"Ich will nicht mehr schnell sein"

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Wer Ursula Graeff-Hirsch begegnet, wird danach so schnell keine Angst mehr vor dem Alter haben. Weil sie das beste Beispiel dafür ist, dass Jungsein nichts mit einem Geburtsdatum oder Faltenlosigkeit zu tun hat, sondern mit einer Einstellung zur Welt, die sich mit den Eigenschaften Toleranz, Aufgeschlossenheit und Neugier umreißen lässt. Deswegen ist Ursula Graeff-Hirsch auch mit 78 noch sehr jung.

Und sie hat noch immer viel zu tun. Graeff-Hirsch ist freischaffende Künstlerin und das seit mehr als 50 Jahren. Bis heute sieht man ihre Arbeiten regelmäßig bei Ausstellungen in Mülheim, wo sie seit 1970 lebt, und in ihrer Heimatstadt Essen. Über die Jahre hat sich ihr Werk verändert, auch deshalb, weil ihr Angst vor Neuem fremd ist. Geblieben ist der Humor, den man in vielen ihrer Arbeiten findet, heute fast noch mehr als früher. Und wer je mit ihr gereist ist, weiß, dass man mit ihr irgendwann immer an den ausgefallensten und trendigsten Orten der Stadt landet. Sie hat ein Gespür für sowas.

Ursula Hirsch ist eben eine Reisende im Leben wie in der Kunst. Mit 25 hat sich die gelernte Glasmalerin selbstständig gemacht, sie hat Kirchenfenster und die Fenster von Wohnhäusern kreiert, in Essen und Umgebung, in Frankreich und anderswo, und sich doch nie auf diesen Bereich beschränkt, sondern sich als Künstlerin auf dem ganzen weiten Feld der Malerei betätigt. Für das Kloster Saarn zum Beispiel hat sie den Kreuzweg gestaltet.

In der Essener Kunstszene lernte sie irgendwann Werner Graeff kennen, Bauhauskünstler und 28 Jahre älter als sie. Graeff hatte bereits eine Ehe hinter sich und war Vater eines Sohnes. Hirsch und Graeff heirateten, „aber wir wollten keine Kinder, wir wollten arbeiten.” Das haben sie getan, gemeinsam und doch jeder für sich, bis zum Tod von Werner Graeff im Jahr 1978. Zu Graeffs in den USA lebendem Sohn hat sie bis heute regelmäßigen Kontakt.

Und geblieben ist auch die unermüdliche kreative Tätigkeit, verbunden mit viel Engagement. Nach dem Tod ihres Mannes bekam sie Verbindungen zur Frauenbewegung, machte sich mit einigen Mitstreiterinnen für einen Beginenhof in Mülheim stark, ein Projekt, das allerdings nie realisiert wurde.

Eine Bekannte regte sie vor einiger Zeit dazu an, ihre Lebensgeschichte und ihre Erinnerungen an den Nationalsozialismus aufzuschreiben. Daneben dokumentiert sie die Erinnerungen ihres Mannes an die Bauhauszeit. „Eine gute und interessante Arbeit zu haben”, das sei wichtig und halte einen davon ab, zu viel über den Prozess des Alterns nachzudenken, glaubt die 78-Jährige. Ohne Plan in den Tag hineinzuleben, langweilige Abende vorm Fernsehen zu verbringen? Sowas kennt Ursula Hirsch nicht, sie hat noch nie einen Fernseher besessen.

„Aber natürlich stelle ich fest, dass ich langsamer geworden bin. Ich habe mein Programm zurückgefahren, viele Dinge dürfen bei mir Zeit haben. Denn jetzt will ich auch gar nicht mehr schnell sein.” Das ist die eine Seite, auf der anderen steht eine Reihe von Aktivitäten, auch sportlicher Art: Qigong, Gymnastik, meditativer Tanz. „Was sowas angeht, hab ich noch nie soviel gemacht wie jetzt. Anstatt jede Woche drei Stunden beim Arzt zu sitzen, gehe ich drei Stunden in die Sauna.”

Und trotz ihres „Vergnügens am Sein” hat sie sich natürlich auch mit Alter und Tod auseinandergesetzt. „Denn ich bin mir bewusst, dass sich dieses Vergnügen reduzieren wird. Das Altern und das Weggehen ist für mich der Spannungsbogen, in dem wir leben. Ewig zu leben wäre für mich eine furchtbare Vorstellung.”

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