„Wegen Geschäftsaufgabe schließen wir zum 31.12.95“, steht auf einem kleinen Schild an der Zapfsäule. Doch neuerdings muss Christine Koopmann immer wieder die Frage beantworten, ob man hier, an der Eller-Montan-Tankstelle, tanken kann. Verständlich, denn in großen roten Lettern steht an einer Tafel „Diesel: 1,14“.

Dass diese Ziffer noch in D-Mark angegeben wird, erkennt man nicht von weitem. Christine kann nur lachen. „Wir müssen es deutlicher kennzeichnen, dass die Tafel nur ein Ausstellungsstück ist“, so wie die Zapfsäulen auch. Denn 31 Jahre nach der Schließung der Tankstelle an der Kamper Straße 70 in Rheurdt hat sich Familie Koopmann ein Projekt vorgenommen: Aus der ehemaligen Tankstelle soll ein kleines Kulturdenkmal werden.

historische Tankstelle Rheurdt
Die Preise an der Tankstelle sind (leider) in D-Mark angegeben. © FUNKE Foto Services | Christian Creon

Eingebrockt hat das Sohn Frank. Der Sockel der Zapfsäulen mitten auf dem Hof vor dem Wohnhaus ist über die Jahre ziemlich heruntergekommen. „Das sah unmöglich aus“, erinnert sich Christine Koopmann. Eigentlich will sie daraus ein Blumenbeet machen und die letzte Spur der Tankstelle damit endgültig verschwinden lassen. Doch Sohn Frank will das nicht hinnehmen. Er schenkt seinem Vater Franz eine Retro-Zapfsäule und eine Palette Fliesen zum 80. Geburtstag. „Ich sollte es als Geschenk betrachten“, erinnert sich Franz Koopmann skeptisch. Doch jetzt ist daraus ein ganzes Projekt entstanden.

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Nun strahlen die zwei Retro-Zapfsäulen aus den 60er Jahren wieder gelb, ein Banner von Eller Montan in passender Farbe ist darüber gespannt. Die Anzeigetafel für die Preise hängt dahinter. Sogar eine Mofa-Tanksäule für Zweitakt-Gemisch ist wieder da. Natürlich alles nur Attrappe. Und die Infotafeln fehlen auch. Das Dorfdenkmal zum Besuchen, das die Familie auf dem Hof samt Tankstelle und der alten Schmiede daneben plant, steht also noch in den Startlöchern.

88-Jähriger erzählt von Schmiedelehre in den 50er Jahren

Eine Landstraße führt direkt am Haus der Koopmanns vorbei. Ein vorbeifahrendes Auto hupt, Christine winkt ihm freundlich nach. Zeit für einen Plausch hat sie nicht, in der alten Schmiede wartet eine Geschichtsstunde auf die 77‑Jährige. Denn dort sitzen ihr Mann Franz Koopmann, der Bürgermeister von Rheurdt, Dirk Ketelaers, die Lebensgefährtin des Sohnes, Alexandra Schöttler, und Karl Witzdam.

Witzdam nimmt alle mit auf Zeitreise: Mit 15 Jahren, Anfang der 50er, beginnt er als letzter Lehrling seine Lehre zum Schmied im Betrieb der Familie, damals noch unter Christines Großvater, Heinrich Hubert Tooten. Ihn kennt man nur mit Pfeife im Mund und in seinen „Klompen“, den holzgeschnitzten Arbeitsschuhen.

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Die Schmiede, in der Witzdam damals schuftete, steht noch da wie vor 60 Jahren und rundet die Zeitreise zusammen mit der Retro-Tankstelle ab. Der Ofen ist schwarz vor Ruß, die alten Hämmer und Zangen hängen daneben. Auch die alten Geräte hat die Familie aufbewahrt. Der Erzfeind des heute 88-Jährigen ist der Schweißumformer: „Das war ein Geheule, bis ich den gedreht hatte. Ich war so ein dünner Kerl. Ich habe auf der Munitionskiste gestanden, um zu schlagen“, erinnert er sich. Eine andere Zeit eben. „Das war alles vor der Hydraulik. Ich war die Hydraulik“, sagt Witzdam lachend. Er steht auf und nimmt das alte Werkzeug von damals in die Hand, schlägt zweimal auf den Amboss. Die Handgriffe des 88-Jährigen sitzen noch immer perfekt.

historische Tankstelle Rheurdt
Karl Witzdam war der letzte Lehrling, der in der Schmiede der Familie ausgebildet wurde.© FUNKE Foto Services | Christian Creon

Immer häufiger sieht man in den 1950er Jahren dann auch Autos auf den Straßen am Niederrhein, und so errichtet die Familie 1955 eine erste Zapfsäule neben der Schmiede. Ende der 60er kommt eine zweite dazu. Inzwischen haben Christine und Franz Koopmann geheiratet und Sohn Frank bekommen. Als Tankstellenkind bringt sich Christine Koopmann das Autofahren natürlich selbst bei, ihr Sohn wird es ihr später nachmachen. Nach einem bösen Sturz vom Rad mit fünf Jahren will dieser erst mal nicht mehr lernen, wie man Fahrrad fährt. Doch Autos interessieren ihn. Und Kraftstoff gibt es auf der elterlichen Tankstelle mehr als genug.

Vater Franz schraubt kurzerhand zwei dicke Holzklötze an die Pedale eines alten NSU Prinz, weil der Fünfjährige mit seinen Beinen noch nicht so weit reichen kann. Und so lernt Frank das Autofahren – vor dem Fahrradfahren – in einem NSU Prinz. „Heute würde ich das gar nicht mehr gestatten“, gesteht Franz Koopmann. Jahre später fällt dem Fahrlehrer von Frank natürlich auf, dass der junge Mann bereits Erfahrung hat. „Du kannst zwar fahren, aber du fährst wie ein Kleinkind“, soll der Fahrlehrer zu Frank in der ersten Stunde gesagt haben. Er lenkt mit den Armen über Kreuz. So, wie sich Kinder das Fahren eben beibringen würden.

Zapfsäule ohne Aufsicht lädt zum Schummeln ein

In all den Jahren verzichtet die Tankstelle auf ein klassisches Verkaufshäuschen. Wer tankt, klingelt bei Großmutter Amanda Tooten, zahlt und wird mit etwas Glück auf einen Plausch in die Küche eingeladen. Doch Gelegenheit macht Diebe, und so nutzen manche Besuchende die fehlende Aufsicht an der Zapfsäule aus. Franz Koopmann erwischt einen der Übeltäter auf frischer Tat. Er sagt nur: „Ich bin nicht der Einzige, der das hier macht.“ Gerade die Mofafahrer erschummeln sich an der Säule einen niedrigeren Preis.

Das weiß auch Bürgermeister Dirk Ketelaers, wie er nun am Tisch der Familie zugibt. Ob der Bürgermeister sich als junger Bub auch zu solchen Dummheiten hat hinreißen lassen? Dirk Ketelaers verneint vehement: „Ich hätte mich nicht mal getraut, einen Kaugummi zu klauen.“ Leider schließt die Eller Montan, bevor er sein erstes Auto hier tanken kann: „Pünktlich zu meinem Führerschein hat die Tankstelle leider dichtgemacht“, erinnert sich der Bürgermeister.

Dorftankstelle in Rheurdt

Wer an der Kamper Straße 70 in Rheurdt vorbeifährt und sich die Retro-Tankstelle der Familie Tooten/Koopmann genauer anschauen möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Ob sich die Familie in Zukunft die Tore der alten Schmiede für Besuchende öffnet, steht bisher nicht fest. Nur so viel verrät sie: Mit den Restaurierungen sind sie noch lange nicht fertig.

Anfang der 90er entscheiden sich die Koopmanns, die Tankstelle zu schließen. Das fällt vor allem Großmutter Amanda schwer. „Der Verdienst der Tankstelle war das Sekundäre. Wo zwei satt werden, werden auch drei satt. Aber der Kontakt zu den Menschen hat ihr einfach gefehlt“, erinnert sich Franz Koopmann an die Zeit danach. Seit der Restaurierung der Zapfsäulen hat die Familie wieder mehr Besuch: Neugierige Nachbarn oder Passanten halten wieder an, um mit der Familie ins Gespräch zu kommen. Wenn Amanda Tooten jetzt sehen könnte, was hier auf ihrem Hof 31 Jahre später wieder los ist...