Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Bärbel Scholtheis kennt den Niederrhein mit seinen besonderen Orten und Geschichten. Sie hat ihr ganzes Leben hier verbracht, ist Naturführerin, freie Rednerin und vermietet ihre Ferienwohnung an Gäste, die an den Niederrhein kommen. Im Gespräch erzählt sie, was diese Region für sie so lebenswert macht, warum es sich immer lohnt, genauer hinzuschauen, und welchen Zauber Kuhfladen inne haben.

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Viele halten den Niederrhein für flach und langweilig. Wieso ist das ein Irrtum?

Der Niederrhein ist nicht langweilig, absolut nicht. Der hat so viel, was man da machen kann. Man sollte richtig hinsehen, und flach ist er auch nicht. Wir haben am Niederrhein eine typische Endmoränenlandschaft. Dazu gehören auch die Schaephuysener Höhen und die Sonsbecker Schweiz. Von denen hat man auch einen tollen Blick. Und wir haben Halden, die sind zwar nicht natürlich geschaffen, aber sie gehören zum Niederrhein. Von der Halde Norddeutschland hat man einen wunderschönen Blick.

Auf der einen Seite sieht man die niederrheinische Kulturlandschaft, mittlerweile mit Windrädern. Und auf der anderen Seite hat man die Industriekultur vom Ruhrgebiet. Allein auf der Halde Norddeutschland kann man wirklich einen ganzen Tag verbringen, wenn man sich mal alles in Ruhe anschaut. Und abends kann man von dort noch wunderbar Sterne gucken. Die Kulturlandschaft ist am Niederrhein sehr abwechslungsreich. Auch die alten Rheinarme gehören dazu. Die Bislicher Insel in Xanten ist auch immer einen Ausflug wert. Man kann da ganz viel Natur entdecken.

Sie haben eine Ferienwohnung auf Ihrem Hof. Wohin schicken Sie Ihre Gäste?

Halde Norddeutschland und Schloss Bloemersheim sind für mich Orte, die man gesehen haben muss. Oder eine Wanderung durch den Littarder Forst an den Kuhlen vorbei. Aber die meisten Leute wollen hier gar nichts unternehmen. Sie wollen einfach dasitzen, in die Weite schauen und die Natur genießen. Es kommen auch welche mit dem Fahrrad, die machen natürlich ihre Touren, aber die meisten wollen einfach die Ruhe genießen, die Frösche hören und sich darüber freuen, dass der Fasan bis an die Wohnung kommt.

Woher kommen Ihre Gäste?

Die meisten kommen aus dem Ruhrgebiet oder großen Städten in NRW. Ihnen ist eine kurze Anreise wichtig und einfach mal herauszukommen. Die Sehnsucht nach dem Land wird immer größer. Gerade jetzt, wenn die Sommer heißer werden. Die hohen Temperaturen sind auf dem Land leichter auszuhalten.

Bärbel Scholtheis

Bärbel Scholtheis lebt auf dem Weyershof in Neukirchen-Vluyn. Dort hat sie als Kind einer Landwirtin und eines Landwirts fast ihr ganzes Leben (bis auf zwei Jahre) verbracht. Sie ist als Natur- und Landschafts­guide am Niederrhein unterwegs und zeigt auf ihren Touren, was ihre Heimatregion auszeichnet. Sie setzt dabei darauf, die Natur mit allen Sinnen zu genießen. Auf einigen Touren wird sie auch von ihren beiden Eseln Flocke und Frida begleitet. Die 58-Jährige ist außerdem als freie Rednerin am Niederrhein tätig. Sie traut Menschen aus der Region, spricht auf Trauerfeiern und Kinderwillkommensfeiern. www.baerbel-scholtheis.de

Sie sind auch Naturführerin am Niederrhein. Was entdecken die Menschen mit Ihnen, das sie überrascht?

Bei meinen Touren geht es auch darum, den Blick auf Kleinigkeiten zu richten. Man läuft zum Beispiel durch den Wald, und es geht dabei nicht um die Strecke, sondern darum, auch einfach mal stehenzubleiben. Zum Beispiel vor einem Totholzstamm und sich den genau anzuschauen. Man schaut die Tiere genauer an. 97 Prozent der Tiere sind wirbellose Tiere. Die wirklichen Helden der Natur sind nicht die Big Five in Afrika. Für mich zumindest nicht. Für mich sind das Kleinstlebewesen.

Gibt’s auch die Big Five am Niederrhein?

Da muss ich überlegen. Für mich sind es der Held vom Feld, der Regenwurm, meine Esel (lacht) und es gibt auf jeden Fall noch den Steinkauz. Ich glaube, es gibt mehr als fünf am Niederrhein. Wahrscheinlich kommen wir auf mindestens zehn.

Was hat Sie zuletzt überrascht, als Sie am Niederrhein unterwegs waren?

Ich war gar nicht unterwegs. Ich habe vor ein paar Tagen im Garten gesessen, auf einmal ein irres Knacken und Krachen gehört und habe gedacht: Was ist das? Und dann ist ohne Wind und Sturm einfach eine riesengroße Pappel umgefallen.

Echt?

Ja. Ich habe mir den Baum angeschaut. Von außen sah er vollkommen intakt aus, aber innen war er komplett morsch und hohl. Es ist faszinierend, wie Kleinstlebewesen so etwas zustande bringen. Das ist schon ein Wunder und überrascht einen.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Ja, meine Wiese gegenüber von unserem Hof. Dort gibt es einen kleinen Graben. Als ich noch ein Kind war, war da auch gelegentlich Wasser drin. Außerdem gibt es dort Kopfweiden und Erlen. Das ist für mich ein Entspannungsweg. Kopfweiden sind ganz besondere Bäume. Man denkt immer, dass sie ihre Zeit hinter sich haben, aber dann bekommen sie wieder grüne Blätter und sind Lebensraum für den Steinkauz und jede Menge andere Tiere. Wenn man da spazierengeht und aufmerksam ist, kommt man runter.

Haben Sie die Natur des Niederrheins schon immer zu schätzen gewusst? Oder gab es einen Aha-Moment für Sie?

Ich habe die Natur schon als Kind sehr bewusst genossen. Ich war immer gerne draußen und meine Eltern waren mir große Vorbilder. Sie sind immer respektvoll mit der Natur umgegangen. Wir haben damals vom landwirtschaftlichen Betrieb gelebt, die Natur war unsere Lebensgrundlage. Ich habe diesen bewussten Blick, die Natur zu schätzen und zu respektieren, in meiner Kindheit gelernt. Auch die kleinen Sachen, auf die ich gerne bei meinen Wanderungen aufmerksam mache.

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Welche Jahreszeit ist denn am schönsten hier?

Frühling! Wenn das Leben wiederkommt und die Natur mit ihrem frischen Grün erwacht. Am schönsten ist dieser erste Moment im Frühling, wenn man in der Natur unterwegs ist und nach einem Frühlingsregen die Erde riecht. Das ist ein besonderer Geruch, und dann weiß ich: Jetzt geht es wieder richtig los. Das ist für mich die schönste Zeit.

Gibt es Dinge aus der Natur, die Sie besonders faszinieren?

Mein Lieblingsobjekt ist der Kuhfladen. Was da alles drin ist! Der Kuhfladen ist Brutstätte und Lebensraum für ganz viele Tiere. Innerhalb weniger Wochen ist er vollständig verarbeitet und Dünger für die Pflanzen. Als Kind habe ich tatsächlich damit gespielt. Wenn der Kuhfladen auf der Wiese im Sommer ausgetrocknet ist, dann habe ich obendrauf Gänseblümchen gepflanzt. Ich war immer am Niederrhein ganz tief verwurzelt und werde es, glaube ich, immer sein. Und wenn ich mal in Urlaub fahre – es gibt schließlich viele schöne Orte –, freue ich mich immer besonders, wenn ich wieder nach Hause komme …

Wie gelingt es, die Natur vor der eigenen Haustür wahrzunehmen?

Mit Ruhe. Das Handy zu Hause lassen. Keine Pflanzen-App mitnehmen, sondern sich einfach richtig darauf einlassen und selbst mal was unter die Lupe nehmen. Eine spannende Methode ist es auch, wenn man seine Sinne einzeln einsetzt. Wenn man mit einer Person unterwegs ist, der man vertraut, kann man mal mit verbundenen Augen ein Holz in die Hand nehmen oder man riecht ganz genau an einem Minzblatt, das man zerreibt. Einfach mal keine Flut an Informationen zu bekommen, sondern alles allmählich wahrzunehmen. Ich biete auch Touren an, bei denen man mit den einzelnen Sinnen die Natur erfahren kann.

Brauchen Menschen die Natur heute mehr als früher?

Wir haben einen sehr hektischen Alltag, aus dem wir raus müssen. Die meisten Menschen kommen gar nicht mehr zur Ruhe. Wir haben ständig unser Handy bei uns, haben dieses Gefühl, wir müssen wieder draufsehen. Ist eine Nachricht gekommen? Dann gibt es noch die weltweiten Nachrichten, die natürlich auch etwas mit uns machen. Deshalb glaube ich, dass es ganz wichtig ist, dass man in die Natur geht, um herunterzukommen.

Und dafür ist der Niederrhein bestens geeignet. Also ist der Niederrhein eigentlich die beste Region, die es gibt, oder?

Absolut. Es ist ein Geschenk, wenn man hier wohnen darf. Wir haben die Natur, aber wir haben auch eine gute Anbindung an die Städte. Wir haben alle Möglichkeiten. Ob Natur, Kultur oder ein Ausflug in eine große Stadt, das ist alles kein Problem.