Einmal abbiegen, dann ein zweites Mal: Links und rechts erstrecken sich erst Felder, doch die letzte Straße ist von einer Allee gesäumt. Dicke Baumstämme wachsen mit dem immer gleichen Abstand aus dem Boden, die Baumkronen geben sich über der Straße fast die Hand. Dahinter liegen die Häuser aus roten Ziegeln wie ein Dorf, eine Kirche steht zu Beginn der Straße. Über ihren Pforten stehen die Worte: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Das Bibelzitat wirkt wie ein Aushängeschild für die Evangelische Stiftung Lühlerheim: Hier kommen Menschen her, um zu heilen und zur Ruhe zu kommen.
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Das Areal ist groß: Hier, in Schermbeck auf der Lühlerheide, stehen Stallungen und Gebäude zusammen – umgeben von Feldern und Wiesen. „Die Landwirtschaft hat immer das Gesicht der Lühlerheide geprägt“, sagt Geschäftsführer Theo Lemken. Die Sozialeinrichtung der freien, gemeinnützigen Evangelischen Stiftung Lühlerheim für Senioren sowie für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten wurde bereits 1886 gegründet. Inzwischen wird die Einrichtung auch durch ambulante Angebote ergänzt. „Der Auftrag der Landwirtschaft war immer der, die Einrichtung zu versorgen. Das Milchvieh, die Bullenmast, die Schweine- und Pferdehaltung und das Getreide dienten dazu“, erzählt Lemken.
Landwirtschaft heute als freiwilliges Beschäftigungsangebot
Eine Kuhherde liegt gemütlich auf der Wiese und kaut genüsslich, stoppt aber, als Fin Wantia auf die Wiese tritt. Der Betriebsleiter im Bereich Landwirtschaft kennt sich genaustens aus: Obwohl mit der Zeit die meisten Hektar Land verpachtet wurden, hat sich die Stiftung 2015 dazu entschieden, die Landwirtschaft wieder in einem kleineren Rahmen aufzunehmen. Jedoch nicht aus einem Versorgungsgedanken heraus, sondern „als zusätzliches tagesstrukturierendes Angebot“, weiß Wantia. „Früher war es daher Pflicht, dass die Bewohnenden in der Landwirtschaft mitarbeiteten.“ Das ist heutzutage nicht mehr so. Das Angebot ist freiwillig.
Von 8 bis 12 Uhr werden die Tiere versorgt, das Streu gewechselt, die Ziegen umgetrieben. Es soll dabei unterstützen, eine Tagesstruktur zu geben. In manchen Fällen kann die Arbeit hier sogar als Praktikum angerechnet werden. Auch Ausbildungen sind auf der Lühlerheide möglich. Die Einrichtung möchte mit den Angeboten wohnungslosen Menschen eine Perspektive bieten. Auch, wenn das nicht bei allen gelingt. „Der Weg nach draußen ist immer das Ziel. Aber der Wohnungsmarkt ist für die Menschen, die zu uns kommen, einfach zu. Es gibt kaum Möglichkeiten“, beklagt Geschäftsführer Theo Lemken.

Neben der Kuhweide stehen unzählige Zicklein mit ihren Mama-Ziegen auf einer Wiese. „Das sind unsere Thüringer Waldziegen, mit denen wir auch Herdbuchzucht betreiben“, erklärt Fin Wantia. Die Zicklein saugen im Laufen an den Eutern ihrer Mütter und grasen im frischen Sommergras. Der Hof ist nicht nur landwirtschaftlicher Betrieb, sondern auch Archehof. Er widmet sich also dem Erhalt von vom Aussterben bedrohten alten Nutztierrassen.
Poitou-Esel Kenny und Jack verzaubern mit ihren großen braunen Augen
Sozialarbeiterin Hannah Locker schafft Momente zum Durchatmen für die Bewohnenden. Dabei braucht sie die tierische Unterstützung: „Unsere Poitou-Esel Kenny und Jack, vier Ziegen, neun Hennen und ein Hahn“, zählt sie auf. Zusammen mit Locker bilden die Tiere ein neues therapeutisches Angebot für psychisch belastete Menschen. Die vom Aussterben bedrohten Poitou-Esel Kenny und Jack sind zwei ausgesprochen schöne Tiere. Fast so groß wie ein Pferd, dunkelbraunes, wuscheliges Fell und noch wuscheligere Ohren. Ihre großen, dunklen Augen werden von weißem Fell umrandet, genau wie ihr Maul. Vor ihrer Wiese steht eine Bank zum Verweilen.

Bisher wird die tierische Unterstützung mittwochs und freitags angeboten, sowohl in kleinen Gruppen, als auch in Einzelsitzungen. Birgit Koch, Betreuungsassistentin im Sozialen Dienst des Seniorenheims, ist mehr als begeistert von dem Angebot. Gerade bei Demenzerkrankten macht sie gute Erfahrungen mit der neuen Therapiemöglichkeit, die seit dem Frühjahr angeboten wird: „Manche Menschen hatten ihr ganzes Leben schon Tiere. Das weckt Erinnerungen. Man vergisst bei ihnen wirklich Zeit und Raum. Das löst auch Reaktionen aus, die ich anders vielleicht nicht erreichen würde“, berichtet Koch. Der Kontakt mit den Tieren scheint Lebensfreude zurückzugeben. Sogar die Sprache kommt wieder: „Wir haben mehrere stark demenzkranke Personen, die eigentlich nicht oder kaum mehr sprechen. Nach der Zeit mit den Tieren hat eine Person auf einmal wieder ein paar Sätze gesprochen“, erinnert sich Koch.
Tiere fördern Achtsamkeit und Entspannung im Heim
Stationsleitung Hannah Locker weiß, warum die Tiere helfen: Sie vermitteln Achtsamkeit. „Die Bewohnenden spüren: Wie habe ich die Tiere wahrgenommen? Wie habe ich mich gefühlt? Ich kann hier sein, wie ich möchte, und muss nicht an meine Sorgen denken.“ Geplant ist, das Angebot in der Zukunft auch zu öffnen, etwa für Schulen oder andere soziale Einrichtungen.
Mitten im Dorf ist auch das Hofcafé zu finden. In der Auslage der Kuchentheke warten die Torten darauf, bestellt und vernascht zu werden: Stachelbeerbaisertorte, Erdbeer- und Apfelweinkuchen, Käsekuchen, Kirschstreusel. An der Wand hängen Bilder der Künstlerin Edith Bein. Sie bringen etwas Farbe in den Raum. Auch Deko-Gegenstände aus der Werkstatt des Heims werden hier zum Verkauf angeboten. Noch ist es hier ruhig, aber gerade am Wochenende ist das Hofcafé eine willkommene Möglichkeit zum Pausieren für Wandernde und Radfahrende. Dekogegenstände aus der Werkstatt des Heims werden hier zum Verkauf angeboten.
Das Hofcafé Lühlerheide
Seit März öffnet das Café am Archehof Lühlerheide, Marienthaler Str. 10, in Schermbeck, mittwochs bis sonntags und an Feiertagen von 12 bis 18 Uhr. Montag und Dienstag sind Ruhetage. Ab November bleibt das Hofcafé unter der Woche geschlossen und öffnet samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr. Im Dezember und Januar ist Winterpause. Weitere Infos unter www.hof-luehlerheide.de/cafe-luehlerheide/.
„Wir möchten ein Treffpunkt für Familien sein. Wir haben zum Beispiel demnächst eine Hofralley geplant. Ein Naturpädagoge bietet hier auch Angebote für Schulen und Kitas, es gibt ein Theaterprojekt sowie ein Hof-Jazzkonzert“, zählt Geschäftsführer Theo Lemken auf. Die Lühlerheide ist also nicht nur ein Ort zum Heilen, sondern auch zum Entspannen für Menschen in ihrer Freizeit.



