Vier Tore im Test gegen Finnland, gut gelaunte Spieler und Fans. Der vorletzte Test vor der WM war Leistungs- und Stimmungsprobe zugleich. Nach dem Sieg gegen die Finnen scheint sich langsam Euphorie unter den deutschen Fans breitzumachen. Kommen die Menschen nun nach bislang verhaltener Vorfreude ins WM-Fieber? Oder schrecken die Geldgier der FIFA und die politischen Umstände vom Turnier ab? Wir haben uns in der Region umgehört.

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Kommentatoren-Legende Manni Breuckmann: „Die Vorfreude ist gedämpft“

Der ehemalige Fußballkommentator Manfred „Manni“ Breuckmann hat der WM gegenüber noch gemischte Gefühle: „Die Freude auf eine Weltmeisterschaft ist immer irgendwie da, ich bin ja auch vom Fußball geprägt“, sagt er. Aber in diesem Jahr sei seine Vorfreude gedämpft. Von den 72 Vorrundenspielen werde er sich wohl nur die Spiele der deutschen Nationalmannschaft ansehen. „Und als Schalker schaue ich mir wegen Edin Džeko die Bosnier an. Eigentlich ist die Weltmeisterschaft das Turnier der Weltbesten. Aber mit 48 Mannschaften ist das verwässert. Ich bin kein Freund von Neuerungen, wenn sie nur dem Profit dienen. Die FIFA will mit der Aufstockung der Teilnehmer ja nur höhere TV-Gelder generieren“, meint Breuckmann.

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Hinzu komme das ganze Drumherum wie die Lage in den USA und „das Einschleimen“ von FIFA-Chef Gianni Infantino bei US-Präsident Donald Trump. „Davon werden wir während der WM wohl noch mehr sehen“, prophezeit Breuckmann. „Da ist bei dieser WM also schon der ein oder andere Tropfen Wasser im Wein.“

Positive Lichtblicke sind für die Kommentatoren-Legende dafür die deutschen Spieler. Vor allem der Auftritt von Lennart Karl habe ihm beim Test gegen Finnland Freude bereitet, sagt er. „Deniz Undav kann gerne weiterspielen, wenn er weiter seine Tore macht, und wenn Jamal Musiala wieder richtig in Form kommt, könnte das frischen Fußball von der Mannschaft geben.“

Manfred Breuckmann klagt gegen Doppelgänger.
Kommentatoren-Legende Manfred „Manni“ Breuckmann kann sich noch nicht ganz mit der Riesen-WM mit 48 Teilnehmern anfreunden.© FUNKE Foto Services | Ralf Rottmann

Ex-Leichtathlet Willi Wülbeck hofft auf junge Spieler

Auch Willi Wülbeck kritisiert im Gespräch mit der NRZ die immer weiter wachsende Kommerzialisierung des Fußballs. Als Weltmeister-Läufer im Ruhestand freue er sich aber auf fast jedes große Sportevent, sagt der 71-Jährige. Der Nationalmannschaft traue er in diesem Jahr einiges zu. „Ich finde es gut, dass wir auf junge Spieler setzen, bei so einer Atmosphäre können die noch richtig über sich hinauswachsen.“ Er selbst war bei seinem 800-Meter-Sieg bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Helsinki nur 18 Jahre alt.

„In dem Alter denkt man über den großen Druck vielleicht noch nicht so viel nach, das können wir uns zum Vorteil machen.“ Die Konkurrenz dürfe man dennoch nie unterschätzen, „selbst die Kleinen haben zum Teil Spitzenspieler in ihren Reihen.“ Mit dem Erreichen des Viertelfinales wäre der Oberhausener deshalb schon vollends zufrieden.

Weltmeister Willi Wülbeck
Trikot und Medaille in der Hand: Willi Wülbeck stellte 1983 als 18-Jähriger im 800-Meter-Lauf einen neuen Rekord auf.© FUNKE Foto Services | Olaf Fuhrmann

Gladbacher Vereinslegende Rainer Bonhof sieht Mannschaft im Halbfinale

In WM-Stimmung ist man auch in Mönchengladbach. Die Nationalspieler aus der Fohlenelf stehen zwar in diesem Jahr für andere Nationen auf dem Platz, trotzdem drückt Borussia-Präsident Rainer Bonhof den Deutschen fest die Daumen. Denen traut er sogar zu, in Amerika mindestens bis ins Halbfinale zu kommen, sagt er der NRZ.

„Unsere Mannschaft hat meiner Meinung nach die Qualität für einen der ersten vier Plätze“, so der Ex-Fußballer, der es 1974 mit Gerd Müller, Franz Beckenbauer und Co. selbst zum Weltmeistertitel schaffte. Erste Erfahrungen auf dem Rasen sammelte Bonhof als Kind in seiner Heimat Emmerich.

Borussia Mönchengladbach v VfL Wolfsburg - Bundesliga
Den zweiten Stern auf dem Nationaltrikot verdankt Deutschland unter anderem Rainer Bonhof.© Getty Images | Christof Koepsel

Moerser Fußballfans vor der WM: Zu wenig Stimmung wegen Austragung

„Wir sind Vollblut-Fußballer und fiebern immer mit“, beschreibt Axel Dudella aus Moers seine WM-Vorfreude in diesem Jahr. Der 64-Jährige lebt für Fußball. Bei etlichen früheren Turnieren hat er mit Freunden die deutsche Nationalmannschaft direkt in den Stadien angefeuert – wenn es Tickets gegeben hätte. Er fährt mit seinen Freunden hinter der Nationalmannschaft her und nimmt an Fanmärschen vor dem Spiel teil. Zuletzt waren sie zum Achtelfinale der Heim-EM in Dortmund.

Zum ersten WM-Spiel der Nationalelf trifft sich die Truppe in Moers-Eick. Dafür haben sie, den Garten eines Freundes in Deutschlandfarben geschmückt. 30 bis 40 Frauen, Männer und Kinder sollen kommen und die deutsche Mannschaft dort anfeuern. „Ich erwarte von der deutschen Elf, dass wir mindestens ins Viertelfinale kommen.“ Doch Dudella findet die neue WM-Regelung mit 48 Mannschaften zu viel. Der Moerser kritisiert auch die Austragung in drei Ländern und die späten Übertragungszeiten. „Da kommt vielleicht zu wenig Stimmung auf.“

In Moers Freunde fahren zum Eröffnungsspiel der EM (Deutschland Vs Schottland) ohne Ticket
Udo Drewelow, von links, Tim Scherberg, Frank Winnands und Axel Dudella fahren jedes Turnier zu den Spielen der deutschen Nationalelf. (Archivfoto)© FUNKE Foto Services | Volker Herold

TV-Polizist Toto steht fluchend am Grill

Seine Terrasse zu Hause in Kempen widmet TV-Polizist Torsten „Toto“ Heim zur WM-Arena um. Er ist lieber im Garten als beim Rudelgucken. „Beim Public Viewing werde ich zu oft erkannt“, sagt der 63-Jährige, der sich bei seinen Einsätzen für Recht und Ordnung jahrelang von Fernsehkameras begleiten ließ („Toto & Harry“). Daheim könne er laut fluchen, ohne dass es jemanden störe. Höchstens seine Frau. „Sie sagt immer: Reg dich doch nicht so auf.“

Toto am Niederrhein
Früher Hauptkommissar in Bochum, heute Ruheständler am Niederrhein: Torsten „Toto“ Heim mit seiner Frau Jasmin in der Kempener Altstadt.© FUNKE Foto Services | Lars Fröhlich

Heims Vorfreude ist getrübt. Nicht nur, weil er die Nagelsmänner für Schönspieler hält („die machen zu viel Tiki-Taka“). Die Rahmenbedingungen des Turniers schmälern seine Stimmung. Das Teilnehmerfeld empfindet er als „aufgebläht“, die Vorrunde werde eine gefühlte Ewigkeit dauern. Vor allem fürchtet er eine Einflussnahme des US-Präsidenten. „Ich hoffe inständig, dass Trump sich raushält.“

Trotzdem freut er sich auf niederrheinische Sommerabende am Grill mit Fußball im Fernsehen. Erst nach dem Finale fliegt er in den Ägypten-Urlaub. Vorher hat er keine Zeit.

Ex-MSV-Spieler Kevin Wolze freut sich auf K.O.-Spiele

So wirklich im Fieber, sagt Kevin Wolze, ist er noch nicht. Denn die letzten Wochen der Saison waren anstrengend. Auf die WM freuen konnte sich der Trainer von Viktoria Goch in der Zeit noch nicht. „Das wird aber kommen, wenn es so richtig losgeht“, glaubt der Ex-MSV-Spieler.

Auch, wenn es diesmal doch anders laufen werde als in den Jahren zuvor. „Es ist sehr ungewöhnlich mit so vielen Mannschaften, also wird es dauern, bis es so richtig spannend wird. Wahrscheinlich erst, wenn es an die K.O.-Spiele geht“, sagt Wolze im Gespräch mit unserer Redaktion. Dass er die WM trotzdem verfolgt, steht außer Frage. „Die Zeiten von Public-Viewing-Events sind bei mir aber vorbei, und da die Spiele ja teilweise sehr spät stattfinden, werd‘ ich wahrscheinlich zu Hause gucken.“

Fußball-Landesliga: PSV Lackhausen - Viktoria Goch
Es wird eine ungewöhnliche WM, glaubt Kevin Wolze, Ex-MSV-Spieler und Trainer von Viktoria Goch. © FUNKE Foto Services | Arnulf Stoffel

Der Bürgermeister von Kevelaer: „Vielleicht kommt der Appetit beim Essen“

So richtig erwischt hat das WM-Fieber Dominik Pichler noch nicht. „Ich werde mir ein paar Spiele anschauen. Vielleicht kommt der Appetit beim Essen“, sagt der langjährige Bürgermeister der Wallfahrtsstadt Kevelaer. Pichler sieht den internationalen Fußball kritisch. Der Sozialdemokrat hält die FIFA unter ihrem umstrittenen Präsidenten Gianni Infantino für korrupt. „Ich hoffe, dass etwas vom Sport übrigbleibt.“ Dass die WM in den USA ausgetragen wird, hält er für „problematisch“, aber „da kann man jetzt nichts dran ändern“.

Der Vater von sechs Kindern wird die Spiele wahrscheinlich vor allem zu Hause sehen, „mit meinen Jungs“. Besonders sein Elfjähriger ist fußballverrückt, und natürlich geht der Junge davon aus, dass Deutschland den Pokal holt. Pichler ist da skeptisch: „Ich liege bei Tipps meistens falsch. Aber ich könnte mir vorstellen, dass eine südamerikanische Mannschaft gewinnt.“

Dominik Pichler (links) ist Bürgermeister von Kevelaer und noch nicht wirklich im Fußball-Fieber.
Dominik Pichler (links) ist Bürgermeister von Kevelaer und noch nicht wirklich im Fußball-Fieber.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Möglicherweise wird er sich auch ins Rudelgucken stürzen. Der 50-Jährige kann sich noch gut an das dramatische Halbfinale der EM 1996 erinnern, als Deutschland England im Elfmeterschießen besiegte: Damals waren noch englische Soldaten am Niederrhein stationiert. Deutsche und Engländer schauten sich das Spiel gemeinsam im „Prinzenhof“ an. „Rudelgucken hat was. Da liegen Freude und Leid sehr eng zusammen.“

Die Bürgermeisterin von Moers: Fußball schafft „Gefühl von Zusammenhalt“

Julia Zupancic räumt ehrlich ein: „Fußball gehört nicht unbedingt zu meinen größten Leidenschaften.“ Bei ihr zu Hause gehört sie damit aber zu einer Minderheit. Ihr Mann und ihre Tochter sind bei den Meisterschaften voll dabei, fiebern mit und verfolgen die Spiele mit großer Begeisterung. „Da komme ich natürlich kaum daran vorbei und lasse mich dann doch beim Mitfiebern anstecken“, sagt die Bürgermeisterin von Moers.

Am Fußball mag sie besonders den sozialen Aspekt, sagt die Christdemokratin: „Er bringt nicht nur zur WM Menschen zusammen und sorgt für große Emotionen bei den Zuschauerinnen und Zuschauer. Egal ob im Supermarkt, auf der Arbeit, im Stadion oder vor dem Fernseher – plötzlich sprechen alle über dasselbe Thema, freuen sich gemeinsam oder leiden gemeinsam mit. Das schafft ein Gefühl von Zusammenhalt, das unserer Gesellschaft guttut.“

Julia Zupancic, Bürgermeisterin Stadt Moers, lässt sich von ihrem Mann und ihrer Tochter vom Fußball-Fieber anstecken.
Julia Zupancic, Bürgermeisterin Stadt Moers, lässt sich von ihrem Mann und ihrer Tochter vom Fußball-Fieber anstecken.© FUNKE Foto Services | Rainer Hoheisel

Der deutschen Mannschaft drückt Zupancic die Daumen - und beweist zumindest ein wenig Fußball-Expertise: „Wenn sie weiterhin so engagiert und überzeugend spielt wie zuletzt im Testspiel gegen Finnland, können wir uns hoffentlich noch auf viele spannende Momente und vielleicht auf den WM-Titel freuen.“