Musik schallt aus den Boxen. „Die Musik ist für unsere Mitarbeiter“, sagt Marina Jorißen. „Und nicht für die Tomaten. Da soll ja auch Klassik eher angebracht sein.“ Sie lacht. Karl Brunen steht schon im zwei Hektar großen Gewächshaus. Er packt immer noch mit an, obwohl er den Gartenbaubetrieb Brunen vor fünf Jahren an Marina Jorißen und ihren Mann übergeben hat. Vor der Gemüsebaumeisterin liegt ein gefühlt endlos langer Gang. Links und rechts davon wachsen Tomatenpflanzen in die Höhe. Alle paar Zentimeter präsentiert sich eine andere Sorte: kleine rote Tomaten, lange gelbe Tomaten, schwarze Tomaten oder klassische Strauchtomaten wie aus Omas Garten. Insgesamt 27 Sorten wachsen und gedeihen in dem Gewächshaus. Hinweise auf die Sorte gibt es keine. Kennen Sie denn alle Sorten? „Aber natürlich“, sagt Karl Brunen und nickt.
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Er liebt Tomaten und weiß, wie sensibel die Pflänzchen sein können: „Die Tomaten sind sehr empfindlich, sie können schnell krank werden“, hat Karl Brunen kurz vorher erklärt. Deshalb müssen Besucherinnen und Besucher, die ausnahmsweise in das riesige Treibhaus wollen, Schutzanzüge, Handschuhe und Plastikschutz an den Schuhen tragen. Der Plastikschutz für die Schuhe ist riesig und der weiße Schutzanzug sitzt locker am Körper. „Das ist alles Einheitsgröße“, erklärt Marina Jorißen, während sie zwei blaue Plastikhandschuhe aus einer Box herauszieht, bevor die kleine Führung startet. „Die Kapuze müssen Sie aber nicht aufsetzen“, sagt Marina Jorißen und lächelt.
Keine Lieblingssorte?
Bei so viel Auswahl: Was ist denn Marina Jorißens Lieblingssorte? Sie schaut kurz etwas ernst. „Ehrlich gesagt esse ich nicht gerne Tomaten“, beichtet sie. „Ich habe sie immer wieder probiert, aber diese Säure … das ist nicht mein Ding.“ Trotzdem probiert sie natürlich immer wieder. Später im Hofladen wird sie doch noch eine Sorte erwähnen, die auch ihr schmeckt.
Und dennoch: Ihre leichte Abneigung gegen Tomaten hat die 34-Jährige nicht davon abgehalten, den Betrieb 2021 gemeinsam mit ihrem Mann Falk zu übernehmen. „Wir haben den Gartenbaubetrieb von Herrn Brunen gepachtet“, erzählt sie. Karl Brunen hat damals eine Nachfolge gesucht. Über einen gemeinsamen Bekannten erfuhr Marina Jorißen davon. Für sie und ihren Mann, beide Gartenbauer, sie mit Schwerpunkt Gemüse und er mit dem Schwerpunkt Obst, eine riesige Chance. Die Zusammenführung über den gemeinsamen Bekannten glückte.
Gründer Karl Brunen bleibt auch nach der Übergabe aktiv im Betrieb
Für Karl Brunen, der den Betrieb 1980 zusammen mit seiner Frau gegründet hat, heißt das aber noch lange nicht, dass er sich seitdem zurückzieht. Er wuselt immer noch auf dem Betrieb herum. „Ich kann loslassen“, versichert er glaubwürdig auf Nachfrage. „Herr Brunen macht sehr viel im Hofladen“, fügt Marina Jorißen noch schnell hinzu.

Im Gewächshaus, das übrigens eine Temperatur von 20 bis 21 Grad hat, sieht es ein wenig wie in einem Tomatendschungel aus, nur, dass nichts wild durcheinanderwächst. Dafür sorgen die Mitarbeiter des Betriebs jeden Tag. Schienen sind auf dem Boden zwischen den Pflanzenreihen angebracht. Auf denen fahren die Mitarbeiter im Gewächshaus von einer Pflanze zur nächsten. „Dort ist ein Mitarbeiter, der kümmert sich nur darum, die Pflanzen korrekt einzudrehen. Er arbeitet auch in anderen Betrieben“, erklärt Marina Jorißen. Der Mann fährt gerade mit einem Scherenwagen auf den Gleisen herum und sieht sehr konzentriert aus.
Die Schnur, die er fürs Eindrehen nutzt, ersetzt die welligen Metallstangen, wie man sie im eigenen Garten benutzt. „Das ist einfacher für uns“, erklärt Marina Jorißen. Denn die Schnur ist komplett kompostierbar. Die Pflanzen werden 13 bis 16 Meter hoch. Und noch etwas ist anders zum heimischen Gewächshaus: In der Luft liegt nicht der typische Tomatenpflanzengeruch. „Das liegt daran, dass die Pflanzen hier viel mehr Platz haben“, erklärt die Gartenbäuerin.

Im selben Moment kommt Karl Brunen wieder aus einem der Tomatengänge hervor. Er zeigt wortlos eine kleine Karte in der Größe einer Visitenkarte. Auf ihr sind winzig kleine schwarze Punkte zu sehen. „Das sind Encarsia-Schlupfwespen. Das sind Nützlinge“, erklärt der 73-Jährige. „Wir arbeiten ausschließlich mit tierischen Nützlingen. Wir setzen also quasi die natürlichen Gegenspieler ein.“ Auch wenn keine Pestizide zum Einsatz kommen, darf sich der Betrieb nicht Bio-Betrieb nennen. „Wir bauen nicht im Boden an, deshalb sind wir kein Bio-Betrieb.“ Die Pflanzen wachsen in Töpfen. So ist das Gewächshaus auch schneller im Winter komplett ausgeräumt. „Wir machen dann alles steril und keimfrei“, sagt Marina Jorißen. Und der Rest der Pflanzen wird geschreddert und einem befreundeten Landwirt als Dünger gegeben. Anfang Januar kommen dann die neuen Pflanzen ins Gewächshaus. Von April bis November kann auf dem Betrieb geerntet werden.
Kunden kommen bis aus Wuppertal für Flovance
Marina Jorißen schaut sich kurz um: „Dann gehen wir mal rüber zum Hofladen. Heute ist nicht geöffnet“, sagt sie beim Verlassen des Treibhauses. Im Hofladen befüllt gerade eine Mitarbeiterin die Körbe mit den verschiedenen Tomatensorten. Favorita, Ochsenherztomaten oder Chromis. „Die Chromis ist meine Lieblingssorte“, verrät Marina Jorißen. Die kleinen Tomaten haben so wenig Säure und schmecken süß, sodass sie sogar ihr Herz erobern konnten. „Eine sehr beliebte Sorte bei unseren Kunden ist die Flovance“, ergänzt sie. „Die schmeckt wie die Tomaten aus Omas Garten früher. Wir haben Kunden, die bis aus Wuppertal kommen, um die Tomate zu kaufen.“

Natürlich dürfen im Hofladen die fast 30 Sorten auch probiert werden. „Die Auswahl ist so groß. Viele, die zum ersten Mal bei uns sind, sind einfach überfordert“, sagt Marina Jorißen. Einige Tomaten sind süß, andere haben viel Säure. Einige sind besonders geeignet für Soßen, andere einfach zum Snacken. Sie reicht ein Stück schwarze Tomate. „Probieren Sie mal, die passt etwa super zum Grillen“, weiß sie. „Und die Ochsenherztomate schneiden wir sehr gerne für Burger beim Grillen auf. Wir verkaufen übrigens auch sieben bis acht-Kilo-Säcke mit Suppentomaten. Daraus kochen sich die Leute Sugo, Soßen oder Ketchup. Das ist auch sehr beliebt.“ Die Tomaten vom Gartenbautrieb gibt es neben dem Hofladen des Betriebs auch bei befreundeten Landwirten in Hofläden. „80 Prozent unserer Tomaten vermarkten wir über Landfrisch“, sagt Marina Jorißen.
Rezept für Tomaten-Melonen-Carpaccio
Zutaten: 1 EL Zucker, 4 EL Zitronensaft, 350 Gramm Cantaloupe-Melonenfleisch, 2 Tomaten, 1 rote Zwiebel, 3 EL Balsamico, Salz, Pfeffer, 1 Handvoll Basilikum, 2 Kugeln Mozzarella, 80 Gramm schwarze Oliven
1. Melone in dünne Scheiben schneiden. Zucker in einem Topf schmelzen, Zitronensaft, etwas Wasser und Chiliflocken dazugeben und kurz köcheln lassen. Die Melone mit dem Sirup mischen.
2. Tomaten in Scheiben und Zwiebel in dünne Ringe schneiden. Zwiebel mit Balsamico, Salz und Pfeffer marinieren. Etwas fein geschnittenes Basilikum untermischen.
3. Tomaten und Melone auf einem flachen Teller verteilen. Mozzarella zupfen und darüber verteilen. Mit der Marinade beträufeln. Wer mag, kann darüber noch Oliven verteilen. Dazu passt geröstetes Brot.
Und zum Schluss nochmal ganz ehrlich: Können die Tomaten vom Niederrhein mit den italienischen Tomaten mithalten? „Nein, sie sind nicht so gut wie in Italien“, da sind sich Marina Jorißen und Karl Brunen einig. „Die Tomaten, die man in Italien auf dem Markt kauft, hatten einfach viel mehr Sonne.“
Der Hofladen des Gartenbaubetriebs Brunen, Busch 15b in Nettetal, hat dienstags bis donnerstags von 9 bis 12.30 und 14 bis 18 Uhr geöffnet. Freitags von 8.30 bis 12.30 und von 14 bis 19 Uhr sowie samstags von 8.30 bis 13 Uhr. www.brunen-gartenbau.de


