. Die Aufnahmen sind da, ein weißer Fleck auf der Wärmebildkamera entdeckt. Doch ein Blick aufs Handy enttäuscht. Kein GPS-Empfang. Die Daten, die die Kollegen gerade zugeschickt haben, können Ingo Degner und Helmut Schlebes nicht abrufen. Wohin genau sie mit dem Rest der Truppe über das Feld laufen müssen, wissen sie nicht. „Lädt einfach nicht“, sagt Degner, in orangefarbener Jagdjacke gekleidet, die Chaps über die Gummistiefel gestreift.

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„Wir sind hier halt auf dem Land“, sagt Schlebes, zuckt mit den Schultern und lacht. Rettung kommt dann schließlich aus der Ferne und von oben. Die Drohne eines Kollegen steuert jetzt den ersten weißen Fleck auf dem Acker an. Ein Rehkitz, das dem Mähdrescher zum Opfer fallen würde, wenn es nicht rechtzeitig aus dem Feld geholt wird.

Rehkitzrettung mit Wärmebild-Drohne: Zeitfenster ist klein

Jedes Jahr sterben in Deutschland zwischen 50.000 bis 100.000 Rehkitze durch landwirtschaftliche Mähmaschinen, schätzt die Deutsche Wildtier Stiftung. In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Vereine aufgetan, um die Jungtiere vor dem sicheren Mähtod oder qualvollem Verenden zu bewahren. Einer davon ist die Rehkitzrettung Hamminkeln. Und bei den Ehrenamtlern herrscht gerade Hochbetrieb.

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Ricken, also Rehmütter, legen ihre Kitze gerne im hohen Gras ab, um sie vor Fressfeinden wie dem Fuchs oder Greifvögeln zu schützen. Wenn sich Gefahr nähert, ergreifen die Jungtiere nicht die Flucht. Stattdessen drücken sie sich flach auf den Boden, ein Drückinstinkt. Wenn der Mähdrescher kommt, kann das für die Jungtiere zur tödlichen Falle werden. Seit Mitte April sind die ehrenamtlichen Retter deswegen im Einsatz, meistens dauert die Saison bis Ende Juni an. Die Tage der Ehrenamtler beginnen früh und es muss schnell gehen.

Initiative schützt Rehkitze vor dem Mähtod
Drohne, Handy, Funkgerät und Co.: Die Arbeitsabläufe bei einem Rettungseinsatz sind klar definiert, weiß auch Björn Alexander, Initiator des Vereins (vorne links). © FUNKE Foto Services | Erwin Pottgiesser

Es ist 5.30 Uhr am Morgen auf einem Acker in Hamminkeln. Die Sonne ist gerade aufgegangen, die Luft frisch und feucht. Die Nässe von den Feldern kriecht unerbittlich in Schuhe und Kleidung. Um den Körper haben Schlebes und Degner Kartons geschnallt. Es geht über zwei Stacheldrahtzäune und einen Graben weiter ins Feld. Degner reißt zwei Büschel Gras aus dem Boden, breitet die Arme aus und greift nach dem ersten Jungtier, das eingerollt am Boden liegt. Der Karton, in dem das Jungtier liegt, ist mit Luftlöchern versehen. Die Kiste wird später an einem Ort am Feldrand abgestellt, der Landwirt informiert, sodass er weiß, wo er die Tiere findet und diese später wieder in die Freiheit entlassen kann. Auch die Ricke nehmen die Kitze danach wieder an, versichert Björn Alexander.

Jedes Jahr sterben Tausende Rehkitze durch Mähmaschinen

Um die Jungtiere in dem meterhohen Gras auf den Feldern aufzuspüren, nutzen sie Wärmebild-Drohnen. Das Gerät fliegt in einer Höhe von 40 Metern über die Wiese. Alles, was wärmer ist als die Umgebung, taucht auf dem Bildschirm als weißer Fleck auf. Das Zeitfenster ist klein, ab halb 9 könnte es schon so warm sein, dass die Wärmebildkamera nicht mehr zwischen Kitz und Feld unterscheiden kann.

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Neben den Drohnenpiloten sind Spotter im Einsatz, die an einem Wärmebildmonitor die Kitze suchen und dann die Helfer in der Wiese zum Ziel navigieren. An diesem Morgen sind insgesamt sieben Teams unterwegs, erklärt Björn Alexander. Im Sommer 2019 fing die Rehkitzrettung mit einem Projekt des Hegerings Hamminkeln an. Seit 2022 ist die Rehkitzrettung Hamminkeln ein eingetragener Verein von Ehrenamtlern. „Ein bunter Haufen von Jägern, Landwirten, Naturfreunden“, sagt Alexander, der selbst Jäger und Hegeringsleiter ist.

Jedes Mal, wenn wir ein Kitz rausholen können, ist das ein magischer Moment.

Ingo Degner, Rehkitzretter und Jäger

Zahl der geretteten Kitze deutlich gestiegen

Über die Jahre hat sich die Arbeit jedoch verändert. Es sind nicht nur mehr Leute hinzugekommen, sondern auch mehr Kitze. „Wir arbeiten heute ganz anders als damals noch in der Anfangszeit. Da hatten wir ja auch noch nicht die technische Ausstattung, wie wir sie heute haben“, sagt Alexander. Zum Vergleich: In der ersten Saison 2020 haben die Retter 55 Kitze vor dem Mähtod bewahrt, in diesem Jahr sind es – Stand jetzt – 220. „Da weiß man auch, wofür man es macht“, sagt auch Ingo Degner.

Initiative schützt Rehkitze vor dem Mähtod
Helmut Schlebes (links) und Ingo Degner im Einsatz auf dem Feld. © FUNKE Foto Services | Erwin Pottgiesser

Manchmal aber würde auch Björn Alexander als Jäger vorgehalten, dass er die Rehe nur rette, um später mehr von ihnen erschießen zu können. „Das, was wir hier machen, ist aktiver Naturschutz“, sagt er. „Kein Tier hat es doch verdient, auf diese Art und Weise zu verenden“, fügt Kollege Ingo Degner hinzu. Zudem liegt die Rehkitzrettung auch im Interesse der Landwirte. Wenn ein Tier durch den Mähtod stirbt, müssen die Bauern das melden. Außerdem birgt ein totes Rehkitz im Schnitt auch seine Gefahren. Im schlimmsten Fall könne der Kadaver in der Silage landen und das Futter verderben.

Landwirte müssen Mähtod melden

Ihre Aufträge erhalten die Retter von den Landwirten selber. Auf ihrer Internetseite und auch per Telefon können die Bauern ihre Felder vor der Mahd für die Rehkitzsuche anmelden, die Hilfe ist kostenlos – und die Nachfrage groß. Bevor die Mahd beginnt, kommt das Team und überprüft die Wiesen. „Und wir nehmen alles mit, was wir finden“, sagt Degner und lacht. So seien auch schon einige Igel, Hasen, Enten- und Fasanengelege und in einer Saison sogar zwei Rotwildkäber, gerettet worden.

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Mittlerweile sind knapp zwei Stunden vergangen. Ein Feld in dem Gebiet wartet noch. Degner und Schlebes haben die Kartons wieder um den Körper geschnallt, stapfen mit einem kurzen Fußmarsch durchs nasse Grün. An der Stelle angekommen aber hüpft das Tier plötzlich in Richtung Wald. „Das ist wohl schon älter und haut ab“, sagt Schlebes. Auch gut. Doch dabei bleibt es nicht. An diesem Morgen kann der Verein auf insgesamt 370 Hektar 33 Rehkitze retten. Tiere, von denen viele vermutlich gestorben wären. Ein Erfolgserlebnis für die Ehrenamtlichen. „Jedes Mal, wenn wir ein Kitz rausholen können, ist das ein magischer Moment“, sagt Degner.