Die Deutschlandflagge als „Identifikation unseres Landes“? Für den Duisburger Daniel Schmidt steht außer Frage, die schwarz-rot-goldene Fahne vor allem zur WM 2026 zu schwenken. Noch vor dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen Curaçao hat der 44-Jährige ein Fähnchen an seinem Auto angebracht. „Die Flagge gehört eben zu Deutschland, also darf sie auch gezeigt werden.“
Doch es gibt auch diejenigen, die in dem Schwenken der Deutschlandflagge ein Symbol des übersteigerten Nationalismus und nicht nur die Unterstützung der eigenen Nationalmannschaft sehen, beispielsweise wegen der Instrumentalisierung durch Rechte.
Pro Flagge: „Sie gehört zur Identifikation unseres Landes“
Während im Netz über fehlende Fahnen am Mannschaftsflieger diskutiert wird, stellt sich die Frage längst auch vor der eigenen Haustür: Hängt zur WM 2026 wieder Schwarz-Rot-Gold am Balkon? Wir haben uns auf den Straßen der Region umgehört – und gefragt: Flagge hissen – ja oder nein?
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Dass man die Flagge zu großen Veranstaltungen wie der WM oder EM hisst, kann Studentin Lina Lubonski gut nachvollziehen. Doch wegen der aktuellen politischen Lage möchte zumindest sie persönlich sich mit dem Patriotismus etwas zurückhalten. „Manches kann man nicht mit Fußballfieber rechtfertigen, viele haben die Flagge nicht nur wegen der WM hängen.“
Was ist erlaubt und was nicht?
Das Hissen der Deutschlandflagge ist selbstverständlich legal. Anders ist die Lage jedoch bei verfassungswidrigen Symbolen und Flaggen, wie etwa der Reichsflagge oder anderen Kennzeichen aus der NS-Zeit, die verboten sein können. Was viele außerdem nicht wissen: Auch die Bundesdienstflagge, also die Deutschlandflagge mit Bundesadler, dürfen grundsätzlich nur Behörden verwenden. Wer die Flagge als Privatperson unbefugt trägt, begeht eine Ordnungswidrigkeit.
„Man kann ja auch so hinter seinem Land stehen und mitfiebern“
Sie selbst werde in diesem Jahr nicht die Flagge aufhängen. „Man kann ja auch so hinter seinem Land stehen und mitfiebern, ohne dass überall Deutschlandflaggen sein müssen.“ Hinter seinem Land stehen, das will eigentlich auch Maik Heltmank. Eine Flagge aber werde er nicht hissen. Das liege aber vor allem an dem fehlenden Fußballfieber. „Erst die WM in Katar, jetzt in den USA, das lässt bei mir keine Stimmung aufkommen“, sagt der Essener.
„Ich verstehe diese Diskussion überhaupt nicht“, sagt etwa Daniel Armbruster. Für ihn sei es ganz normal, zu WM-Zeiten mehr Deutschlandflaggen als sonst zu sehen, auch, wenn er selbst gar kein Fußball-Fan sei. „Andere Länder und Kulturen zeigen ihre Flagge auch, warum sollten wir das denn nicht machen?“, sagt der 30-jährige Student aus Essen. „Es ist ja nicht so, als würde man die Reichsflagge hissen.“
Flaggen sind nationale, politische Symbole. Sie sind nicht einfach ein Stück Stoff, sondern sie verkörpern die Geschichte eines Landes.
Julia Schwanholz, Politikwissenschaftlerin
Flaggen verkörpern die Geschichte eines Landes
Die Politikwissenschaftlerin Julia Schwanholz erklärt, warum der Umgang mit der Deutschlandflagge in Deutschland bis heute sensibler ist als in vielen anderen Ländern: Schwanholz führt dies auf die Geschichte des Landes zurück. „Flaggen sind nationale, politische Symbole. Sie sind nicht einfach ein Stück Stoff, sondern sie verkörpern die Geschichte eines Landes“, sagt sie. In Frankreich stehe die Trikolore für Revolution und Republik. In den Vereinigten Staaten verkörpert die Flagge die Unabhängigkeit der USA und die Einigkeit der 50 Bundesstaaten.
Doch während viele Länder ihre Fahnen vor allem mit Unabhängigkeit oder Republik verbinden, sei die deutsche Geschichte laut Schwanholz „eine mehrfach gebrochene Erzählung“, weil der deutsche Nationalismus „zu zwei Weltkriegen und dem Zivilisationsbruch der Shoah führte“. Zwar ersetzten die Nationalsozialisten die schwarz-rot-goldene Flagge durch eine Hakenkreuzflagge, auch sei die deutsche Flagge kein NS-Symbol gewesen. „Umfassende Beflaggung wird jedoch bis heute mit ausgeprägtem oder übertriebenem Nationalstolz verbunden. Dieser wiederum war Wegbereiter der Katastrophe des Dritten Reichs“, so Schwanholz.

Politikwissenschaftlerin: Bedeutung hängt vom Kontext der Verwendung ab
Zugleich sei Schwarz-Rot-Gold nicht grundsätzlich belastet. Die Farben stünden schließlich auch für demokratische Traditionen – vom Hambacher Fest über die Paulskirche bis zur Weimarer Republik. Entscheidend ist deshalb der Kontext. „Als belastend oder ausgrenzend wird die Flagge weniger aufgrund ihrer Farben erachtet als aufgrund des Kontextes ihrer Zurschaustellung“, so die Politikwissenschaftlerin. Wenn bei rechtsextremen Aufmärschen Deutschlandfahnen dominierten, werde das Symbol von vielen nicht mehr als verfassungspatriotisch, sondern als nationalistisch gelesen.
Der Blick auf die Flagge hat sich auch seit dem Sommermärchen 2006 verändert: Die Heim-WM 2006 markierte historisch betrachtet einen Wendepunkt. Deutschlandflaggen hingen damals an Autos und Balkonen, Menschen trugen sie auf den Wangen. Damals waren Deutschlandfahnen für viele mit einer fröhlichen Stimmung verbunden. Später hätten Pegida, Teile der AfD und die Neue Rechte Schwarz-Rot-Gold offensiv für sich beansprucht. „Das Sommermärchen wurde dadurch teilweise überschrieben. Bei weiten Teilen der Bevölkerung löste dies Unbehagen aus und führte zu Abgrenzung.“
Gerade deshalb, so die Politikwissenschaftlerin, sollten Demokratinnen und Demokraten das Symbol nicht jenen überlassen, die es politisch aufladen wollen. „Die Menschen sollten sich die Farben der deutschen Demokratie nicht nehmen lassen.“



