Plötzlich wird es Katia zu viel. Sie fängt an zu weinen. Ihre kleine Tochter Polina schaut sie beunruhigt an, sie versucht, sich zusammenzureißen. „Es ist sehr schwer. Ständig fliegen Raketen oder Drohnen, überall hört man Beschuss“, sagt sie und wischt sich die Tränen aus den Augen. Vor einer Stunde hat es wieder Luftalarm in der ukrainischen Hauptstadt gegeben, aber Katia (25) ist mit ihrem Mann und ihren Kindern zu dem Verteilzentrum im Bezirk Trojeschtschyna gekommen, weil die Deutschen heute da sind und humanitäre Hilfe leisten. Es sind immerhin keine ballistischen Raketen im Anflug.
Trojeschtschyna im Nordosten Kiews. Breite Straßen, viele hohe Plattenbauten, viel Armut. In einem kleinen Gebäude, in dem früher die Verwaltung für die umliegenden Wohnblocks war, stapeln sich in einem Raum Kartons mit Spielzeug, Windeln, Babynahrung, Kinderkleidung und Süßigkeiten. Auf einem Tisch liegen Winterklamotten und Schlafsäcke. Mittendrin steht an diesem Sonntagmorgen Matthias Maruhn. Lange Haare, dichter Bart, kurze Hose, Baseballkappe. Der Mann, den viele NRZ-Leser als Reporterlegende kennen, ist hier heute nicht als Journalist, sondern als Helfer.
In den Kindergärten müssen die Kinder immer wieder in den Schutzraum
„Wir fahren diesen Standort hier seit drei Jahren an“, erzählt Maruhn. Mit ihm unterwegs ist Wolfgang Kintscher, der frühere Leiter der NRZ-Stadtredaktion in Essen. Die beiden Männer sind seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine immer wieder in dem kriegsversehrten Land, um Hilfe zu leisten. Beide sind aktiv in dem Essener Verein „Ukraine wir kommen“, Maruhn zusätzlich in dem Hattinger Verein „Hand in Hand mit der Ukraine“. Es ist eine Herzensangelegenheit.
Im fünften Jahr des Krieges sind die Menschen in der Ukraine mehr denn je auf Unterstützung angewiesen. Millionen leben als Binnenvertriebene im Land, die Preise steigen, Jobs sind rar. Auch in der Hauptstadt Kiew, die in diesen Sommertagen auf den ersten Blick so geschäftig und normal wirkt wie andere europäische Großstädte, bestimmt der Krieg den Alltag vieler Menschen. „Nachts können wir kaum schlafen. Auch in den Kindergärten müssen die Kinder wegen dem Luftalarm immer wieder in die Schutzräume gehen. Das ist sehr anstrengend und erschöpfend“, sagt Katia, die junge Mutter.
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Es sind Frauen wie sie, für die die Hilfe aus Deutschland gedacht ist. „Wir verteilen im Grunde alles, was Familien mit kleinen Kindern im Alltag dringend benötigen“, sagt Mariia Makymkowa. Sie ist die Namensgeberin und Leiterin der lokalen Hilfsorganisation, mit der die Deutschen zusammenarbeiten. Im Frühjahr 2022, kurz nach dem Beginn des russischen Überfalls, hatte Makymkowa mit Freunden spontane Hilfe in zerstörten Dörfern geleistet. Jetzt arbeitet „Serze Mariji“, das „Herz Marias“ für Familien in finanziellen Nöten. „Die Deutschen sind mittlerweile unsere besten Freunde geworden.“
Auf dem Hof vor dem Verteilgebäude stehen die Freundinnen Natalia, 26, und Kristina, 39. Natalia stammt aus Nowomykolajiwka, einem mittlerweile zerstörten Dorf in der Region Sumy im Nordosten der Ukraine, sie hat zwei Kinder, ihr Mann ist beim Militär. Kristina ist Mutter zweier Kinder mit besonderen Bedürfnissen, die fünfjährige Tochter ist autistisch, der Sohn wurde mit Herzproblemen geboren. Als sie ihn 2023 zur Welt brachte, wurde Kiew heftig bombardiert. „Er musste am Herzen operiert werden, er lag auf der Intensivstation, ich allein im Krankenzimmer.“ Draußen fielen die Bomben. „Das war furchtbar. So etwas erleben zu müssen, wünsche ich niemandem.“
Kristina sagt, der Krieg sei für ihre aufgrund ihres Autismus sensible Tochter besonders schlimm. „Sie reagiert sehr empfindlich auf die Sirenen und die Angriffe. Sie hat ständig Angst.“ Natalia seufzt: „So leben wir im Moment. Der Krieg geht weiter, aber wir müssen stark bleiben, zusammenhalten und irgendwie lernen, unter diesen Bedingungen zu leben.“
Auch Maruhn macht sich natürlich Gedanken um die Sicherheit. Bereits am Vorabend gab es Luftalarm, heute Morgen wieder, und in diesen Tagen wird in Kiew viel über einen möglichen russischen Luftangriff spekuliert. „Man weiß inzwischen, dass die Sirenen nicht automatisch bedeuten, dass man sofort in den Keller laufen muss.“ Einerseits. Andererseits haben er und die anderen Helfer bei ihrem vorletzten Besuch in Kiew einen heftigen Angriff erlebt: „Wir konnten nachts von unserem Hotelzimmer aus sehen, wie Drohnen abgeschossen wurden. Das mach einen schon nachdenklich.“ Ans Aufgeben haben sie aber trotzdem nie gedacht, auch wenn die Spendenakquise immer schwieriger wird.

Maruhn erinnert sich noch immer an seine allererste Fahrt, da hat er einer jungen, hochschwangeren Frau ein Lebensmittepaket überreicht. „Sie hat ein Lied für mich gesungen. Das war einer der emotionalsten Momente. Da wusste ich, dass das, was wir machen, wirklich sinnvoll ist.“ Heute bringen fast alle, die zur Verteilstelle kommen, kleine Geschenke mit. Briefe, Bilder, Eingemachtes, Süßigkeiten. „Uns schlägt eine unglaubliche Dankbarkeit entgegen. Das ist berührend“, sagt Maruhn.
So können Sie helfen
Wer „Ukraine wir kommen e.V.“ mit Spenden unterstützen will: Gebraucht werden dringend Hygieneprodukte (vor allem Windeln) in größeren Mengen sowie medizinische Hilfsmittel und Gerätschaften, dazu Geldspenden, um Lebensmittel und vor Ort deutlich günstigere Produkte in der Ukraine zu kaufen. Die Kontoverbindung lautet: Sparkasse Essen IBAN DE47 3605 0105 0003 4209 16, Wer Kontakt aufnehmen will, wendet sich per Mail an ukraine-wir-kommen@gmx.de - nach Absprache werden die Spenden auch abgeholt.
Auch dieser Verein aus Hattingen hilft bei der geschilderten Aktion: Hand in Hand mit der Ukraine e.V., IBAN: DE90 4305 1040 0000 2171 25 (Sparkasse Hattingen).
Nach etwa drei Stunden packen sie ihre Sachen zusammen, laden den weißen Kleintransporter und machen sich wieder auf den Weg. Es geht weiter nach Riwne, der westlich von Kiew gelegenen Partnerstadt Essens. Sie haben diesmal von einer Stiftung gespendete Musikinstrumente für ein Zentrum für Kinder mit Behinderungen dabei und Ausrüstung für eine Reha-Einrichtung im Krankenhaus 2, die die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ihnen mit auf den Weg gegeben hat. Am Dienstag überqueren sie wieder die polnische Grenze.



